Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Wert des Lebens - Wandel der Ethik

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Wert des Lebens - Wandel der Ethik
Datum: 28.12.2010, 13:22

Hoppe selbst lehnt ärztlich assistierten Suizid ab; dieser ist heute schon nicht strafbar, ist aber Medizinern durch das Berufsrecht als unethisch verboten (den Hippokratischen Eid schwört in Deutschland schon lange kein Mediziner oder Arzt mehr). Es soll also einer heute schon straffreien Regelung durch Liberalisierung weiter Vorschub geleistet werden. Die Ethik des gültigen Berufsrechts, dies sei betont, ist ja im keineswegs kirchenfreundlichen 19. Jahrhundert geprägt worden, aber doch christlich fundiert. Sie ist aber nicht genuin christlich, sondern rührt aus der heidnischen Antike. (Der entscheidende Passus lautet: „Auch werde ich niemandem ein tödliches Gift geben, auch nicht wenn ich darum gebeten werde, und ich werde auch niemanden dabei beraten; auch werde ich keiner Frau ein Abtreibungsmittel geben.“)

 

Ich möchte zum Jahresende einige Gedanken allgemeinerer Art zu dieser geplanten Neuregelung ausführen, weil der Jahreswechsel dem Nachdenken über das ewige Vergehen und Werden ohnehin entgegenkommt, aber in der eigenen Familie auch Krankheiten zwingen, über Fragen des würdigen Lebensendes zu reflektieren. Zunächst einmal fällt mir eine verlogene Sprachregelung auf, etwas, das im politischen Bereich häufig zurecht als political correctness beklagt wird. Hier ganz ähnlich; ich setze diese Worthülsen in Anführungszeichen: „Beihilfe zum Suizid“, „beim Suizid unterstützen“, ärztlich assistierter Suizid“. Verantwortlich ist also nur der Sterbewillige, der ihn tötende Mediziner soll ethisch entlastet werden – rechtlich ist er dies ja heute schon. Es handelt sich also um einen grundlegenden Wandel nicht der Rechtsprechung, sondern in der Ethik.

Zweitens fällt mir auf, dass in der Agenturmeldung einmal von Medizinern gesprochen wird, dann vom Arzt. Es ist keineswegs eine persönliche Marotte von mir, wenn ich da einen großen Unterschied mache. Der Mediziner hat zwar immerhin Medizin studiert (bald gibt es ja auch in diesem Fach einen Bachelor, der nur noch eine Rumpf-Medizin gelernt hat); aber er ist darum noch kein Arzt. Es gibt eine Menge Mediziner, die beruflich nie mit Patienten konfrontiert waren. Aber es ist nicht nur die Behandlung von Patienten, die den Arzt auszeichnet, es ist eben auch eine gewisse ethische Haltung. Sicherlich erleben wir auch von hier aus einen Wandel der ärztlichen Ethik. Ich habe dies in einem Blog mit dem Titel „Der Patient als Kunde“ auf diesen Seiten bereits ausgeführt. Durch die Ökonomisierung des Gesundheitswesens wird der Patient zum Kunden, dessen Ansprüche möglichst reibungslos mit einer Dienstleistungsmentalität erfüllt werden. So natürlich auch der Wunsch zu sterben.

Drittens sehe ich hier eine Perversion des demokratischen Gedankens. Die Umfrage unter Medizinern hat gezeigt, dass die säkulare Gesellschaft und das ökonomisierte Gesundheitswesen bereits die Mediziner hervorgebracht haben, die von der säkularen Gesellschaft und dem ökonomisierten Gesundheitswesen gebraucht werden: kunden- (und nicht patienten-)orientierte Leute, eben Mediziner anstatt Ärzte. Diese self fulfilling prophecy wird nun zur Begründung angeführt, die ärztliche Ethik zu ändern. Nehmen wir an, Hitler wäre 1938 gestorben, sein Nachfolger hätte Deutschland nicht in einen Krieg geführt, eine neue Generation wäre in der nationalsozialistischen Gesellschaft aufgewachsen. Ich will nicht wissen, was alles in Umfragen unter dieser neuen Generation eine Unterstützung gefunden hätte. Ich will damit nicht sagen, dass man ethische Regelungen nicht ändern kann, aber ich behaupte, dass dafür Umfragen vielleicht nicht die richtige Grundlage sind. Ethik ist eher keine Angelegenheit für Mehrheitsentscheidungen.

