Was ist deutsch_
Was ist deutsch_
Datum: 28.03.2016, 18:02
In der Diskussion um die sog. „Flüchtlingskrise“ wird immer wieder die Forderung nach „Integration“ erhoben. Die massenhafte und ungelenkte Einwanderung von Asiaten und Afrikanern wird kaum noch thematisiert, sie scheint für die deutsche Politik eine Art Naturgesetz zu sein; ebenso wird nicht mehr zwischen Asyl- bzw. Flüchtlingsstatus einerseits und Wirtschaftsmigration andererseits unterschieden, wie es anfangs noch als reines Lippenbekenntnis der Fall war, was nur bedeuten kann, dass alle, die ihren Fuß über die ungeschützte deutsche Grenze gesetzt haben, auch bleiben werden. „Nun sind sie halt da.“ Darum soll ja auch unhinterfragt „integriert“ werden, obwohl schon fragwürdig ist, warum Menschen, die keinen und solche, die nur einen temporären Anspruch auf Bleibe haben, unbedingt „integriert“ werden müssen. Auch hier also die unausgesprochene Annahme hinter der Forderung nach „Integration“: Alle, die sich den Zutritt de facto erzwungen haben, sollen auch bleiben.
Nun kommt die Frage, wo hinein sich diese Millionen „integrieren“ sollen. Die deutsche Wirtschaft gibt zusammen mit der Politik die Antwort: zunächst in den Arbeitsmarkt. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau, fordert deshalb die Einrichtung eines Billiglohnsektors in Deutschland, weil die Ankommenden ja zum überwiegenden Teil nicht einmal das haben, was in Deutschland einem Hauptschulabschluss entspräche. Arbeit soll angeblich bei der „Integration“ helfen, obwohl die Erfahrungen aus Großbritannien, Frankreich und leider auch Deutschland dagegen sprechen. Denn auch bei arbeitenden Migranten ist immer noch nicht geklärt, wo hinein sie sich „integrieren“ sollen. Worüber Einigkeit herrscht: Sie sollen, wenn sie denn alle bleiben, irgendwann und irgendwie „deutsche“ Staatsbürger werden, was ja in der Sprache der veröffentlichten Meinung identisch sein soll mit „deutsch“.
Und hier fängt die Schwierigkeit für die politische Klasse an: Was ist deutsch? Ein türkischer Politiker wie C. Özdemir, der eine Klientel zu bedienen hat, die sich selbst auch nach 50 Jahren kaum als deutsch sieht, umgeht aus begreiflichem Grund diese Frage und beruft sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: das Grundgesetz. Das Grundgesetz soll „unsere“, also deutsche Leitkultur sein. Das würde aber bedeuten, dass z. B. Neuseeland oder Alaska „deutsch“ wären, würde dort das Grundgesetz gelten. Der offenkundige Unsinn dieser Forderung Özdemirs ist klar. Sie steht auch im Widerspruch zur multikulturellen Ideologie (nicht nur) der Grünen, denn dieser gemäß sollen alle Bleibenden ja ihre offenkundig nicht-deutsche Kultur weiterleben dürfen, die häufig nicht mit Geist und Buchstaben des Grundgesetzes vereinbar ist. Wer dann außer dem deutschen Volk der Träger einer „Leitkultur des Grundgesetzes“ sein soll, bleibt offen, womit der gedankliche Fehler entlarvt ist. Man kann darum auch gleich von einer deutschen Leitkultur sprechen. Und wieder stellt sich die Frage: Was ist deutsch?
Die politische Einheitsfront sei hier stellvertretend durch R. Künast zitiert: Ich weiß gar nicht, was deutsch ist, ich weiß nicht, was das sein soll. Und in der Tat, wer könnte so ohne weiteres definieren, was deutsch sei? Und weil das so schwer ist, kommen öffentlich-rechtliche Propagandisten wie Herr Plasberg zum (Fehl-)Schluß, dass es so etwas wie „deutsch“ nicht gäbe. Damit soll jeder Forderung nach Assimilation die Spitze gebrochen werden. Weil keiner definieren kann, was deutsch sei, könne auch niemand verlangen, dass jemand deutsch werde. Zwar ist diese Prämisse falsch, aber sie dient Politik und Wirtschaft dazu, lediglich die Staatsangehörigkeit als Band zwischen den multikulturell verschiedenen und deshalb nebeneinanderherlebenden Gruppen eines Vielvölkerstaates namens Deutschland einzuführen.
