Linksliberale sind weder links noch liberal
Linksliberale sind weder links noch liberal
Datum: 20.04.2021 - 09:41 Uhr
Politisch links zu sein ist für Sahra Wagenknecht mehr als eine Positionierung, für sie ist es eine Herzensangelegenheit. Das kann man gut finden, muss man aber nicht. Aber die Konsequenz, mit der sie ihre Überzeugung vertritt - argumentativ schlüssig, rhetorisch begabt und optisch durchausein Hingucker - nötigt Respekt ab. Zumindest bei den politischen Gegnern. In den eigenen Reihen hat sie hingegen derzeit einen schweren Stand. Die fühlen sich nämlich offenbar in Wagenknechts neuem Buch »Die Selbstgerechten« ertappt. Dort werden sie als »Lifestyle-Linke« bezeichnet.
In ihrem Buch (Auszüge hier im Focus) lässt Wagenknecht kein gutes Haar an ihnen. So schreibt sie: »Der Lifestyle-Linke lebt in einer anderen Welt.« Der Nationalstaat sei aus deren Sicht ein Auslaufmodell, er selbst halte sich für einen Weltbürger, »den mit dem eigenen Land eher wenig verbindet.« Eine entsprechend ausgerichtete Aussage findet sich zum Beispiel im Buch von Robert Habeck. Der schrieb: »Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland noch nie etwas anzufangen und weiß es bis heute nicht.«
Wagenknecht weiter: »Generell schätzt der Lifestyle-Linke Autonomie und Selbstverwirklichung mehr als Tradition und Gemeinschaft. Überkommene Werte wie Leistung, Fleiß und Anstrengung findet er uncool. Das gilt vor allem für die jüngere Generation, die von umsorgenden, meist gutsituierten Helikoptereltern so sanft ins Leben begleitet wurde, dass sie existenzielle soziale Ängste und den aus ihnen erwachsenden Druck nie kennengelernt hat. Papas kleines Vermögen und Mamas Beziehungen geben zumindest so viel Sicherheit, dass sich auch längere unbezahlte Praktika oder berufliche Fehlschläge überbrücken lassen.«
Ergo, so ihr Resümmee, interessieren den Lifestyle-Linken soziale Fragen auch nur am Rande; er kommt mit ihnen ja auch kaum in persönlichen Kontakt.
Und einmal richtig in Fahrt, legt sie gleich noch nach: »Was den Lifestyle-Linken in den Augen vieler Menschen und vor allem der weniger Begünstigten so unsympathisch macht, ist seine offensichtliche Neigung, seine Privilegien für persönliche Tugenden zu halten und seine Weltsicht und Lebensweise zum Inbegriff von Progressivität und Verantwortung zu verklären. Es ist die Selbstzufriedenheit des moralisch Überlegenen, die viele Lifestyle-Linke ausstrahlen, die allzu aufdringlich zur Schau gestellte Überzeugung, auf der Seite des Guten, des Rechts und der Vernunft zu stehen. Es ist die Überheblichkeit, mit der sie auf die Lebenswelt, die Nöte, ja sogar auf die Sprache jener Menschen hinabsehen, die nie eine Universität besuchen konnten, eher im kleinstädtischen Umfeld leben und die Zutaten für ihren Grillabend schon deshalb bei Aldi holen, weil das Geld bis zum Monatsende reichen muss. Und es ist der unverkennbare Mangel an Mitgefühl mit denen, die um ihr bisschen Wohlstand viel härter kämpfen müssen, so sie überhaupt welchen haben, und die vielleicht auch deshalb zuweilen härter oder grimmiger wirken und schlechter gelaunt sind.«
Wie eingangs erwähnt: man kann über Sahra Wagenknecht durchaus geteilter Meinung sein, aber ihre Abrechnung mit den Lifestyle-Linken, wovon hier nur einige wenige Passagen veröffentlicht sind, hat es in sich.
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