Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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_Sterbehilfe__ eine kleine Sprachlehre

Veröffentlicht:

_Sterbehilfe__ eine kleine Sprachlehre
Datum: 04.03.2017, 14:43

Ich will gar nicht darauf eingehen, ob es ein "Recht" auf Suizid überhaupt gibt. Heute gibt es ja vor allem in Deutschland Luxus-"Rechte" auf alles Mögliche, auf Gesundheit, intakte Umwelt, Wohnung, Nahrung, Urlaub, Kultur, "Bildung" und vieles mehr, die aber auf Voraussetzungen beruhen, die kaum jemand mehr einhalten will. Deshalb wird es diese angeblichen "Rechte" bald nicht mehr geben.

Noch aber wird fleißig an den Grundlagen unseres Rechts- und Sozialstaats gerüttelt und gesägt, damit es mit dem Absturz umso schneller geht. Dazu gehören sprachliche Verdrehungen, die die Realität verleugnen. Als Beispiel eignet sich ein Satz, der im oben genannten Artikel steht. Anlass war eine Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, in Sonderfällen die Ausgabe von tödlichen Arzneimitteln zu erlauben. (Übrigens ist das auch so eine bewußt subkutan verabreichte sprachliche Absurdität: ein "Arzneimittel", das per se und nicht nur in Überdosierung tödlich ist. Früher nannte man das immer ein Gift, wie hier nur im Titel.) Geklagt hatte ein Mann, dessen Frau an einer fast kompletten Querschnittslähmung litt.

Die Journalistin Bubrowski formuliert nun so: "Die Frau nahm sich daraufhin in der Schweiz mit Hilfe des Vereins Dignitas das Leben."

Die Frau konnte das aber nicht, denn sie war fast komplett querschnittsgelähmt. Der Satz müsste also sprachlich richtig heißen: "Die Frau wurde daraufhin in der Schweiz vom Verein Dignitas im gegenseitigen Einvernehmen (oder: auf Verlangen) getötet." Eigentlich sollte dieser Satz für Befürworter des "assistierten Suizids" akzeptabel sein, oder?

Ich überlasse es den Leserinnen und Lesern, zu entscheiden, warum der sprachlich richtige Satz nicht im Artikel steht. Wir wissen, was solche sprachlichen Verrenkungen bedeuten, wir kennen solche Euphemismen aus früherer Zeit: "Sonderbehandlung" statt Ermordung, "Endlösung" statt Massenvernichtung. Könnte es das dumpfe Bewußtsein sein davon, dass etwas nicht stimmt? Könnte es der letzte Rest eines schlechten Gewissens sein?

 

 

 

Sven von Storch

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