Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Vor 100 Jahren starb Kaiser Franz Joseph I

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Vor 100 Jahren starb Kaiser Franz Joseph I
Datum: 21.11.2016, 19:00

Der letzte Kaiser des Vielvölkerstaates war Franz Joseph (1830 - 1916) nicht, aber mit ihm starb die Idee eines Reiches, das nicht national(istisch) organisiert war. Der Leitspruch der Donaumonarchie war: „Viribus unitis“, also „Mit vereinten Kräften“. Eigentlich sollte diese Idee heute anregend sein, doch verhindert die Tatsache, dass es sich eben um eine Monarchie handelte, die von dem obersten Souverän, einem Kaiser und König, zusammengehalten wurde, einen sinnvollen Anschluss in einer Zeit, die die Republik für alternativlos hält.

Die Historiker Manfred Rauchensteiner und Christopher Clark, die bedeutende Bücher zum Ersten Weltkrieg, der das Ende der k. u. k. Monarchie bedeutete, schrieben, haben sich in einem „Zeit“-Interview so geäußert:

ZEIT: Die banale Frage, ob der Erste Weltkrieg auch positive Folgen hatte, wird kaum jemals gestellt.

Clark: Das ist aber eine sehr wichtige Frage.

Rauchensteiner: Mitunter werde ich gefragt, ob die Habsburgermonarchie als Vorbild für die Europäische Union dienen könnte. Um Himmels willen, bloß nicht, dass die EU so enden sollte. Wir sollten uns dazu durchringen können, eine Art gemeinsames europäisches Gedenken zusammenzubringen. Aber in erster Linie sollten wir sehr demütig vor den Gräbern und Denkmälern stehen und sagen: Um Gottes willen, ihr armen Menschen.

Clark: Im Fall des Zweiten Weltkriegs kann man in Großbritannien oder in den USA sagen, es sei für die Freiheit gekämpft worden. Das mag stimmen. Solche Zuschreibungen greifen aber im Kontext des Ersten Weltkrieges nicht. Da stellt sich die Frage, welche Bedeutung haben dann all die Totenlisten heute? Ich finde genau richtig, was Sie gesagt haben: Man steht demütig vor den Gräbern. Denn diese jungen Männer, meistens fast noch Kinder, sind von ihrem Staat, von Österreich-Ungarn, an die Fronten geschickt worden. Sie haben für die Monarchie, für den Monarchen, meinetwegen auch für ihr Land das Leben geopfert. Nicht aber für eine große, heute noch gültige Idee. Lediglich für das Land. Dann ist die Frage aber schwierig, wenn die Idee, für die sie gestorben sind, heute nicht mehr gültig ist. Wie geht man mit diesen Toten um? Da bin ich der Meinung, dass man ihr Opfer als Herausforderung für das heutige Staatswesen anerkennt. Wir, die Staatsbürger der europäischen Länder, müssen daran arbeiten, diese Staaten in einen Zustand zu bringen, der es rechtfertigt, dass diese Menschen ihre Leben dafür gaben. Wissen Sie, was ich meine? Am Ende des Films Der Soldat James Ryan von Steven Spielberg, da lehnt der Offizier, der ausgeschickt wurde, um den Soldaten Ryan zu retten, von Kugeln durchsiebt an einer Mauer. Er liegt im Sterben. Er zieht Ryan zu sich herunter und sagt: „Earn this!“ Verdiene dir das! Und wir müssen es uns verdienen, was die Toten des Ersten Weltkrieges gegeben haben.

Clark sagt im Interview auch, dass er die Donaumonarchie fast ein bißchen liebgewonnen habe im Laufe seiner Studien, denn sie habe dem europäischen Nationalstaat ein alternatives Modell gegenübergestellt. Doch auch er spricht weiterhin von „Staaten“ und „Ländern“, im Gegensatz von Politikern wie Martin Schulz, die heute immer vollmundig von „Europa“ sprechen, aber welches Europa sie meinen, wird nicht klar. Wenn man die Realität betrachtet, handelt es sich um ein Europa der Konzerne, eine Art ökonomische Unterfütterung der NATO. Die Donaumonarchie hatte einen kulturellen und spirituellen Schwerpunkt, der im heutigen Europa fast völlig fehlt. Ich sehe zudem die Favorisierung eines globalisierten Europas durch die EU-Politiker, die am liebsten die schrankenlose Einwanderung vieler Millionen Menschen aus Afrika und Asien mit einer entsprechenden demographischen Umwälzung betreiben würden. Demgegenüber war die Donaumonarchie ein dezidiert europäischer Vielvölkerstaat. Dem ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand war es nicht vergönnt, in einer von ihm beabsichtigten Reform den slawischen Völkern des Reiches mit den Deutschen und Ungarn vergleichbare Rechte zu geben, was das Reich konsolidiert hätte.

Meine Großväter haben beide an der Isonzofront gegen Italien gekämpft. Heute ist Italien als Feind unvorstellbar. Das ist ein gewaltiger Fortschritt. Wie der Jugoslawienkrieg an sich und seine Beendigung durch die völkerrechtswidrige Bombardierung Belgrads gezeigt hat, wie auch die Ukrainekrise heute zeigt, sollte es oberstes Ziel sein, erst einmal die Freundschaft zwischen den europäischen Völkern langfristig zu konsolidieren, anstatt fremde Völkerschaften mit ihren je eigenen Problemen nach Europa zu importieren. Der letzte große europäische Krieg ist gerade mal 70 Jahre her, der Friede ist brüchig. Durch die dumme globalistische Politik der EU-Bürokraten und -Politiker wird dieses Projekt eines bescheiden den europäischen Frieden zwischen den europäischen Völkern erhaltenden Bundes freier europäischer Nationen gefährdet. Das ist nicht das, was die Millionen von Toten der Weltkriege verdient haben.

Sven von Storch

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