Prof. Dr. Adorján F. Kovács

zu Person und Archiv

Vernunft und Glauben am Beispiel des _Mohammad-Problems_

Veröffentlicht:

Vernunft und Glauben am Beispiel des _Mohammad-Problems_
Datum: 03.06.2015, 16:51

Dieser Artikel möchte die Nützlichkeit der historisch-kritischen Methode an einem Beispiel auch in Bezug auf den Islam beleuchten. In den (westlichen) Geschichtswissenschaften wie auch der (christlichen) Theologie wird diese Methode bei der Untersuchung historischer Texte aller Art angewandt. Sie ist, nach einem Wort des Philosophiehistorikers Kurt Flasch, die einzige Methode, die bei der genannten Untersuchung überhaupt ein interpersonal vermittelbares Wissen, das diesen Namen verdient, in diesen Wissenschaften produzieren kann.

Nun behaupten Muslime, der Islam sei die „rationalste“ und „perfekteste“ Religion. Solche apodiktischen Behauptungen sind immer riskant, weil sie einer Wunschvorstellung entsprechen und bei näherem Nachfragen in sich zusammenbrechen. Außerdem sind Religionen insgesamt nicht unbedingt Paradebeispiele für Rationalität, auch wenn viele Theologen oder Religionsphilosophen eine Verbindung von Rationalität und Glauben versucht haben. Religionskritik war deshalb einmal der vornehmste Ausgangspunkt der Aufklärung und führte zu einem Juden- und Christentum, die für moderne rationale Menschen denk- und lebbar geworden sind. Der Islam, d. h. die große Mehrheit der Muslime, weigert sich beharrlich, sich mit vermeintlich „Fremdem“ wie Religionskritik auseinanderzusetzen, weil das der „Perfektion“ des Islam schaden würde [1]. Er soll ein hermetisches System bleiben, das nicht hinterfragt wird, schon gar nicht von westlichen Wissenschaftlern. (Heute wird diese Haltung indirekt unter dem Vorwurf eines angeblichen „postkolonialen Hegemonialismus“ des Westens sogar an westlichen Universitäten unterstützt.) Man könnte außerdem der europäischen Aufklärung den Vorwurf eines areligiösen Rationalitätsbegriffs machen, doch scheint es mehr als dubios, von der Vorstellung einer universalen Vernunft abzugehen und partikulare Vernunftbegriffe einzuführen. Haben Muslime denn eine andere Rationalität als Atheisten, Christen oder Hindus? Es gibt mittlerweile eine große Zahl an gedruckten und im Netz publizierten seriösen Kritiken von offenkundigen Fehlern und Widersprüchen im Islam. Ich möchte hier nur ein Beispiel herausheben, weil es kein dogmatisch-theologisches Problem, sondern ein Widerspruch historischer Art ist.

Wie nämlich ist die Binnensicht der Muslime selbst auf ihren Propheten? Da gibt es eine auffällige Paradoxie, die ich das „Mohammad-Problem“ nennen möchte. Sie ist den Muslimen natürlich zwar auch aufgefallen, sie haben sie aber nie aufgehoben. Der Widerspruch besteht übrigens völlig unabhängig davon, ob man, wie gläubige Muslime sowieso, aber auch die aktuelle Mehrheit der Islamwissenschaftler und Historiker, von der geschichtlichen Existenz eines arabischen Propheten namens Mohammad ausgeht.

Einerseits sehen Muslime nämlich ihren Propheten als den besten Menschen, der je auf Erden gelebt hat. Zitat von Schwester Nasreen auf islam.de (nur ein Beispiel von Tausenden): „Die Rede ist von einem Menschen mit vorzüglichsten Charaktereigenschaften und ungewöhnlichen aber äußerst vorbildlichen Handlungsweisen. Die Ruhe und Geduld selbst. Gibt es in Ihrer Umgebung bzw. in ihrem Verwandten- und Familienkreis einen Menschen von dem sie so etwas behaupten können? Kennen Sie einen Menschen, der nie schimpft, schreit oder wütend wird..? Immer geduldig, liebevoll und ruhig bleibt..? Ich kenne einen Menschen. Die Rede ist von dem Propheten Mohammad - Friede und Segen auf ihm.“[2] Diese Auffassung beruht vor allem auf Teilen der sogenannten „authentischen“ mündlichen Überlieferungen, also den Hadithen [3]. In einem Video des bekannten Predigers Scheich Abil Al Awadi kann man die ethische, aber auch körperliche Perfektion des Propheten bis in seine Haar- und Gesichtsfarbe und seine Art zu gehen beschrieben hören [4].