Dass die Sterbehilfediskussion ein Nachfolger der Abtreibungsdiskussion ist, gewissermaßen eine parallele Denkungsart an der anderen Grenze des Lebens, dürfte klar sein. Darauf verweist auch der oben angeführte Auszug aus dem Hippokratischen Eid. Es geht heute, und da sollte ohne Tabu formuliert werden dürfen, um eine Relativierung des Lebens und seines Wertes, nicht nur im ärztlichen Bereich. Wieder betone ich, dass diese Entwicklung vielen Menschen vielleicht logisch und unaufhaltsam erscheinen mag (ich glaube das nicht, weil gesellschaftliche Entwicklungen nie schicksalhaft sind); auf jeden Fall unterstelle ich niemandem der Befürworter eines ethischen Wandels niedrige Motive, ganz im Gegenteil,  aber ich bestehe  darauf, dass man das dann auch ungeschminkt so nennt, ohne Umschreibungen, Beschönigungen oder ähnlichem. Nach heutigen Maßstäben geht es um vorsätzliche Tötungen. Durch einen im besten Fall offen diskursiv, im schlechteren Fall manipulativ herbeigeführten ethischen Wandel, einen Perspektivwechsel werden Tötungen in definierten Fällen erlaubt.

Es sind eine Menge Gesellschaften bekannt, die eine ähnliche Ethik hatten und haben, denen das Leben kein Wert an sich war, wie das sich heute auch bei uns immer mehr abzeichnet.  Denken wir nur an die Spartaner, die ihre schwächlichen Neugeborenen im Taygetos aussetzten. Denken wir an die Inuit, die ältere Menschen, die bereits zur Last fielen, auf einer Eisscholle aussetzten, umgekehrt Geburtenregelung durch Kindstötung betrieben. Keine ethischen Probleme hatten die Römer mit der gegenseitigen Abschlachtung von Menschen im Zirkus. Mit dem entsprechenden ideologischen Überbau sind Witwenverbrennungen und Menschenopfer ethisch vollkommen korrekt. Alle diese Erscheinungen waren in den betroffenen Gesellschaften unumstritten; hätte es Abstimmungen gegeben, hätte man Mehrheiten finden können, oft sogar die Zustimmung der Betroffenen.

Ich möchte die Überlegungen zum Wert des Lebens noch weiter treiben. Es glaubt doch niemand, dass die Forschung mit menschlichen Embryonen bei gesundheitlichen Fragen Halt macht. Das wäre so, als würde man der Islamischen Republik  Iran glauben, sie wolle die Kernkraft nur für friedliche Zwecke nutzen. Was gemacht werden kann, wird in aller Regel auch gemacht. Es kommt dann nur darauf an, ob man das ethisch vertretbar findet oder nicht, ob man die Ethik nach den Realitäten formt oder eine Vorstellung davon hat, wie etwas sein sollte. Die PID und verwandte Techniken werden selbstverständlich nicht nur für die echten Problem- und Grenzfälle genutzt werden. Schon Bernhard Grzimek wunderte sich, warum noch keine Kreuzungen zwischen Affe und Mensch versucht wurden. Menschenzüchtungen, wie sie in primitiver und mörderischer Weise von den Nationalsozialisten gewissermaßen makroskopisch, also an „fertigen“ Menschen  geplant und durchgeführt wurden, werden jetzt von klinisch reinen Laborforschern ohne effektives Leid auf mikroskopischer Ebene durchgeführt werden. Das ist eine Frage der Zeit. Es wird auch hierfür moralisch hochstehende Befürworter geben.

