Prof. Dr. Wolfgang Krieger

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Wir brauchen bessere Konzepte und vor allem bessere Lehrer!

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Wir brauchen bessere Konzepte und vor allem bessere Lehrer!
Datum: 19.07.2010, 16:36

Dabei widerspricht die Quacksalberei vom „längeren gemeinsamen Lernen“ und der schulischen Gleichmacherei schlichtweg dem gesunden Menschenverstand – und übrigens auch den einschlägigen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Es ist längst bekannt, daß Kinder am besten gemeinsam mit Kindern lernen, die im jeweiligen Fach ungefähr gleich „gut“ sind, also auf dem gleichen Wissensstand befindlich und zur gleichen Lerngeschwindigkeit befähigt. Nichts demotiviert mehr als der superschlaue Nachbar, der die Antwort parat hat, während man selbst noch danach sucht. Wozu soll sich der Langsamere überhaupt anstrengen, wenn er gegenüber dem Schnelleren gar keine Chance hat? Umgekehrt wird der Schnellere demotiviert, wenn er immer auf den Langsameren warten muß. Das kann so weit gehen, daß Hochbegabte zu Schulversagern verkommen, wie man weiß.

 

Um es polemisch auszudrücken: Das „längere gemeinsame Lernen“ macht logischerweise nur Sinn, wenn die Kinder in der Schule gar nichts lernen sollen, sondern nur fürsorglich betreut werden. Mit Lernen meine ich, daß die Kinder ein nachprüfbares Wissen oder eine ebensolche Fertigkeit erwerben -- daß sie also nach dem Unterricht etwas können, was sie vorher nicht konnten. Das Ergebnis von Lernen muß wieder das Können sein, die Leistung. Lernen darf nicht zum Absitzen von x-Unterrichtsstunden oder x-Schuljahren umdefiniert werden.

 

Wenn aber nichts gelernt wird, oder viel weniger, als die Schüler lernen könnten, ist das ein ebenso unverantwortliches wie sozial ungerechtes Verhalten. Unverantwortlich ist es, weil wir Erwachsenen schlichtweg nicht das Recht haben, Kinder vom Lernen abzuhalten. Kinder wollen nämlich lernen, und sie können es auch – nur eben in unterschiedlichem Ausmaß, da ihre Begabungen sehr verschieden sind. Sozial ungerecht ist es, weil ausgerechnet die Kinder aus den unteren Gesellschaftsschichten auf das Können (also das tatsächlich Gelernte) viel stärker angewiesen sind als die Söhne und Töchter reicher Leute, auf die ohnehin ein angenehmes Leben wartet. Im Klartext: Wenn man das nachprüfbare Wissen und die nachprüfbaren Fertigkeiten vernachlässigt, trifft es die sozial Benachteiligten langfristig am härtesten. 

 

Das sieht man an der Beherrschung der deutschen Sprache, die zunehmend schlechter wird, wie ich als Hochschullehrer leidvoll erfahren muß. Jedes Jahr kommen mehr Abiturienten an die Universität, die weniger Sprachgefühl mitbringen, weniger Kompetenz im sprachlichen Ausdruck, und weniger Fähigkeiten, einen stilsicheren, schriftdeutschen Text zu verfassen – beispielsweise eine Seminararbeit von 10 Seiten (Anfänger) oder 25 Seiten (Fortgeschrittene).

 

Selbstverständlich sind die jungen Leute über die Jahre hinweg nicht biologisch dümmer geworden, sondern sie haben ganz einfach im Deutschunterricht weniger gelernt. Es fehlt die Auseinandersetzung mit den großen klassischen Literaturtexten, an denen man verschiedene Stilebenen begreifen und den Wortschatz der gehobenen Bildungssprache erwerben kann. Es fehlt die differenzierte Sprachlogik. Es fehlen die anspruchsvollen Schulaufsätze. Vom Abituraufsatz zu schweigen, der völlig verschwunden ist.

 

Dabei sagt uns die moderne Hirnforschung laut und deutlich: Die Sprache – und zwar die Muttersprache – ist DAS entscheidende Instrument, mit dem das differenzierende, logische Denkvermögen entwickelt wird (ab dem Säuglingsalter!). Und auch hier steckt eine massive soziale Ungerechtigkeit, denn die Kinder aus „bildungsfernen Schichten“ sind viel stärker darauf angewiesen, daß sie ihr Denkvermögen in der Schule entwickeln als die Kinder der „feinen Leute“. Wer also die Kuschel-Schule mit möglichst wenig konkreten Lernresultaten propagiert, um die Kiddies der besseren Kreise zu verhätscheln, schadet den „benachteiligten“ Kindern am allermeisten.

