Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Völkerverständigung war die Absicht

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Völkerverständigung war die Absicht
Datum: 06.01.2012, 17:37

Wir erleben gerade eine Duplizität der Fälle. Völkerverständigung war die Absicht, herausgekommen dabei ist Haß. Manchmal schlägt ein Zuviel des Guten in sein Gegenteil um. Man hätte es besser wissen können. Es gab Vorgänger, von denen man hätte lernen können. Aber vom Feind zu lernen bedarf einer Größe, die nicht jeder hat.

Siebzig Jahre internationalistischer Erziehung haben es nicht vermocht, aus den Völkern des sozialistischen Einflussbereichs "Brudervölker" zu machen. Jedem Groß- und Weißrussen, jedem Tadschiken und bucharischen Juden, jedem Tschetschenen und Armenen, jedem Serben und Kroaten ist täglich eingebleut worden, daß nur die Klassenschranken existieren, die Menschen ansonsten aber alle gleich sind. Der ideologische Verzicht auf eine genauere und sinnvolle Bestimmung dessen, worin die Menschen denn gleich wären, hat zu einem unerträglichen Einheitsbrei geführt. Die Besonderheiten der einzelnen Völker sind dabei oft mit Füßen getreten worden.

Fast mutet diese Zwangserziehung an wie jene der Genderideologinnen, die Weiblichkeit und Männlichkeit als sozial konstruiert bezeichnen. In dieser radikalen Interpretation einer diskutablen Erkenntnis werden die physischen und geistigen Besonderheiten der Geschlechter komplett aus dem Auge verloren. Dieser soziologische Wahnsinn der westlichen Gesellschaften ginge aber noch an. Schlimmer ist, was sich derzeit in Europa politisch abspielt. Durch die Brüsseler Bestimmungen sollen die Verhältnisse in den Mitgliedsstaaten immer ähnlicher werden. Schon diese Vereinheitlichung, so nützlich sie im Einzelfall auch sein mag, stößt allseits nicht nur auf Gegenliebe.

Die Größenverhältnisse zwischen den EU-Staaten führen zwangsläufig dazu, dass Schieflagen entstehen. Grob gesprochen sollen die Griechen immer deutscher werden. Manche Deutschen finden das gut, ist doch Deutschland der größte Nettozahler. Die Griechen aber beginnen die Deutschen wieder kritischer zu sehen, und wenn sich dann einige Ältere an 1941 erinnern, ist das Kind endgültig in den Brunnen gefallen. Der überzogene Druck, europäisch zu sein, führt dialektisch zu Ablehnung und Haß. "Das einzige Reich, das jemals den Geist Europas atmete, war das multinationale, von unterschiedlichen Geschwindigkeiten geprägte Habsburgerreich, in dem Nichtdeutsche nicht gezwungen wurden, sich als Deutsche neu zu erfinden." (Tony Corn in einem FAZ-Artikel zu "Neuen deutschen Illusionen" am Neujahrstag 2012). Leider hatte dieses Reich schon unter ungünstigen Auspizien begonnen und keine Zeit, diese Lügen zu strafen.

Das Geheimnis dieses Reiches waren die tolerierten unterschiedlichen Geschwindigkeiten seiner Regionen. Im heutigen Europa werden diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten negiert. Da werden zum Beispiel zentral irgendwelche Regularien für die Einrichtung und Kontrolle der Hygiene in Arztpraxen beschlossen. In Deutschland entwickelt sich daraus ein bürokratischer Überwachungswahn durch eigens berechtigte Institutionen und mit entsprechenden Gebühren. Es glaubt doch niemand, dass in Griechenland, ohne den Griechen zu nahe treten zu wollen, dieselbe Akribie der Kontrolle herrscht. Ähnlich ist es mit der Niederlassungsfreiheit für Ärzte. Sie führt natürlich nur zu einer Abwanderung von Ost nach West, oder welcher französische Arzt läßt sich in Bulgarien nieder, auch wenn er das Recht dazu hat? In der Makroökonomie dürften die Ungleichheiten ähnlich sein. Das Problem des Euro kommt auch von daher. Und natürlich werden die Deutschen zurecht sauer, wenn sie Milliarden hart verdienten Geldes in einem Faß ohne Boden verschwinden sehen, anstatt dass diese der eigenen Volkswirtschaft zugute kommen.

Nun hat die Schuldenkrise dazu geführt, dass demokratisch gewählte Regierungen putschartig gestürzt wurden, weil die Banken es so wollten. Der ehemalige EZB-Vizepräsident Papademos und der frühere EU-Kommissar und Ökonom Monti sind Platzhalter der wahren Entscheidungsträger in Europa. Auch dies trägt nicht zum Vertrauen in die Demokratie bei. So demontiert sich Europa selbst. "Gewiss", schreibt Corn in erwähntem Artikel, "das Schlachtfeld ist heute nicht militärischer, sondern monetärer Natur, die Klasse der Unternehmer und Banker hat die Rolle der preußischen Junker übernommen und die Bundesbank die des Generalstabs. Doch alles in allem erscheint die Szene vertraut." Ein bedenklicher Vergleich, doch er könnte stimmen. Die Politik sollte führen, aber wo sind die Politiker, die das können?

 

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Adorján Kovács

Deutsche Befindlichkeiten. Eine Umkreisung

Artikel und Essays.

Essen: Die Blaue Eule, 1. Auflage 23.02.2012, Paperback, 318 S., Maße: 21,0 x 14,8 cm, ISBN: 978-3-89924-337-6, Preis: € 36,00.

Sven von Storch

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