Der 9. November - Deutschlands Schicksalstag
Der 9. November - Deutschlands Schicksalstag
Datum: 09.11.2021 - 12:33 Uhr
Der Reihe nach: am 9. November 1848 wurde der Abgeordnete Robert Blum des ersten deutschen Parlaments, das damals in der Frankfurter Paulskirche tagte, vor den Toren Wiens exekutiert. Nach der März-Revolution 1848 hatten zunächst die Demokraten mit ihren Forderungen nach nationaler Einheit, Unabhängigkeit, sozialer Gerechtigkeit und Freiheit die Gestaltungshoheit. Die Adelshäuser waren verschreckt, teilweise arrangierten sie sich mit den Forderungen, teilweise flohen sie, so wie Habsburger in Österreich. Doch die sammelten ihre Kräfte und schlugen um so stärker zurück. Blum reiste nach Wien, um dort die Demokraten zu unterstützen. Dabei wich er von seiner bisherigen Linie der Gewaltfreiheit ab und schloss sich den kämpfenden Truppen an. Er wurde gefangen genommen, als Revolutionär verurteilt und an jenem 9. November exekutiert. »Ich sterbe für die Freiheit«, waren seine letzten Worte.
70 Jahre später, am 9. November 1918, gab Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers Wilhelm II. bekannt - wovon der bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal selbst etwas wusste. Diese Bekanntagabe überraschte alle, auch die zu der Zeit sich zu einer Sitzung in ihrem Fraktionsraum im Reichstag versammelte SPD. Gerüchte machten sich breit, dass die Kommunisten planten, eine Räterepublik auszurufen. Also eilte der stellvertretende SPD-Vorsitzende Philipp Scheidemann auf einen Balkon des Reichstags und rief die Republik aus. »Das Alte und Morsche hat abgedankt«, begann er seine Rede, von der es weder Originalbilder noch Original-Tonaufzeichnungen gibt. Die angeblich »authentischen« Aufzeichnungen wurden später auf Platte aufgesprochen respektive zehn Jahre später filmisch inszeniert.
Gerade einmal fünf Jahre später glaubte ein kleiner Gefreiter aus dem Großen Krieg die Massen hinter sich zu haben und träumte davon, erst München hinter sich zu bringen und dann (nach dem Vorbild seines Idols Mussolinis mit dessen Marsch auf Rom im Vorjahr) auf Berlin marschieren zu können, um die dortige Regierung zu stürzen. Jener Gefreite und seine Truppen kamen genau bis zur Feldherrenhalle in München. Dort wurden sie von der bayrischen Polizei zusammengeschossen. Der Gefreite verschwand, wie sein Partner, im Zuchthaus. Seit jenem Tag wird der 9. November 1923 als »Hitler-Ludendorff-Putsch« bezeichnet.
15 Jahre später, 1938, war der kleine Gefreite vom 9. November 1923 Reichskanzler in Deutschland, genauer gesagt im zum damaligen Zeitpunkt »Großdeutschland«. Österreich war im Frühjahr des Jahres »angeschlossen« worden. Fahnen wurden geschwenkt, es wurde gefeiert, gesungen, gelacht und Freudenfeuer angezündet. Am 9. November wurden auch Feuer angezündet, aber es waren keine Freudenfeuer. Es war der Tag des Novemberprogroms, der »Kristallnacht«, bei der tausende jüdische Geschäfte, hunderte Synagogen und unzählige Wohnungen zerstört und niedergebrannt wurden. Geschäfte, Wohnungen und Gebetshäuser von den Familien, mit dessen Vätern, Brüdern und Onkeln der damalige kleine Gefreite im Großen Krieg noch Seite an Seite in Flandern und Nordfrankreich gekämpft hat und mit deren Blut diese Felder ebenso getränkt waren wie mit dem ihrer Landsleute. Es war das erste für Jedermann sichtbare Zeichen des sich abzeichnenden größten Verbrechens, das jemals auf deutschem Boden ausgeübt werden sollte.
Ausgerechnet dieser Tag sollte im Jahr 1989 zum größten Freudentag der deutschen Geschichte werden. Aufgrund der massiven Demonstrationen zwischen Ostsee, Harz, Erzgebirge und Oder-Neiße-Linie, sah sich das SED-Unrechtsregime an die Wand gedrängt. Man wollte mit erleichterten Reisebestimmungen ein Ventil schaffen, um den aufgestauten Überdruck der Unzufriedenheit kontrolliert ablassen zu können. Doch es war zu spät. Als dann auch noch der völlig überforderte SED-Funktionär Schabowski in der Pressekonferenz die Reisebestimmungen und ihre Gültigkeit ins Mikrophon stammelte (»Das tritt...nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich«), war das Ende der Mauermörderpartei eingeläutet. Die Menschen in Ostberlin machten sich auf den Weg an die Übergangsstellen, vor allem an der Bornholmer Straße sammelten sich innerhalb von kürzester Zeit Tausende. Die Grenzposten gaben dann irgendwann dem Druck der Menschen nach und öffneten den Übergang. Der Rest ist Geschichte.
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