Prof. Dr. Wolfgang Krieger

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Der Unterhosenbomber von Detroit

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Der Unterhosenbomber von Detroit
Datum: 31.12.2009, 15:12

Bei den technischen Systemen und Datenbänken sowie bei den unprofessionellen Beobachtern im Alltag gibt es das schier unlösbare Problem, wie man das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden soll. Welche von Tausenden abgehörter Mobilphon-Quasseleien, welche Meldung „aus der Bevölkerung“ liefert den entscheidenden Hinweis? Wer kann eine banal erscheinende Information „zum Sprechen bringen“, sie zutreffend analysieren?

Angesichts dieser Probleme sollte man Verständnis aufbringen, wenn es nicht in jedem Fall gelingt, Terroranschläge zu verhindern, obgleich man das islamistische Tätermilieu einigermaßen gut kennt.

Aber im Fall des Unterhosenbombers vom 25. Dezember scheint die Sache viel einfacher gewesen zu sein. Die Obama-Administration hat Informationen veröffentlicht, nach denen das Projekt eines Al-Qaida-Anschlages „ausgeführt von einem Nigerianer“ bereits den US-Sicherheitsbehörden bekannt war (aus abgehörten Telephongesprächen). Sein Vater hatte die US-Behörden vor dem in den Jemen und den Islamismus entschwundenen Sohn gewarnt. Im übrigen hätte dieser junge Bursche bereits wegen seines bar bezahlten Einwegtickets und seiner Einreise in ein für ihn fremdes Land ohne Reisegepäck (!) ein paar jener persönlichen Fragen verdient, mit denen ein treusorgender, älterer Familienvater aus Bayern (der Autor dieser Zeilen) seit Jahrzehnten belästigt wird, wenn er nach Nordamerika reist. Doch nichts von alledem. Umar Farouk Abdulmutallab durfte ungehindert in Richtung Detroit abfliegen, wo er kurz vor der Landung durch ein Feuerchen an seiner Kleidung auffiel und von einem tapferen Werbefilmer sowie dem Kabinenpersonal an seiner verrückten Tat gehindert wurde.

Nicht nur die Menschen im Flugzeug und in der Umgebung des Flughafens hatten Glück, sondern wir alle. Denn ein Attentat dieser Größenordnung auf amerikanischem Boden hätte zweifellos eine massive Gegenreaktion bewirkt. Präsident Obama wäre trotz aller guten Vorsätze zu dramatischen „Antworten“ gezwungen worden. Mit allen Folgen für die westliche Welt, die wir uns leicht ausmalen können.

Stattdessen haben wir nun mit den verbitterten Rambos der Bush-Sohn-Ära zu tun (Richard Cheney und Konsorten melden sich bereits zu Wort) und mit den allzeit bereiten Kritikern der US-Geheimdienste, die aus dem offensichtlichen Versagen derselben nun eifrig Honig saugen. Der übliche Debattenzirkus zum Thema Islamismus und Terrorismus liefert das mediale Hintergrundgeräusch. Kurzum, wir sind zur Normalität zurückgekehrt. Das Jahr geht zu Ende, und im neuen Jahr wird sich nach aller Wahrscheinlichkeit nicht viel ändern.

Oder doch? Wird der Jemen zur neuen Kriegszone erklärt? Dafür spricht leider viel, denn Präsident Obama muß mehr Initiative zeigen, als nur einen heftigen Rüffel für ein paar schlafmützige Sicherheitsbeamte auszuteilen. Somit hätten die Hintermänner des Al-Qaida-Unterhosenbombers ihr politisches Ziel wenigstens teilweise erreicht. Nämlich ihren „heiligen Krieg“ wieder stärker zum Konfliktstoff im Westen zu machen und uns heftige Angst einzujagen.

Sven von Storch

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