Frohe Weihnachten nachträglich!
Frohe Weihnachten nachträglich!
Datum: 11.01.2017 - 11:40 Uhr
Natürlich taten der selbstgemachte Geschenke-Stress und der Druck, kurz vor Jahresende noch alles Mögliche erledigen zu wollen, das Ihrige. Zudem lag ich in der letzten Adventswoche erkältet im Bett und sog mit fiebrigen Augen die Nachrichten vom Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt auf. Haften blieb das Bild, wie der schwarze Todes-Lkw durch die festlich geschmückten Buden raste, bevor er mit zersplitterter Frontscheibe stehen blieb.
Meinen Angehörigen, die sich zu Weihnachtseinkäufen in die Berliner Shoppingmeilen aufmachten, erteilte ich den völlig unnützen Ratschlag, „wachsam“ zu sein. Im Heiligabend-Gottesdienst hockte ich wie hinter Panzerglas. Bescherung, Lieder, Familienessen verpufften wirkungslos. Aus meinem Hinterkopf wollte die angespannte Erwartung nicht weichen, gerade jetzt würden „sie“ versuchen, erneut zuzuschlagen. Ihr Ziel, Ängste oder zumindest eine latente innere Unruhe zu verbreiten, haben die Islamisten bei mir leider erreicht. Die traditionell besinnlichste, ruhigste und friedlichste Zeit des Jahres verkehrte sich ins Gegenteil.
Silvester und Neujahr wurde es nicht besser. In den Böllern auf den Straßen hörte ich die tödlichen Schüsse von Istanbul, wo Menschen ermordet wurden, weil sie „unislamisch“ feierten. In den erlebnisorientierten „Nafris“, die sich auch in diesem Jahr wieder zu Tausenden auf der Kölner Domplatte und in vielen westdeutschen Innenstädten versammelten, sah ich Vorboten für den Einzug einer aus deren Herkunftsländern importierten Instabilität auch in Deutschland.
Früher als sonst wurden der Weihnachtsbaum aus der Wohnung geschafft und die Deko abgeräumt. Und dann – zusammen mit den ersten Schneeflocken – kam plötzlich der Ohrwurm: „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben“. Einen ganzen Tag lang ließ mich das Lied nicht mehr los, und auf einmal war sie da, die so dringend ersehnte „Besinnung“ – ausgerechnet in dem Moment, da die letzten Weihnachtsurlauber zurückkehrten und das Neue Jahr vom Feiertagsmodus auf die graue Endlos-Alltagsstrecke bis Ostern umschaltete. Wobei die Russen ja auch erst am 6./7. Januar Weihnachten feiern und die Polen ihre Weihnachtslieder sogar bis Ende Januar singen können.
„Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren.“
Man kann sie glauben oder nicht, die Geschichte vom Gottessohn, der in der Krippe Mensch geworden ist; der ans Kreuz geschlagen wurde, weil den Herrschenden seine Gute Nachricht nicht gefiel, welche dem einzelnen Menschen eine bis dahin nicht gekannte Würde und Individualität verlieh: Gott liebt dich, also sollst auch du Gott lieben und dich selbst wie deinen Nächsten! Der aus seinem Grab auferstand und damit den Tod überwand.
In Deutschland wird sie heute immer weniger geglaubt, diese Geschichte, auch nicht in den von reichlich Steuergeld korrumpierten und vom Schwimmen mit dem Strom völlig konturlos gewordenen Großkirchen. Doch das menschliche Grundbedürfnis nach Lebenssinn verlangt nach einer Füllung des entstandenen Vakuums. Stetig wächst somit die gesellschaftliche Anerkennung für eine andere Geschichte: die vom unnahbaren, Furcht einflößenden Allah, obwohl (oder gerade weil) das spirituelle Potential dieser Religion überschaubar erscheint, der Drang ihrer Führer, sich in irdische Angelegenheiten zu mischen, übermächtig ist und in ihrem Namen weltweit jedes Jahr zehntausendfach gemordet wird. Immer mehr Raum nimmt sie bei uns ein: in den Nachrichten, im Straßenleben, auf Kita-Speiseplänen, in Schwimmbädern, in Lehrplänen von Schulen und Universitäten, in den beschwichtigenden Sonntagsreden von Politikern, Lobbyisten und Kirchenführern.
Christliche Stimmen dagegen sind in der deutschen Öffentlichkeit völlig verstummt. Auch dass Christen die in der Welt am stärksten verfolgte religiöse Gruppe darstellen (meist in islamischen Ländern), wird kaum thematisiert. Den Ton geben entweder die postreligiös-hedonistischen Im-Hier-und-Jetzt-Genießer an, die sich erhaben fühlen über vergangene Zeiten und den abhanden gekommenen Glauben ihrer Vorfahren. Oder jene „Linken“, die sofort ihr „Aber die Kreuzzüge!“-Geschrei anstimmen, wenn ihre muslimischen Schützlinge, die sie in einer grotesken Täter-Opfer-Umkehr pauschal zu den „neuen Juden“ erklären, mit Kritik am Islam konfrontiert werden.
Haben wir wirklich vergessen, was alles maßgeblich auf der Geschichte vom Kind in der Krippe basiert? Unsere Kultur (von klassisch bis experimentell), unser Rechtssystem, unser Demokratieverständnis, unsere individuellen Lebensentwürfe, unsere Vorstellungen von Helfen und Barmherzigkeit, auch unser Sozialstaat. Die christliche Prägung ist viel älter und geht viel tiefer, als den meisten bewusst ist. Wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, und wir leben wie jede andere Generation von der Substanz dessen, was vorangegangene Generationen aufgebaut haben.
„Ich lag in tiefer Todesnacht, du warest meine Sonne“
Das Lied über das scheinbar arme und schwache Kind in der Krippe, das in Wirklichkeit stark und mächtig ist, hat Paul Gerhardt in Berlin geschrieben, kurz nachdem Dreißigjähriger Krieg, Pest und Pocken die Bevölkerung der Stadt um mehr als die Hälfte reduziert hatten und vier seiner fünf Kinder gestorben waren.
Ohne den Willen zur Selbsterhaltung, zur Bewahrung und Verteidigung des Eigenen hätte das Christentum nie und nimmer zwei Jahrtausende überdauern können. Nicht ignorantes Laissez-faire oder als „Toleranz“ verbrämte Konfliktscheu stehen im Zentrum der christlichen Botschaft, sondern der für die Menschheitsgeschichte revolutionäre Glaube, dass es Erlösung und Vergebung gibt für eigene Verfehlungen, dass Umkehr und Neuanfang möglich sind, dass die Schwachen stark werden können und auch in ausweglos erscheinenden Situationen Hoffnung erwächst.
„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen“
Es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, an einen Gott zu glauben – freudig und aus freien Stücken. Andere glauben an „das Leben“, „die Kräfte des Marktes“ oder das „innere Kind“, an Horoskope, Pendel, Schamanen oder die Weltrevolution. Jeder, wie er will und kann. Zwang im Glauben passt nicht in unsere Zeit. Das gilt für alle Religionen, besonders aber für jene, die auch im 21. Jahrhundert noch immer Apostasie mit dem Tode bestrafen will. Ein Islam, der zu Deutschland gehören möchte, muss zuerst die Abkehr vom Glauben gestatten. Erst dann kann Allah sich mit dem Kind in der Krippe und den Gottheiten der anderen Religionen auf eine Stufe stellen – im friedlichen Wettstreit um das attraktivste Sinnangebot.
Oliver Zimski ist Übersetzer und Autor. 2015 erschien sein Kriminalroman „Wiosna – tödlicher Frühling“.
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