Prof. Dr. Hans Olaf Henkel

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Das Versagen der Aufsichtsräte

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Das Versagen der Aufsichtsräte
Datum: 26.03.2012, 08:43

Die rekordverdächtige Entlohnung des VW-Chefs Manfred Winterkorn zeigt es mal wieder: Kaum ein Thema weckt soviel Emotionen wie die Bezahlung der Manager großer Publikumsgesellschaften. Ich finde: zu Recht. Während die Arbeitnehmer in den letzten zehn Jahren Lohnzurückhaltung übten und dadurch mithalfen, die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte und Dienstleistungen zu sichern, verdoppelten sich zwischen 2003 und 2011 die Vorstandsbezüge unserer Dax-Unternehmen.

 

Die Kollegen rechtfertigen diese Steigerung mit dem Hinweis auf den globalen Markt für Führungskräfte. In der Tat: Vorstände verdienen auch heute in Deutschland noch weniger als zum Beispiel in den USA. Aber mit Markt hat das Lohnfindungssystem in deutschen Aufsichtsräten nicht mehr viel zu tun.

In Sport und Kultur funktioniert der Markt. Dirk Nowitzkis Marktwert ergibt sich vor allem aus der für seinen Verein real existierenden Gefahr, ihn an einen anderen Rennstall zu verlieren. Bayern München wird Sebastian Schweinsteiger mit vielen Euro davon abhalten müssen, zu Real Madrid oder FC Barcelona zu gehen. Um „unseren“ Daniel Barenboim bemühen sich viele Konzertveranstalter in der Welt.

Der Aufsichtsrat eines deutschen Dax-Unternehmens läuft dagegen keine Gefahr, seinen fast 60-jährigen Vorstandschef ohne eine kräftige Erhöhung seiner Bezüge an die Konkurrenz zu verlieren.

Bezüge der Vorstände, die typischerweise durch Fünfjahresverträge fest gebunden sind, müssen sowieso nicht zwischendrin erhöht werden. Und das angeblich so große Interesse aus dem Ausland? Wann ist jemals ein deutscher Vorstandsvorsitzender mit der Aussicht auf mehr Geld über den Atlantik gelockt worden? Auch der in den USA ausgesprochen erfolgreiche Klaus Kleinfeld ging erst zu Alcoa, nachdem er bei Siemens sein Amt längst niederlegt hatte. Im Gegensatz zu deutschen Sportlern und Künstlern gibt es keine internationale Nachfrage nach deutschen Managern.

Die Manager schaukeln ihre Gehälter gegenseitig hoch

Typischerweise lassen die Personalausschüsse von Dax-Aufsichtsräten externe Gehaltsvergleiche erstellen, aus denen sie dann die Begründung für jeweils höhere Vorstandsbezüge ableiten. So wird auch Manfred Winterkorns Gehaltserhöhung unmittelbar dazu führen, dass sich in diesen Vergleichen die Bezüge für die Manager anderer Automobilfirmen relativ verschlechtern. Resultat: auch diese werden angehoben. So schaukelt man sich gegenseitig hoch. Das hat mit „Markt“ nichts und mit „Kartell“ viel zu tun.

Einige Aufsichtsräte versagen hier offensichtlich auf der ganzen Linie. Sie schädigen damit nicht nur den internen Betriebsfrieden. Sie liefern auch denjenigen Argumente an die Hand, die für maßlose Lohnerhöhungen werben und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie wieder einmal aufs Spiel setzen wollen. Schlimmer noch, sie leiten Wasser auf die Mühlen derjenigen, die mit höheren Spitzensteuersätzen, neuen Steuern oder gar gesetzlichen Obergrenzen drohen. Damit gefährden sie nicht nur die Nettoeinkommen derjenigen, für die sie sich einsetzten, sie reißen den Wohlstand des Mittelstands gleich mit. Der „Spitzensteuersatz“ schlägt ja heute schon bei Ingenieuren und dem mittleren Management zu!

Es wird Zeit, dass unsere Aufsichtsräte ihrer Verantwortung für das Ganze wieder gerecht werden.

 

 

Beitrag erschien zuerst auf handelsblatt.com

Sven von Storch

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