FW-Geschichte_ 17. Juni 1953 - Volksaufstand gegen das SED-Regime

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FW-Geschichte_ 17. Juni 1953 - Volksaufstand gegen das SED-Regime
Datum: 17.06.2021 - 11:30 Uhr

Das SED-Regime durchlebte aufgrund der mit Mängeln behafteten sozialistischen Planwirtschaft und den in den Jahren zuvor vollstreckten Enteignungen von landwirtschaftlichen Nutzflächen sowie der Schaffung der ebenfalls nicht zielführenden LPG (landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) eine veritable Ernährungskrise. Die Realitäten führten die utopischen sozialistischen Planspiele ad absurdum. Außerdem entzogen sich Menschen in großer Zahl dem Zugriffsbereich des SED-Regimes und gingen über Westberlin in die Bundesrepublik Deutschland (»Abstimmung mit den Füßen«). Weil aber die Betonköpfe im ZK (Zentralkomitee) durch ihre sozialistische Verblendung diese Realitäten nicht erkennen konnten, setzten sie in der Produktion warenübergreifend eine Normerhöhung von zehn Prozent fest, ohne aber gleichzeitig den entsprechenden Lohn zu erhöhen.

Am 12. Juni begannen die ersten Proteste, meist in kleineren Gemeinden, wo SED-Symbole verbrannt wurden oder hier und da der örtliche Parteibonze unfreiwillig direkten Kontakt mit einer Jauchegrube machte. Allmählich aber erreichten die Proteste auch die Zentren und am 16. Juni legten die Bauarbeiter an zwei Großbaustellen, eine in der damaligen Stalin-Allee (heute Karl-Marx-Allee) und die andere am Krankenhausneubau im Stadtteil Friedrichshain, nieder. Die Arbeiter zogen Richtung Leipziger Straße, auf diesem Weg schlossen sich ihnen immer mehr Menschen an.

Zwar waren in der Zwischenzeit die Normenerhöhungen vom ZK zurückgenommen worden, doch nun hatten sich die Forderungen der Demonstranten quasi verselbständigt. Sie wollten den Wegfall der Zensur, Versammlungs-, Meinungs-, Rede- und Reisefreiheit, freie Wahlen und den Rücktritt der Regierung. In den frühen Morgenstunden ließ das SED-Regime zunächst Volkspolizisten (VoPo) ausrücken, um der Sache Herr zu werden. Doch die waren entweder hoffnungslos überfordert oder schlossen sich den Demonstranten an. Weil die Führungsspitze der SED der Sache nicht Herr werden konnte, flüchtete sie in die ehemalige Festungspionierschule im Stadtteil Karlshorst und kroch dort bei der sowjetischen Militäradministration unter. Die Sowjets ihrerseits verhängten nun über 167 der 217 Kreise den Ausnahmezustand, de facto war es ein Zustand wie unmittelbar nach der Teilung, als in der SBZ (sowjetisch besetzten Zone) das Kriegsrecht galt.

Bei den Demonstrationen wurden nachweislich 34 Demonstranten von VoPo oder Sowjetsoldaten erschossen (die Dunkelziffer ist vermutlich deutlich höher). Etliche Menschen wurden verletzt, viele ergriffen und vor Kriegsgerichte gestellt. Nachweislich sieben Menschen wurden nach Urteilen von SED-Richtern oder Sowjetrichtern hingerichtet, aufgrund der miserablen Haftbedingungen starben in den Politknästen nachweislich vier Personen, nachweislich vier Inhaftierte begingen Suizid. Die Dunkelziffer dürfte bei all diesen Gruppen um ein Vielfaches höher sein.

Westliche Quellen gehen von über 500 erschossenen, gemordeten oder durch die SED- respektive Sowjetjustiz gelynchte Menschen aus. Fast 2.000 Menschen wurden von der SED-Justiz eingeknastet.

Es sollte noch weitere 36 Jahre dauern, bis sich die Menschen vom Joch des SED-Regimes befreien würden.

Sven von Storch

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