18. November am Brandenburger Tor
18. November am Brandenburger Tor
Datum: 19.11.2020 - 11:43 Uhr
Nicht wirklich viel deutete am Morgen des 18. November 2020 daraufhin, dass es ein geschichtsträchtiger Tag werden sollte. Sicher, die Abstimmung im Bundestag über das ominöse Bevölkerungsschutzgesetz war seit Wochen bekannt und jedem, der sich auch nur etwas mit Politik auskannte, war klar, was im Reichstagsgebäude vor sich gehen würde. Das bundesdeutsche Parlament wollte und würde mit den Stimmen der Merkel-Regierung sich selbst entmächtigen. Nur, damit die illegal zustande gekommenen Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz im Nachlauf eine rechtliche Grundlage erhalten sollen.
Genau aus diesem Grund hatte ich beschlossen, an diesem Tag an der Demonstration rumd um das Brandenburger Tor teilzunehmen. Ich hatte vielleicht mit etwa 3.000 bis 4.000 Teilnehmern gerechnet, war aber über die Menge der Anwesenden bei meinem Eintreffen überrascht. Aus der Ich-Perspektive ist eine Teilnehmerzahl natürlich schwer zu schätzen, aber für meinen Teil waren es mehr als 10.000 Menschen, die sich dort friedlich versammelten. Ich sah vielerlei Flaggen und Fahnen, darunter Regenbogenflaggen und Fahnen mit der Friedenstaube. Auch einige AfD-Flaggen wurden geschwenkt, vor allem aber Deutschland-Flaggen. Was ich nicht sah, waren Reichsflaggen oder Reichskriegsflaggen. Nicht eine einzige. Dafür aber viele Plakate mit Söder, Merkel und den anderen Figuren im Sträflingsanzug. Der passt vor allem Merkel besser als jeder ihrer Hosenanzüge.
Vom Pariser Platz aus ging ich durchs Brandenburger Tor und wandte mich nach rechts Richtung Reichstag. Ganz vorne waren schon die blauen Uniformen der martialisch ausstaffierten Polizei zu erkennen. Sie hatten eine Straßensperre etwa auf halber Strecke zwischen Brandenburger Tor und Reichstag errichtet. Bis genau dahin waren wir Demonstranten gegangen und keinen Schritt weiter. Wollten wir auch nicht. Niemand von uns wollte der Polizei einen Vorwand für Gewaltmaßnahmen geben.
So standen wir da, skandierten ein paar Mal unsere bekannten Rufe in Richtung Merkel, sangen, unterhielten uns und hatten eine gute Zeit. Hier und da wurde den Polizisten zugerufen, sie mögen sich uns anschließen, aber es gab keinerlei Provokationen unsererseits. Es hätte ein schöner Tag werden können, ein Tag, an dem die Berliner Polizei die Möglichkeit gehabt hatte, ihr Demokratiebewusstsein unter Beweis stellen zu können und den Demonstranten das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit hätte einräumen können.
Das aber war politisch nicht gewollt, denn plötzlich, sozusagen aus dem Nichts, rückten die Polizisten in ihren Kampfuniformen und den gespiegelten Helmen gegen uns vor und drückten uns zusammen. Wir hatten es vorher durch die nachrückenden Massen schon schwer, in den vorderen Reihen Abstand zu halten. Als aber die Berliner Polizei von vorne auf uns drückte, uns schubste und immer weiter nach hinten schieben wollte, war jeglicher Versuch, Abstand zu halten, hinfällig.
Es dauerte dann auch nicht mehr all zu lange, bis eine Frauenstimme uns wissen ließ, dass die Demonstration aufgelöst sei. Wir schauten einander an und wussten, ohne es extra verabreden zu müssen, dass die Polizei erklären könne, was sie wolle. Wir waren hier und wir bleiben hier. Das gefiel den Polizeiführern und den politisch Verantwortlichen noch weniger, denn auf einmal fing das große Geschubse an. Immer wieder wurden wir in die hinter uns stehenden Menschen geschubst, die uns auffingen. Einige von uns hakten sich ein, sodass die Schubsversuche der Polizisten keine Wirkung zeigten. Etwas rechts von mir setzten sich einige Teilnehmer einfach auf den Boden und blockierten so den Weg. Und dann wurden sie aufgefahren, die beiden riesigen Wasserwerfer, die schon die ganze Zeit drohend im Hintergrund gewartet hatten.