Warum diese Prämisse falsch ist? Hier sei aus einem Interview zitiert, das mit dem Philosophen Karl Popper im Jahr 1974 geführt wurde. Popper sagt dort: „Meiner Meinung nach ist es eine Art Lebensaufgabe, sich zu trainieren, so klar wie möglich zu sprechen. Und das wird nicht dadurch erreicht, dass man besonders auf die Worte achtet, sondern das wird dadurch erreicht, dass man seine Thesen so formuliert, dass sie kritisierbar werden. Die Leute, die zuviel über Definitionen, Worte, Begriffe reden, die bringen eigentlich nichts vor, das einen Wahrheitsanspruch erhebt. Eine Definition ist eine rein konventionelle Angelegenheit; die Erwartung, dass jeder die Begriffe, die er benützt, definieren kann, ist eine überaus ruinöse Einstellung für die Philosophie. Was meinen Sie mit Gerechtigkeit? Wenn jemand nicht weiß, wie er das definieren soll, heißt das doch nicht, dass er nicht weiß, was Gerechtigkeit ist. Wenn jemand sagt: Definieren Sie »Mensch«! Und er gibt zur Antwort: Ein federloser Zweifüßler - wissen Sie dann mehr? Wenn einer vorher nicht gewußt hat, was ein Mensch ist, wird er es nach der Definition auch nicht wissen. Definitionen helfen nicht. Definitionen führen nicht zur Klarheit, sondern zu einer prätentiösen, falschen Präzision. Ich bin gegen die Diskussion von Begriffen und Definitionen, sondern für einfaches Sprechen. Die politische Philosophie und Diskussion ist voll von solchen Begriffsbestimmungen, Diskussionen über Begriffe; man sollte sie ersetzen durch die Diskussion von politischen Vorschlägen, Planungsvorschlägen (nicht dirigistisch gemeint, sondern was man durchführen soll). Zum Beispiel ist die Frage: Was ist der Staat? kein Problem; stattdessen die Frage: Wie weit soll sich der Staat in die privaten Affären der Staatsbürger einmischen und wann? Das ist ein Problem.“
Jemand, der mit den Hintergedanken an Billiglohnsektor und Vielvölkerstaat die unsinnige Frage stellt, was deutsch sei, will also von vornherein so diskutieren, dass er nicht kritisiert werden kann. Er will keinen Wahrheitsanspruch erheben, sondern den Diskussionsgegner vorführen und mundtot machen, wenn dieser - wie erwartet - nicht definieren kann, was deutsch sei. Das ist aber weder möglich noch nötig. Jeder Deutsche weiß auch ohne Definition, wer deutsch ist. Einige Worte genügen im Gespräch, um mit einem ersten Eindruck zusammen festzustellen, ob man es mit einem oder einer Deutschen zu tun hat. Das Wohinein der Integration kann damit eindeutig und einfach beantwortet werden. Die Frage: Was ist deutsch? stellt laut Popper kein Problem dar, weil es sich von selbst versteht; ein Problem im Sinne Poppers ist dagegen: Wodurch sollen welche und wieviele Einwanderer deutsch werden? Diejenigen unter den Bleibenden, die die Voraussetzungen dafür haben, sollen Deutsche werden. Diejenigen, die die Voraussetzungen nicht erfüllen, kommen garnicht herein oder müssen wieder gehen. Wodurch sollen sie Deutsche werden? Durch Assimilation - bis man dem Herrn Piontek nicht mehr anmerkt, dass seine Vorfahren aus Polen stammten. Auswahl, Begrenzung, Assimilation als logische Grundlagen der Einwanderung: Diese simple Erkenntnis macht blitzartig klar, warum die politische Klasse alles dafür tut, von ihr abzulenken.
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