 

Was ist zu tun? Neben einem klaren Verständnis von Lernen brauchen wir vor allem bessere Lehrer. Ich sage bewußt nicht „besser ausbildete“ Lehrer, denn das suggeriert, man könne aus jedem Studierenden einen guten Lehrer machen, wenn man nur genug Didaktikkram hineinpumpt. Doch das ist genauso unsinnig wie zu glauben, jeder von uns könne zum Lufthansapiloten oder zum Bergführer oder zum Opernsänger ausgebildet werden. Zur Neigung muß in erster Linie die Begabung kommen. Erst dann kann die fachliche Ausbildung etwas bewirken! Das ist im Lehrberuf, in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, genauso wie in anderen anspruchsvollen Berufen.

 

In der Realität beginnen jedoch viele Leute „auf Lehramt“ zu studieren, weil sie anderswo nicht genommen werden oder sich bequem für etwas Bekanntes entscheiden, nämlich die soeben 12 oder 13 Jahre (oder noch länger …) durchlebte Schule. Somit bekommen wir nicht die Begabtesten, sondern vor allem die Bequemsten und Einfallslosesten, von denen viele auch noch mäßig begabt sind. Das Resultat sind schlechte Lehrer, die oft noch im Amt gelassen werden, obwohl ihre mangelhafte Eignung stadtbekannt ist. Resultat: Das Ansehen des Lehrberufes sinkt weiter. Die Leidtragenden sind die Kinder – aber auch die vielen hervorragenden Lehrer, denen das Arbeiten durch allerlei bürokratischen Mist erschwert wird und deren Leistungen nicht genügend öffentlich gewürdigt werden, weil sonst die „Nieten“ noch deutlicher auffallen würden.

 

Hier liegt das große Tabu der aktuellen Schulpolitik: zu wenig wirklich begabte Lehrer, zu viele berufsständische Schutzräume für die Schulversager im Lehrkörper, zu wenig Lob und zu wenig Freiräume für die leistungsfähigen Pädagogen.

 

Alles Reden um kleinere Klassen, mehr Geld, „längeres gemeinsames Lernen“ oder bessere Schulsysteme bleibt sinnlos, wenn wir diesem Kernproblem nicht zuleibe rücken. Wenn wir dieses Tabu unserer Schulwirklichkeit nicht durchbrechen.

 

Bessere Lehrer! – das muß die Nummer-eins-Priorität unserer Schulpolitik werden. Diese begabten Leute müssen wir erstens finden, zweitens besser ausbilden (für das Gymnasium mit einer Rückbesinnung auf die Fachwissenschaften) und drittens stärker motivieren.   

 

Die Reformpädagogen predigen uns, in der Schule komme es vor allem auf die „didaktische Aufbereitung“ an, nicht auf die wissenschaftliche Ausbildung der Gymnasiallehrer im Unterrichtsfach. Dem schlossen sich viele Landesregierungen an, indem sie die fachwissenschaftliche Ausbildung stark verkürzten – zugunsten einer erheblich längeren Didaktikausbildung. Da diese „Reformer“ ohnehin das Gymnasium am liebsten abschaffen würden, ist es nur logisch, wenn man auf die didaktische Vermittlung setzt statt auf die Inhalte. Ganz nach dem Prinzip der Wegwerfgesellschaft, möchte man sagen. Aufs Verkaufen kommt es an, nicht auf die Qualität!

 

Im Ergebnis heißt das jedoch: In einer Welt der zunehmenden Verwissenschaftlichung, der überall postulierten „Wissensgesellschaft“, manipulieren die Reformpädagogen unsere Schulpolitik in Richtung auf weniger Wissenschaft und auf weniger abrufbares Wissen und Können. Diesen kolossalen Unsinn muß man auf der Zunge zergehen lassen, um das ganze Ausmaß unserer Schulmisere zu begreifen!

 

Daß sich die Hamburger Wähler am Sonntag massiv gegen diese fatale Ideologie ausgesprochen haben, muß jetzt der Beginn eines bundesweiten Umdenkens werden. „Wir wollen lernen“ – diese Parole ihrer Protestbewegung – muß weiter getragen werden. Und „lernen“ muß wieder mit „können“ verbunden werden. Nichts motiviert Kinder und junge Leute mehr als der Lernerfolg, also der individuelle Schritt vom Lernen zum Können. Nur so nehmen wir die natürliche Lernbegierde der Kinder wirklich ernst. Und zwar aller Kinder, nicht nur der hochbegabten. Und nur so werden wir der Verantwortung für die Zukunft dieser Kinder gerecht.  

 

Doch machen wir uns nichts vor: Die Pädago-Ideologen sitzen fest im Sattel. In Hamburg und anderswo. Es wird noch einer riesigen Anstrengung bedürfen, um ihnen die politischen Zügel zu entwinden. 

Sven von Storch

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