Prof. Dr. Wolfgang Krieger

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Die geistigen Roten Khmer ziehen gegen den Papst

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Die geistigen Roten Khmer ziehen gegen den Papst
Datum: 27.03.2010, 20:30

Wie eine Karawane ziehen diese Fanatiker von einem geistigen Ort zum anderen, von einem Thema zum nächsten – und zwar nach dem Prinzip der maximalen Aussicht auf Zerstörung. Man zündet dort ein geistiges Feuerchen an, inszeniert hier eine Medienkampagne, wo man sich die größte Wirkung erwartet. Mal ist es der Kapitalismus (Heuschreckendebatte); dann sind es die USA (unter Bush Junior); die Männer an sich (Radikalfeminismus); die Schule (Einheitsschule); die Wissenschaft (Kampf gegen das Objektivitätsprinzip); die Nation (hat sich angeblich historische überholt) oder die Umwelt (Horrorszenarien von Klimakatastrophen, die von Menschen verursacht werden, aber bitte nur von denjenigen, die man im Sinne des Roten Khmer-Denkens treffen will!).

Ja, und diesmal ist es die katholische Kirche und ihre Einstellung zur Sexualität. Überall finden sich plötzlich Enthüllungen über Sexskandale, insbesondere solche des Mißbrauches von Jugendlichen, wobei sich die Debatte auf alles stürzt, was die kirchlichen Autoritäten, insbesondere den Papst persönlich, „entlarven“ und verletzen kann.

Niemand bezweifelt, daß Priester, Bischöfe und Beschäftigte der katholischen Kirche aufgrund ihrer Glaubensprinzipien besonders hohe Maßstäbe an ihr Handeln anlegen müssen und deshalb in einzelnen Fällen besonders schwere Schuld auf sich geladen haben. Aber die Kirche ist eine menschliche Einrichtung, voll von Unzulänglichkeiten und historischen Irrtümern in ihrer Lehre und in ihrer Praxis. Insofern sind die Vorfälle des sexuellen Mißbrauches an Jugendlichen nicht verwunderlich, so abscheulich und bedauerlich sie auch sein mögen. Ähnliche Fälle gibt es überall in der Welt an Schulen, in Sportvereinen, in Familien und überall sonst, wo Jugendliche von Erwachsenen betreut, ausgebildet und beherrscht werden. Also auch in protestantischen, buddhistischen und muslimischen Schulen, in Reformschulen, in den Sportvereinen des eigenen Wohnviertels oder Dorfes und sonstwo.

Insofern ist es durchaus richtig, daß wir derzeit eine Debatte über diesen Mißbrauch führen und nach Wegen suchen, möglichst wirksame Strategien der Verhinderung zu entwickeln. Auf allen Ebenen, von der Familie und Nachbarschaft bis zur Justiz. Wer beispielsweise den Film „Unbarmherzige Schwestern“ (The Magdalene Sisters, 2002) über die klösterliche Gewalt gegenüber „gefallenen“ irisch-katholischen Mädchen gesehen hat, kann nicht überrascht sein über das Ausmaß an sexueller Gewalt in kirchlichen Internaten.

Es muß jedoch erlaubt sein, nach der Aufrichtigkeit des Bemühens um Aufklärung zu fragen, insbesondere bei Leuten, deren politisch-ideologische Einstellung vermuten läßt, daß sie diese Debatte mit Hintergedanken führen. Wenn beispielsweise die deutsche Bundesministerin der Justiz die katholische Kirche angreift, so darf man auf ihre Führungsposition in der atheistischen „Humanistischen Union“ und deren fragwürdige Einstellung zur „sexuellen Revolution“ hinweisen. Das gleiche gilt für die scheinheiligen Apostel der Reformschulen, die das gemeinsame Nacktduschen mit Kindern als Akt der Befreiung von sexuellen Repressionen feiern – und dabei in Wirklichkeit ihren perversen sexuellen Neigungen frönen. Auch das widerliche Verhalten der Funktionäre von Sportvereinen in derartigen Fällen muß schonungslos ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden. Es bleibt also noch vieles zu tun, offenzulegen, zu bekämpfen. Nicht nur in der katholischen Kirche.

Die damit verbundene Kampagne gegen die Papstkirche ist jedoch merkwürdig. Historisch ist sie nichts Neues, aber es fällt doch auf, daß es sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts (mit seinem radikalen Laizismus und Atheismus) erst um den zweiten großen Feldzug gegen das Petrusamt handelt. Beim ersten ging es darum, den Papst (damals Papst Pius XII) irgendwie mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber den Juden in Verbindung zu bringen. Wie wir heute aus den einschlägigen Akten des Vatikans (und aus anderen Zeugnissen) wissen, ist dieser Versuch gescheitert. Man mag (und muß) dem damaligen Papst eine falsche Politik gegenüber dem NS-Regime vorhalten (aber wer hatte damals schon die durchgängig „richtige“ Politik?). Doch eine direkte Mitschuld an Auschwitz ist schlichtweg nicht zu beweisen. Die Vorstellung, der Papst hätte Auschwitz irgendwie verhindern können, verkennt doch nur, wie gleichermaßen effizient und verbrecherisch das NS-Regime war und wie wenig die Deutschen und viele sonst in Europa gegen Hitlers Politik einzuwenden hatten (Atheisten aber auch Katholiken und Protestanten).

Nun kommt die zweite große Welle: Der Papst und seine Bischöfe hätten den sexuellen Mißbrauch von Jugendlichen bewußt geduldet. In leider zahlreichen Einzelfällen trifft das gewiß zu, aber es ist doch auch hier das Bemühen offensichtlich, diese tief verwurzelte und leider überall verbreitete Krankheit der unterschiedlichsten Gesellschaften und Organisationen auf einen Sündenbock zu packen, um sich – biblisch gesprochen — mit dem Balken im eigenen Auge nicht befassen zu müssen. Noch besser: Nach den Jahrzehnten der internationalen Papstbegeisterung von Johannes XXII bis zu Johannes Paul II hat man endlich wieder einen Papst gefunden, dem man etwas anhängen kann.

Warum trifft es ausgerechnet Benedikt XVI? Zunächst einmal, weil er Deutscher ist. Ich denke, einen italienischen oder afrikanischen Papst würde man nicht so gnadenlos angreifen. Sodann weil er eine öffentlich bekannte Geschichte hat, was bei früheren Päpsten nicht der Fall war, obgleich auch sie Bischöfe und Kardinäle waren, die vor ihrer Wahl zum Papst angreifbare Entscheidungen getroffen hatten. Zudem war Joseph Ratzinger als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre (1981-2005) in der liberalen Öffentlichkeit weithin unbeliebt (innerhalb und außerhalb der Kirche). Daß er ein Intellektueller ist, mehr ein Mann des Buches als der populären Seelsorge, liefert ihn ebenso den notorischen Kirchenfeinden ans Messer.

Es ist deshalb nicht damit zu rechnen, daß sich dieser Sturm der globalen „Entrüstung“ rasch verziehen wird. Dabei fällt auf, daß er gar nicht global ist, sondern sich auf die militant protestantischen Staaten (USA); und die Staaten mit einer tiefsitzenden protestantisch-katholischen Konfrontationsgeschichte (Irland, Deutschland, Niederlande, Kanada) konzentriert. Im übrigen wird man abwarten müssen, bis die juristischen Aasgeier (die Profis der Schadensersatzklagen); die sich in den USA bereits reichlich die Taschen vollgestopft haben, ihren finanziellen Appetit befriedigen. So viel Entrüstung muß auf alle Fälle sein.

Sven von Storch

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