Transhumanismus und Homo sapiens
Transhumanismus und Homo sapiens
Datum: 08.10.2022, 10:29
Yuval Noah Harari, 46, Dozent an der Hebräischen Universität Jerusalem, wird zunehmend als „Der Prophet“ bezeichnet. Er ist Autor zahlreicher Bücher, von denen mehrere ins Ungarische (und Deutsche) übersetzt wurden und die auf den Bestsellerlisten ganz oben stehen. Er ist eine unglaubliche Berühmtheit, hält Vorträge in der ganzen Welt und wird von der führenden internationalen Presse und den Medien interviewt. Auch wenn wir das hier in Ungarn [und in Deutschland? – A. K.] nicht wirklich sehen, so ist er doch einer der bekanntesten Historiker und Philosophen der Welt, der von vielen gehört und beobachtet wird, und sein Einfluss auf die internationale öffentliche Meinung ist enorm.
Aber was weiß dieser Mann, woher kommt dieser große Erfolg? Meine Antwort lautet: Nichts ist zufällig.
Herr Harari ist niemand Anderes als der Chefberater von Klaus Schwab, dem Präsidenten des Weltwirtschaftsforums (WEF), der den Great Reset für die Welt ankündigt. Wissen Sie, was der Great Reset ist? Kurz gesagt, ist es die Ankündigung einer Weltregierung, in der eine Weltgesellschaft geschaffen wird, die hauptsächlich von Technokraten multinationaler Unternehmen und Gigabanken kontrolliert wird, in der die Nationen endgültig an den Rand gedrängt werden und das Eigentum abgeschafft wird. Ich persönlich würde es einen liberalen Neokommunismus nennen, in dem „ich kein Eigentum habe, aber glücklich bin“, wie das WEF die strahlende Zukunft verkündet.
Das erklärt wohl die unerhörte Popularität von Harari. Über seine Arbeit und seine Bücher sprachen „Größen“ wie Bill Gates, Barack Obama und Mark Zuckerberg rühmende Worte, er wurde von der Stanford- und der Harvard-Universität gelobt, und fast alle Mainstream-Medien, allen voran die New York Times, sind von ihm restlos begeistert. Im Folgenden werde ich lediglich einige Aussagen von Harari zitieren, um zu zeigen, wer der Held und maßgebliche „Prophet“ unserer Zeit ist, der Vorbote der Zukunft.
Harari spricht, wie sein Chef Klaus Schwab, von der vierten industriellen Revolution, deren Kernstück übereinstimmend die Verbindung zwischen Mensch und Computer sein soll. In seinem Buch Homo Deus erklärt Harari ausführlich, wie der transhumanistische Mensch von morgen (ich ziehe es vor, ihn Robotermensch zu nennen) erschaffen wird, genetisch manipuliert, mit Nanorobotern in seinem Körper, gesteuert durch künstliche Intelligenz (KI), gezüchtet in einem Labor und nicht von seiner Mutter ausgetragen. Einer seiner Kommentare dazu lautet: „Covid ist von entscheidender Bedeutung, weil es das ist, was die Menschen davon überzeugt, ihre totale biometrische Überwachung zu akzeptieren.“
Das wäre jener Transhumanismus, von dem auch Klaus Schwab in letzter Zeit viel gesprochen hat. Aber zitieren wir in diesem Zusammenhang Harari: „Eine neue fremde Intelligenz ist in unser Leben eingedrungen, nicht von einem fernen Planeten, sondern aus den Labors. Künstliche Intelligenz. Und das ist etwas Neues. Sie verändert die Welt, weil sie im Gegensatz zu allen anderen Informationstechnologien autonome Entscheidungen treffen kann. Sie kann uns analysieren. Sie kann uns hacken. Zum ersten Mal in der Geschichte ist es möglich, Menschen zu knacken und auf noch nie dagewesene Weise zu manipulieren. Und wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen.“ (Ich fürchte, es wird einige geben, die das wissen.)
Und Harari hat noch mehr nette Dinge über die schöne Zukunft - oder Gegenwart? – zu sagen. Er sagt: „Du bist eine Marionette. [Der Algorithmus] kann dich manipulieren; er kann dich emotional beeinflussen. In den letzten zwanzig Jahren haben die klügsten Köpfe der Welt und die beste Technologie der Welt an dem Problem gearbeitet, wie man Menschen knacken [das ist sein Lieblingswort: „knacken“ – T. F.] und über Bildschirme, über Smartphones kontrollieren kann.“
Und was folgt daraus? Seine Antwort ist nicht gerade beruhigend: „Dies wird die letzte Generation des Homo sapiens sein“. Im 21. Jahrhundert kann der vernünftige Mensch also vor die Hunde gehen, und fortschrittlichere „transhumane" Wesen – d. h. Robotermenschen – werden unseren Platz einnehmen. Hurra! Bis jetzt können wir sagen, dass er versucht, einen zwar erschreckenden, aber einigermaßen realistischen Blick in die Zukunft des 21. Jahrhunderts zu werfen, doch er bleibt dort nicht stehen. Er hat eine klare Vorstellung davon, was künstliche Intelligenz bedeutet und wohin sie uns führen kann. Von hier ab stehen wir auf sumpfigem Grund. Unser Held macht einige interessante – oder eher unerträgliche und inakzeptable – Feststellungen.
