18. März 1848 - die Geburtsstunde der deutschen Demokratie

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18. März 1848 - die Geburtsstunde der deutschen Demokratie
Datum: 18.03.2022 - 10:39 Uhr

Die Einlassung des preussischen Königs wurden von den Einwohnern Berlins begeistert aufgenommen. Sie zogen in großer Zahl zum Schlossplatz, um ihn zu ehren und ihm zu danken. Tatsächlich trat er am frühen Nachmittag des 18. März 1848 gemeinsam mit dem Ministerpräsidenten auf einen Balkon des Schlosses und beide wurden mit Jubel-Rufen empfangen. Schließlich war es genau jener Monarch, der noch knapp ein Jahr zuvor jedwede Anregung in Richtung einer Verfassung, die den absoluten Machtanspruch des Königs auch nur annähernd einschränken könnte, eine eindeutige Abfuhr erteilte.

Sowohl die Rede des Ministerpräsidenten wie auch die durch ihn gesprochenen Dankesworte des Königs gingen komplett im tosenden Jubel unter. In großer Zahl wurde eine Extraausgabe der »Allgemeinen Preußischen Zeitung« mit den Texten des Pressegesetzes und des Einberufungspatents verteilt. Trotz entsprechender Gesten des Königs verließen die freudig erregten Menschen den Schlossplatz nicht.

Über die Freude und den Jubel legte sich aber schlagartig ein beklemmender Schatten, als in den Toren zu den Schlosshöfen einsatzbereites Militär zu sehen war. Den Bürgern waren die Ereignisse der vergangenen Tagen in den Straßen der Stadt noch all zu gegenwärtig, als das Berliner Militär mit massiver Gewalt gegen friedlich demonstrierende Bürger vorgegangen ist und sie niedergeknüppelt und sogar niedergeritten hatte. Es gab viele Verletzte und sogar einen Toten (die Parallelen zur jüngeren Vergangenheit unter dem vormaligen Berliner Innensenator Geisel von der SPD sind auffällig).

Plötzlich erschien eine Einheit Dragoner, etwa 50 Reiter, auf dem Platz. Ihr Kommandant zückte den Säbel, seine Leute folgten dem Beispiel, und rückte gegen die Bürger vor. Als auch noch ein Zug Grenadiere aus einem anderen Portal auf den Platz vorrückte, witterte das Volk Betrug. Die Jubelstimmung war verschwunden, sie war einerseits der Angst, andererseits aber auch der Aggression gewichen.

Als dann zwei Schüsse fielen, von wem auch immer abgefeuert, war das das Signal und der Auslöser für die kommenden Geschehnisse: Barrikadenbau der Bürger und die Sperrung einiger Straßen Berlins, Hissen der schwarz-rot-goldenen Flagge auf den Barrikaden, Bereitschaft zum Kampf für die Demokratie.

Die »Bewaffnung« der Bürger bestand aus Pflastersteinen, es waren Handwerker, Lehrer, Ärzte, kleine Beamte, einfache Angestellte, die die Barrikaden besetzt hatten. Keiner von ihnen hatte auch nur annähernd eine militärische Ausbildung geschweige dann strategische Kenntnisse. Beim Berliner Militär war das selbstverständlich anders. Das war gut ausgebildet, bestens ausgerüstet und bewaffnet und machte kurzen Prozess mit den Barrikaden-Bauern: eine nach der anderen wurde abgeräumt und ihre Besatzungen niedergemacht. Die Bürger wehrten sich mit allem was sie hatten, was zu einem hohen Blutzoll bei den Soldaten führte.

Am Tag danach, dem 19. März 1848, wurde das ganze Ausmaß der nächtlichen Metzelei bekannt: 270 Bürger waren tot, davon elf Frauen und zehn Kinder, über 1.000 Zivilisten waren verletzt. Das Militär verzeichnete 200 Gefallene und 250 Verletzte.

Der erste Schritt in Richtung deutsche Demokratie war sehr teuer erkauft.

Heute ist diese Demokratie in großer Gefahr; gefährdet durch die, die sie laut Gesetz schützen sollte. Beschneidung respektive Abschaffung von Grundrechten (Zensur, Beschränkung der Meinungsfreiheit, der Freizügigkeit, der Religionsfreiheit und der Versammlungsfreiheit - um nur einige zu nennen), begründet auf einige schwammige Erläuterungen und Gefälligkeitsgutachten, erstellt von haus- und hofeigenen »Experten«, verabschiedet durch die Ministerpräsidentenkonferenz (die gar keine gesetzliche Entscheidungsgewalt hat) - das ist die aktuelle Situation.

Die Erinnerung an die März-Gefallen von 1848 ist richtig und wichtig; doch auch die aktuelle Gefährdung der Demokratie »von oben« sollte nicht außer Acht gelassen werden.

Sven von Storch

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