Andererseits gibt es den Propheten Mohammad, wie er u. a. in der Sira, einer Art offizieller Biographie des Propheten von Ibn Isḥāq bzw. Ibn Hishām [5], geschrieben zweihundert Jahre nach seinem Tod, aber auch in einer Anzahl von Hadithen [6] geschildert wird. Ich möchte hier nicht wiederholen, was dort über ihn berichtet wird; es ist jedenfalls mit der obigen Beschreibung („...immer geduldig, liebevoll und ruhig...“) in keinster Weise vereinbar, wie auch jeder Muslim nach Lektüre der genannten Schriften ohne weiteres zugeben wird. Es gibt also ein Problem, das nach Auflösung drängt. Das wäre nun der Ansatz historisch-kritischer Forschung, denn wir haben es mit historischen Texten zu tun.

Es gibt natürlich mehrere Möglichkeiten, auch anders mit der Paradoxie umzugehen. Manche islamischen Gelehrten lösen das Problem scheinbar dadurch, dass sie einen Teil der Sira als erfunden ablehnen. Doch welcher Teil sollte das sein? Interessanterweise sind das für die Gelehrten meist die Geschichten, die nicht in das Bild des geduldigen, liebevollen und ruhigen Propheten passen. Diese „Lösung“ ist einmal darum unbefriedigend, weil sie willkürlich ist. Dann wird die angebliche Authentizität von Geschichten zum Propheten mittels eines sog. „Isnads“ geprüft, also einer innerislamischen mündlichen Überliefererkette. Diese ist aber zum einen erst sehr lange Zeit nach den behaupteten Ereignissen zusammengestellt worden, was der Grundregel der Zeitgenossenschaft widerspricht, zum andern ist sie nicht überprüfbar, weil es von den behaupteten Überlieferern außerhalb muslimischer Quellen keinerlei Spuren gibt. So lautet eine alte Rechtsregel: ein Zeuge ist kein Zeuge. Mindestens zwei unabhängige Zeugen müssten also übereinstimmende Aussagen abgeben, um einem Bericht Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dies sind nur zwei der vielen Einwände gegen das Verfahren. Man kann es also glauben oder nicht.

Eine andere Umgangsweise ist die Verdrängung. Nicht zu bestreiten ist nämlich, dass der Islam traditionell beide, eigentlich unvereinbare Sichtweisen miteinander verbindet. Zumal der Kriegsherr wird ja nicht etwa geleugnet, sondern voller Stolz angeführt. Aber auch die Behauptung, all seine Kriege seien von ihm nur zur Verteidigung der Gemeinde geführt worden, mildert nicht die Kluft zum Menschen, der „immer liebevoll“ gewesen sein soll. (Zumal er der Tradition nach in Briefen an den byzantinischen Kaiser und den persischen Großkönig sehr wohl Angriffskriege angedroht hat.) Stellen sich Muslime nicht die Frage, wie beide Sichtweisen zusammenpassen? Eine Erklärung könnte sein, dass die erste mehr im naiv-gläubigen privaten Rahmen gelehrt wird, während die zweite eher den theologisch Gebildeteren bekannt sein dürfte. Damit kommen sich die unterschiedlichen Sichtweisen bei einem einzelnen Gläubigen gedanklich nicht in die Quere. Auch diese geistige Trennung ist unbefriedigend, denn sie verdrängt nur das Problem.

Wie kann es also sein, dass zwei sich so sehr widersprechende Darstellungen des Propheten im Islam koexistieren? Für einen neutralen Historiker offenbart diese gespaltene Sicht auf den Propheten ganz offensichtlich, dass hier zwei alte Überlieferungen miteinander konkurrieren. Dazu passt das Verbot, Mohammad abzubilden, sowie der Vorwurf der Blasphemie bei von Muslimen als solche empfundenen Beleidigungen des Propheten. Denn zum Kriegsherrn, der laut der zweiten Traditionslinie immer besonders betont habe, nur ein Mensch zu sein, passt es nicht: Wie kann es nämlich Blasphemie sein, einen Menschen abzubilden oder zu beleidigen? Die Politikwissenschaftlerin Hirsi Ali kritisiert deshalb auch den ersten Überlieferungsstrang vom „besten Menschen, der je gelebt hat“, und dessen Sicht ja Bilderverbot und Überhöhung logischerweise nur entstammen können, er mache aus Mohammad so etwas wie einen „unfehlbaren Halbgott“ [7] (obwohl das bewusst sicher nicht der Fall ist).

Die historisch-kritische Methode kann den beschriebenen Widerspruch im Mohammad-Bild der Muslime auflösen [8]. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass der Islam aus einer „muhammad“-Bewegung hervorging. Die erste Vorstellung von Mohammad als dem besten Menschen, der je auf Erden gelebt hat, entspricht nach diesen Forschungen Jesus Christus, der im siebten Jahrhundert von den unitarisch-christlichen Arabern als „muhammad“ und „abdallah“ bezeichnet wurde, übersetzt also als „Gepriesener“ und „Gottesknecht“, als jemand, der zwar nicht Gott ist, aber diesem doch in seiner menschlichen Perfektion ganz nahe steht und deshalb wie dieser weder abgebildet noch beleidigt werden darf. Unitarisch heißt, dass es nur einen einzigen nicht-trinitarischen Gott gibt, entspricht mithin genau der späteren islamischen Theologie. Bilderverbote gab es denn auch schon in diesem arabischen Christentum, aus dem der frühe Islam wohl hervorging. Im ersten Überlieferungsstrang lebt also die Jesus-Tradition eines ganz besonderen, perfekten Menschen weiter, der anders als “normale“ Menschen behandelt werden muss.