Die folgenden:
„Künstliche Intelligenz kann uns tatsächlich in Götter verwandeln.“ Nun, das ist ein Gedanke, der meine Toleranz übersteigt. Aus der Aufklärung, aus dem Kult der Vernunft, aus der Bezwingung der Natur stammt die Idee, dass der Mensch den Platz Gottes einnehmen könne; wir dachten, wir hätten das hinter uns gelassen [nämlich nach der Wende – A. K.] und siehe: dieser Gedanke ist wieder da, in ganzer Lebensgröße.
Aber Harari geht auch darüber hinaus und kriecht auch in die Bibel: „Wenn wir Erfolg haben, und die Chancen stehen gut, werden wir bald über den Gott der Bibel hinaus sein“. Aber auch Christus bleibt für ihn nicht außen vor: „Wir müssen nicht auf die Wiederkunft Christi warten, um den Tod zu überwinden. Ein paar Nerds in einem Labor können es schaffen [...], völlig anorganische Lebensformen zu erschaffen. Das wird die neueste Revolution in der Biologie sein.“ Der Reporter fragte an dieser Stelle: „Werden wir noch Menschen sein?“ Die Antwort lautete: „Nicht in dem Sinne, wie wir Gesellschaften heute verstehen“.
Die andere „große“ Idee von Harari ist, dass künstliche Intelligenz Arbeit im herkömmlichen Sinne überflüssig machen wird, so dass die große Mehrheit der Menschen einfach nicht mehr gebraucht wird. Er brachte es an einer Stelle so auf den Punkt: „Wir brauchen die große Mehrheit der Bevölkerung nicht“. Er führte weiter aus: „Die größte Frage ist, was man mit diesen nutzlosen Menschen machen soll. Das Problem ist eher die Langeweile und was man mit ihnen macht, wenn sie wertlos sind. Mein bester Tipp ist eine Kombination aus Drogen und Computerspielen.“ „Die meisten Menschen werden wirtschaftlich nutzlos und politisch machtlos sein. [...] wir beginnen, eine neue Klasse von Menschen zu sehen. Die nutzlose Klasse“.
Aber sicher haben Klaus Schwab, das WEF und natürlich die gesamte globale Elite, die seit Jahren an der Schaffung dieser schönen neuen Welt arbeitet, noch mehr „progressive“ Ideen, um die nutzlose Klasse zu unterhalten oder zu beschwichtigen. Zum Beispiel das, was der WEF uns auch in seinem Propagandamaterial erzählt, in dem gesagt wird, dass man sich um alles kümmern wird, was die nutzlosen Menschen brauchen, und selbst wenn sie kein Eigentum haben und alles mieten werden, wird Big Brother ihnen jeden Wunsch erfüllen, und Drohnen werden ihnen fleischfreies, künstliches Essen nach Hause (in ihre gemieteten Wohnungen) liefern […], und sie werden ihre Wohnungen nicht verlassen müssen.
Yuval Noah Harari hat es sich mit seinen Ansichten weidlich verdient, Berater von Schwab zu sein und somit auch an den WEF-Jahresforen 2020 und 2022 teilnehmen zu können. 2020 sprach er beispielsweise darüber, dass man für das Knacken, das Hacken von Millionen von Menschen nur ihre Daten braucht. Das Knacken ihrer Daten bedeutet, dass wir mehr über sie – also über die einzelnen Menschen – wissen werden, als sie über sich selbst. Bravo, ich kann verstehen, warum (auch) Mark Zuckerberg Harari gratuliert hat.
Zum Schluss noch ein, wie ich finde, sehr hässliches Argument von Harari, das er am 23. März 2022 auf der Buchmesse in Bologna vorbrachte, wo er über seine neue Buchreihe für Jugendliche sprach und sagte, sie wolle die Kinder von der Vergangenheit befreien. „Für mich besteht der Sinn des Geschichtsunterrichts nicht darin, sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern die Vergangenheit loszuwerden, und als Historiker sage ich, dass das meine Hauptaufgabe ist, ich versuche, sie von der Vergangenheit zu befreien.“
Wir sind zur Hauptsache gelangt: Nimm dem Menschen seine Vergangenheit, und du hast ihm sein menschliches Wesen genommen. Ohne Wissen von der Vergangenheit werden wir wirklich zu kontrollierbaren Robotern ohne Identität. Der Kreis ist geschlossen, das ist Kommunismus pur, wir kennen es [aus der kommunistischen Vergangenheit in Ungarn und der DDR – A. K.], dass die Vergangenheit ausgelöscht werden muss. Nicht zufällig prangt eine Lenin-Statue im Bücherregal von Klaus Schwab. Harari ist ein gerissener Kerl, denn er gibt vor, aufzuklären, aber in Wirklichkeit beeinflusst er die Menschen, lässt sie etwas akzeptieren, gewöhnt sie an etwas. An das, worüber die Schwabs sprechen, wenn auch nicht von allem ehrlich, denn sie verheimlichen uns offensichtlich viel von dem, was sie planen.
Erinnern Sie sich? Vor zweiunddreißig Jahren kam ein Philosoph namens Francis Fukuyama und wurde zum Star, als er sagte, dass die Zeit der liberalen Demokratie gekommen und die Geschichte vorbei sei. Er hatte nicht Recht. Jetzt haben wir den neuen Propheten, der sagt: Die Zeit des Transhumanismus ist gekommen, das Ende des Homo sapiens. Das Ende des Menschen. Jetzt sage ich voraus: Auch er wird nicht Recht haben.
Man muss nur etwas dagegen tun, damit er nicht Recht bekommt.
Der Autor ist Politikwissenschaftler und Forschungsberater am Zentrum für Grundrechte.
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