Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Wenn ein Schoß betet

Veröffentlicht:

Wenn ein Schoß betet
Datum: 30.08.2011, 16:04

Der Hype um das neue Buch von Charlotte Roche mit dem durchaus poetischen Titel "Schoßgebete" ist ebenso unverständlich wie jener um ihr erstes Werk, das kalauernd "Feuchtgebiete" hieß. Unverständlich nicht etwa deshalb, weil die Thematisierung des Unappetitlichen oder Pornographischen überraschender Weise einen sensationellen Aspekt offenbart hätte, den sie eigentlich nicht mehr haben dürfte; eher wundert sich der Leser über den verzweifelten Ernst der Medien, mit dem wesentlich uninteressante persönliche Details zu einer gesellschaftlichen Relevanz aufgeblasen werden. Aber gut - das Buch verkauft sich bestens, ob wegen des Hype oder aus anderen Gründen, dies sei dahingestellt, und könnte deshalb etwas aussagen über unsere Gesellschaft. Selbst wenn man konzediert, dass individuelle Neurosen dann relevant werden, wenn sie massenhaft auftreten und so einen interessanten psychologischen oder medizinischen Aspekt bekommen, darf gefragt werden, ob diese flotte Bearbeitung des Themas im kaum verhüllten Stil einer Ratgeberliteratur nicht aus einem anderen Grund so frenetisch besprochen wird.

Es handelt sich um ein weiteres Beispiel der Verspätung Deutschlands. Bleiben wir bei der Pornographie, so haben Charles Bukowski und Philip Roth schon vor langen Jahren einschlägige Kostproben geliefert, die durchaus Anspruch auf hohe Literatur erheben konnten. Es sei hier gar nicht auf die vielen anderen Beispiele aus dem Bordell- und Prostituiertenmilieu eingegangen, die schon vor Jahrhunderten in die Literatur Eingang gefunden haben, nein, es ist ja gerade die Beschreibung der Sexualität des "Normalbürgers", die pornographisch gehalten ist - alles schon da gewesen. Ein besonders kunstvolles Beispiel war Harold Brodkeys Story "Unschuld", in der Sex und die Gefühle dabei quasi unter dem Mikroskop und in Zeitlupe beschrieben wurden. Aber vielleicht ist es ja "der weibliche Blick", der bei Roche das Besondere ausmachen soll.

Doch auch hier kommt sie zu spät. Nein, natürlich darf nicht Josefine Mutzenbacher genannt werden, die - weil Wiener Hure - möglicherweise "zu professionell" war. Aber wer Kathy Ackers schönen kleinen Roman "Kathy auf Haiti" gelesen hat, fragt sich, was um alles in der Welt Frau Roche dem noch hinzuzufügen hat, von den Büchern französischer Autorinnen aus den letzten zwei Jahrzehnten ganz zu schweigen. Die Antwort lautet: Sie hat dem nichts hinzuzufügen. Es zeigt sich damit in gewisser Weise die Provinzialität deutscher Literatur und ihres Publikums heute. Der Anschluß an die internationale Entwicklung ist verloren, die Presse, mit wenig zufrieden, freut sich schon, wenn sie folgendermaßen urteilen kann: Immerhin, für Deutschland ist es ja noch neu... Auch ein Publikum, das offenbar in Unkenntnis der Weltliteratur ziemlich trübe Aufgüsse für originell hält und dafür Geld ausgibt, stellt sich kein gutes Zeugnis aus. Diese traurige Bilanz gilt auch für das andere Thema von Frau Roche, dem in den Staaten schon der interessante Beruf des "vaginal hygienist" vor langer Zeit den Boden bereitet hat. Wir sind halt kulturell doch eine Kolonie der Vereinigten Staaten geworden. Was es bedeutet, dass derlei Probleme und Scheinprobleme in unserer übersexualisierten Gesellschaft so breit diskutiert werden, darüber sei hier kein Wort verloren.

Sven von Storch

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