Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Wehrunwille und Wehrunfähigkeit

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Wehrunwille und Wehrunfähigkeit
Datum: 24.09.2014, 13:00

Henryk M. Broder hat in der „Welt“ wieder einmal einen Text geschrieben, dem man nur schlicht und einfach beipflichten muss. Er beschreibt einige deutsche Illusionen, zu denen die Bestellung einer Frau und siebenfachen Mutter zur Chefin der Bundeswehr gehört, die aus dieser Operettenarmee ein „Dienstleistungsunternehmen“ macht, das sich zuvörderst um die „Vereinbarkeit von Dienst und Familie“ sorgt. Dazu passt ein Foto, das die nur satirisch als Verteidigungsministerin zu bezeichnende Dame mit einem Soldaten im Tarnanzug (!) in einem Spielzimmer (!!) zeigt.

Ich schreibe das mit einer gewissen Verbitterung als jemand, der Wehrdienst im Kalten Krieg gemacht, also die Bundeswehr noch als halbwegs intakte Truppe erlebt hat. Wie sagt doch der großartige Militärhistoriker Martin van Crefeld: „Was soll man von der fortschreitenden Feminisierung des Militärs im Westen halten? Offensichtlich doch, daß dieses Militärwesen im Niedergang begriffen ist. Dieses Argument paßt sehr gut zu dem, was wir an Wandel des regulären Krieges hin zu Terrorismus und Guerillakrieg beobachten können. Unter den Taliban sind jedenfalls wenige bis keine Frauen.“ Beim IS übrigens ebensowenig.

Die bundesrepublikanische Gesellschaft ist schon lange wehrunwillig; nun ist sie auch wehrunfähig geworden. Das erinnert an die Haltung der römischen Provinzen in der letzten Phase des weströmischen Reichs. Verteidigung wurde nur von der Zentrale in Rom erwartet, die sie aber nicht mehr bieten konnte. So schrieben die Bürger der nordafrikanischen Provinz einen Brief um Hilfe nach Rom, als die Vandalen vor der Tür standen, anstatt sich selbst um eine, durchaus erfolgversprechende, Verteidigung gegen die keineswegs übermächtigen Barbaren zu kümmern. Die Antwort aus Rom ist berühmt geworden: Aus bedrohlichen Invasoren wurden umgehend harmlose Mitbürger, indem ihnen das römische Bürgerrecht verliehen wurde. Nur leider hatten die Vandalen ganz andere Vorstellungen von ihrer Rolle in dem Possenspiel, mit den bekannten Folgen. War es das, was Westerwelle mit „spätrömischer Dekadenz“ meinte?

Auch heute meinen wir, durch Verwaltungsakte wie Einbürgerungen ideologische Unterschiede wegzaubern zu können. Durch diese Illusion kommt es u. a. zu den überraschend vielen kerndeutschen Dschihadisten. Der Rest von uns aber will, wie Broder schreibt, in Ruhe gelassen werden. Das wird aber kaum klappen. Hinzu kommt eine unglaubliche Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen, die für unsere Werte gekämpft haben und gefallen sind oder umgebracht wurden. Es sei nur an die drei enthaupteten Journalisten und Helfer im Nahen Osten erinnert, deren Schicksal medial äußerst knapp erwähnt, eigentlich in schändlicher Weise unter den Teppich gekehrt wurde. Dass sie bei aller Erniedrigung, der sie ausgesetzt waren, mit Haltung, ja heldenhaft gestorben sind, ein solcher „antiquierter“ Ausdruck kommt der Journaille nicht in den PC. Noch einmal sei Van Crefeld zitiert: „Ein Land, das diejenigen, die für es kämpften und starben, in einer solchen Art und Weise behandelt, kann nur beten, daß – um Clausewitz zu zitieren – niemand mit einem scharfen Schwert vorbeikommt und ihm den Kopf abschneidet. Denn ganz gewiß wird dann keiner für es kämpfen.“ Clausewitz wusste schon, welches Bild er für sein Argument wählte.

Sven von Storch

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