Das Schöne an den Blogs in der Freien Welt ist unter anderem, dass sie die geistige Realität in Deutschland widerspiegeln. Herr Dr. Ulfig hat zum Jahresende mit dem Gedicht von Rose Ausländer ein notwendiges atheistisches Gegengewicht gegen die christlich geprägten Beiträge anderer Blogger gebracht: Es ist ein Statement für Engagement trotz Vergänglichkeit, trotz der absurden Vernichtung der eigenen Person im Tod, ganz im Sinne von Albert Camus. Auch im Sinne Martin Luthers, der noch einen Apfelbaum pflanzen wollte trotz des Wissens, dass am nächsten Tag die Welt zugrundegeht? Keineswegs ist eine religiös geprägte Ethik einer säkularen überlegen – wir haben auch heute furchtbare Beweise des Gegenteils. Aber es zeigt sich hier, dass die wesentlichen Fragen, also diejenigen Fragen, die um Geburt und Tod kreisen, doch immer in der Negation oder Bejahung Gottes münden. Der Glaube daran, dass  „meine Träume ins Nirgends fallen“, wie Rose Ausländer in ihrem wunderschönen Gedicht sagt, oder dass ich als Person unzerstört in Gott aufgenommen werde, wird schließlich auch gesamtgesellschaftlich den Ausschlag geben, wie die genannten Fragen beantwortet  werden. Wie etwas sein sollte, ist wahrscheinlich doch nur metaphysisch zu begründen; die Frage ist, welcher Metaphysik die richtigen Antworten zugetraut werden. Daher ist die ganze Weltgeschichte nichts als ein Kampf für oder gegen Gott (und sei er auch noch so ökonomisch verbrämt).

Eine Rechtfertigung diskursethischer Normen, die das Münchhausen-Trilemma vermeidet, wie Karl-Otto Apel dies mit seinem Kriterium der Letztbegründung versuchte, halte ich für gescheitert, vor allem weil er einen herrschaftsfreien Raum voraussetzt, den es nicht gibt.  Auch ist die zwanglose Zustimmung aller Betroffenen zu bestimmten Normen keineswegs, wie gezeigt werden konnte, ein Anzeichen für die Richtigkeit dieser Normen, sondern höchstens für ihre Akzeptanz. Und dann? Der ganze Kontext dieser Akzeptanz wird unterschlagen. Die Letztbegründung ist nichts anderes als der Ersatz des göttlichen Wahrheitsanspruchs durch ein säkulares Prinzip.

Für den angesprochenen ethischen Wandel im Verhältnis zum Leben, den wir beobachten können, bleibt mir nur zu wünschen übrig, dass er auch weiterhin so frei als möglich diskutiert werden darf und dass abweichende Ansichten auch zukünftig toleriert werden mögen, nicht dass etwa eines Tages das Unterlassen von Sterbehilfe strafbar sein wird. Vor allem sollte immer die soziologische Grundfrage gestellt werden, wem ein solcher Wandel und seine gesetzliche Zementierung vorwiegend nützt, mit anderen Worten, wer daran verdient.  Derlei Interessen werden zu häufig hinter wohlklingenden ethischen Floskeln versteckt. Schließlich bitte ich zu bedenken, dass ein Zurückdrehen solcher Regelungen, wie sie beispielhaft die Ärztekammer plant, meist nicht mehr möglich ist. Hier ist, um vor Umsetzung noch einmal innezuhalten, an das alte Sprichwort zu denken: Wehret den Anfängen!

Auf ein gutes Neues Jahr 2011 voll engagierter Diskussionen und verantwortungsbewußter Entscheidungen!

 

Sven von Storch

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