Die Wasserturbinen dröhnten auf und aus beiden Wasserwerfern ergossen sich gleich mehrere Strahle über uns. Die Kanonen schwenkten von rechts nach links und wieder zurück, wieder und wieder. Dazu dann noch das immer währende Geschubse der Fußpolizisten. Aber wir hielten stand, wir rückten noch enger zusammen. Der einzige Effekt, den diese Einsatzverschärfung der Polizei hatte, war, dass wir noch weniger bereit waren, den Platz zu räumen.
Mir fiel vor allem auf, dass es einen Unterschied bei der Gewaltbereitschaft der unterschiedlichen Landespolizisten gab. Gelegentlich drehten sich die Polizisten um und man konnte die Schriftzüge auf ihren Rücken sehen. In dem Bereich, in dem ich mich aufhielt, konnte ich die Buchstaben "ST" bei einigen von ihnen erkennen. Das waren also keine Berliner, sondern die kamen aus Sachsen-Anhalt, wie ich in der Zwischenzeit weiß. Die fühlten sich nicht wirklich wohl in ihrer Haut. Nicht, dass sie Angst vor uns hatten. Ich vermute eher, dass ihnen die Eskapaden ihrer Berliner Kollegen nicht so ganz zusagten. Denn die BE-Polizisten fanden es toll, Leute zu schubsen. Vor allem suchten sie sich Frauen und eher schmächtige Demonstranten aus. Ich konnte sehen, wie einer jener Berliner Helden immer wieder auf eine junge Frau zuging und sie gezielt mit beiden Händen vor die Brust stieß, genau auf Höhe der gut zu erkennenden Oberweite. Die Frau beschwerte sich wohl auch lautstark wegen der Behandlung, was dann dazu führte, dass sie aus der Gruppe herausgezogen und weggeführt wurde.
Das war wohl nun die neue Vorgabe: einzelne Personen aus dem Kreis der Teilnehmer herauszuziehen und wegzuführen. Rings um mich herum standen einige Männer, die so wie ich auch nicht gerade zur Kategorie Schmalhans gehören. An uns trauten sich die Fänger nicht so recht heran, weswegen wir uns weiter ins Zentrum orientierten. Dort war das Geschubse zwar noch intensiver wie auch die Dauerbenässung durch die Wasserwerfer, aber die Greiferaktionen endeten an der Stelle genauso plötzlich wie sie begonnen hatten.
Nach und nach drückten und schubsten uns die Polizisten immer weiter Richtung Brandenburger Tor zurück. Einige Demonstranten hatten dann auch irgendwann die Nase von dem ganzen Geschubse und der massiven Polizeigewalt voll oder waren bis auf die Knochen durchnässt, sodass sie gingen. Ich selbst hatte zum Glück eine regenfeste Jacke angezogen gehabt. Das änderte aber nichts daran, dass meine Mütze pitschnass war und mir das Wasser über den Kragen ins Hemd gelaufen war und auch meine Hose und meine Schuhe pitschnass waren. Noch aber wollte ich nicht gehen und mich der Polizeigewalt beugen.
Irgendwann schaute ich auf die Uhr und stellte fest, dass der Nachmittag schon weit fortgeschritten war (unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man gut unterhalten wird). Wir hatten meiner Meinung nach unser Ziel erreicht und kundgetan, dass wir nicht Willens sind, unsere verbrieften Grundrechte durch eine Regierung wegnehmen zu lassen. Die Mission war erfüllt. Ich machte mich also mit quietschenden Schuhen auf den Nachhauseweg, wie viele andere auch, ohne noch ein einziges Mal von einem Polizisten belästigt zu werden. Daheim angekommen pellte ich mich aus meinen nassen Klamotten und gönnte mir erst einmal ein heißes Bad.
Ja, ich war an diesem 18. November 2020 dabei, als am Brandenburger Tor Menschen für ihre Grundrechte in diesem Land demonstrierten. Und ich bin stolz darauf.
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