Prof. Dr. Hans Olaf Henkel

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Euro-Fanatismus ignoriert humanitäre Katastrophe

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Euro-Fanatismus ignoriert humanitäre Katastrophe
Datum: 10.04.2012, 08:42

Nach Dutzenden von Euro-Rettungsgipfeln, Hunderten von Milliarden für Rettungspakete und bald Tausenden von Milliarden für Bürgschaften und „Target“-Risiken ist nur noch der vergleichsweise lächerliche Vorteil der entfallenen Kosten für den Währungsumtausch übrig geblieben. Der gewichtete Außenwert des Euro ist stetig gesunken. Konjunkturell wird die Euro-Zone jetzt sowohl von den Nichteuroländern in der EU als auch den meisten anderen Wirtschaftsräumen abgehängt. Dass der Euro zu schwer für die Franzosen und Griechen und zu leicht für die Deutschen und Holländer ist, kann man in der Außenhandelsstatistik, den steigenden Arbeitslosenzahlen im Süden und den inzwischen inakzeptablen Inflationsraten im Norden ablesen.

Auch die politischen Begründungen für die Einheitswährung lösen sich jetzt in Luft auf. Selbst das ultimative Totschlagargument, „Ohne Euro keinen Frieden in Europa“, verkehrt sich jetzt ins Gegenteil. Wir haben den Frieden in Europa den Demokratien und nicht dem Euro zu verdanken. Noch nie hat eine Demokratie eine andere angegriffen! Aber mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) werden jetzt sogar die Demokratien aushöhlt. Außerdem verbreitert der Euro ständig den Graben zwischen der Eurozone und den Nichteuroländern. 73 Prozent der schwedischen Unternehmer und 80 Prozent der schwedischen Bürger wollen vom Euro nichts mehr wissen. Von den zehn Nichteuroländern in der EU will nur noch die rumänische Bevölkerung den Euro.

Auch innerhalb der Eurozone kommt es immer öfter zu Zwist und Streit. Waren die Deutschen vor der Krise die beliebteste Nation in Griechenland, sind wir dort inzwischen die am meisten verhasste. Kein Wunder, wenn die „Fiskalunion“ von immer mehr Menschen zwischen Athen und Paris als eine wirtschaftliche Variante teutonischer Kriegsführung wahrgenommen werden muss. Statt die eigene Währung abwerten zu können, um so wieder zu Wachstum und Arbeitsplätzen zu kommen, zwingt der potenziell größte Gläubiger diese Länder zu immer neuen Sparorgien und Schrumpfkuren nach deutschem Muster.

Wenn aus Euromantikern gefährliche Euro-Fanatiker werden

Jetzt ist es höchste Zeit, unsere Augen auch für die humanitären Schäden zu öffnen, die unsere Einheitseuropolitik im Süden anrichtet. Jeder fünfte Portugiese ist arbeitslos, jeder zweite junge Spanier hat keinen Job. Wer immer noch daran glaubt, dass Griechenland ohne Abwertung seiner Währung je auf einen grünen Zweig kommen kann, dem sei ein Besuch in Athen und Istanbul empfohlen. Seit Einführung des Euro hat sich die Türkei mit ihrer eigenen Währung von Griechenland ökonomisch weit abgesetzt. Während in Athen ganze Ladenzeilen leer stehen, die Hotelbetten kalt bleiben und die Industrie längst das Weite gesucht hat, ist in Istanbul im positiven Sinne „die Hölle“ los. Dem Besucher fällt noch etwas auf: In der Türkei beherrscht der Optimismus die Stimmung im Lande.

Griechenland scheint von einer kollektiven Depression befallen. Wie so oft bei Meldungen über humanitäre Katastrophen der Fall, kann man diese erst als Zeuge vor Ort richtig erfassen. So viele Bettler, Suppenküchen und um die Häuserblocks herumstreichende arbeitslose Jugendliche hat es in Athen seit 50 Jahren nicht gegeben. Aber auch die Statistiken, z.B. die über die sprunghaft angestiegene Zahl von Selbstmorden, sprechen eine schreckliche Sprache. Die griechische Tragödie wird zu einer humanitären Katastrophe, die, das steht zu befürchten, jetzt auch auf andere Südländer übergreifen wird.

Die Vertreter der „Elite“ deutscher Politik, Wirtschaft und Medien sind offensichtlich unfähig zuzugeben, dass der Einheitseuro sowohl seine wirtschaftlichen als auch seine politischen Ziele längst verfehlt hat. Wenn sie nun ihre Augen auch noch vor den humanitären Folgen der Einheitseuropolitik verschließen, dann sind sie keine harmlosen Euromantikern mehr sondern gefährliche Eurofanatiker.

Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com

Sven von Storch

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