Die zweite Traditionslinie entstammt wohl der imperialistischen abbasidischen Kalifatsadministration, die aus dem vorgefundenen, noch nicht fixierten nicht-trinitarischen Glauben eine arabische Reichsideologie geformt hat, die alle religiösen Strömungen des damaligen Nahen Ostens versöhnen und allen Reichsangehörigen klare Handlungsrichtlinien vermitteln sollte, um sie besser beherrschen zu können. Sie schuf daher mit einem kompletten arabischen Reichsgründungsmythos auch das Bild eines kriegerischen arabischen Propheten, der den Titel „muhammad“ als Eigenname erhielt, den es vorher offensichtlich nicht gab (wie z. B. beim ersten römischen Kaiser der Ehrentitel „Augustus“ , „der Erhabene“, zum Namen wurde). Aus dieser Zeit stammen die erwähnten biographischen Schriften, die den Zweck hatten, die „Anlässe der Offenbarung“ (asbāb an-nuzūl) des Koran, der wohl schon vorlag, zu konkretisieren, wozu sich ein Prophet besonders eignete. Damit war die eigentliche islamische Religion als politisch-religiöses Sozial-, Rechts- und Herrschaftssystem geboren. Beide Überlieferungsstränge sind in der Folgezeit, je nach Auffassung, in der Figur eines Propheten Mohammad verschmolzen oder der geschichtlichen Person übergestülpt worden, ohne dass ihre Widersprüche beseitigt worden wären.

Die mangelnde Auseinandersetzung der Muslime mit diesem offenkundigen Widerspruch in ihrem Mohammad-Bild zeigt, wie schwierig die Loslösung von niemals hinterfragten Traditionen ist, auf denen die Behauptung von der „perfekten“ Religion beruht. Darauf angesprochen, reagieren Muslime meist unwillig und meinen, man solle sie mit „unseren Methoden“ in Ruhe lassen, womit der wissenschaftlichen Vernunft eine Absage erteilt wird, oder sie sagen, sie seien nur einfache Gläubige, die nicht verwirrt werden wollen, was einem Denkverbot gleichkommt. Beide Reaktionen widersprechen der Behauptung von der „rationalsten“ Religion. Da aber auch behauptet wird, die islamische Offenbarung sei im vollen Lichte der Geschichte erfolgt, muss eine Überprüfung mit allgemein anerkannten Methoden historischer Forschung möglich sein. Womit denn sonst? Die islamische Theologie jedenfalls hat dieses Paradoxon über 1000 Jahre lang nicht befriedigend aufgehoben. Es sind die Muslime, die bis auf weiteres mit dem beschriebenen Widerspruch zu Vernunft und Perfektion leben müssen.

[1] Z. B.: „Und hütet euch vor Erneuerung (Veränderungen des Islam), denn jede Erneuerung ist eine Ketzerei, und jede Ketzerei ist eine Irreführung, und jede Irreführung leitet zum Höllenfeuer“ (aus der Hadithsammlung des Abū Dāwūd) oder prägnanter: „Derjenige, der in unsere Sache (den Islam) etwas Fremdes einführt, wird zurückgewiesen“ und „Die Schlechtesten aller Dinge sind Neuerungen, die in die Religion eingeführt werden“ (aus der Hadithsammlung des Al-Buẖārī).

[2] muhammad.islam.de/11466.php.

[3] Zum Beispiel Al-Buẖārī: Die Sammlung der Hadithe. Reclam, 2010. Es gibt aber auch noch andere Hadith-Sammlungen wie die von Abū Dāwūd, die von Muslimen für authentisch gehalten werden und im Internet einsehbar sind.

[4] www.youtube.com/watch.

[5] Ibn Ishâq: Das Leben des Propheten: As-sîratu n-nabawiyya. Spohr, 2014.

[6] Zum Beispiel www.hadithcollection.com/abudawud/265-Abu%20Dawud%20Book%2033.%20Prescribed%20Punishments/18279-abu-dawud-book-033-hadith-number-4348.html.

[7] Ayaan Hirsi Ali: Reformiert Euch!: Warum der Islam sich ändern muss. Albrecht Knaus Verlag, 2015.

[8] Siehe u. a. sämtliche Publikationen der Gruppe Inârah beim Hans Schiler-Verlag seit 2007.

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.