Soeben erschienen_ Iwan Iljin über den Glauben
Der seit 1922 im deutschen und seit 1938 im schweizer Exil lebende russische Philosoph Iwan A. Iljin (1883-1956) veröffentlichte 1953 in Paris auf Russisch sein Hauptwerk Philosophie der Religion (Die Axiome der religiösen Erfahrung). Dabei handelt es sich um eine die Grundsätze
(Axiome) der religiösen Erfahrung etablierende „Psychologie des Glaubens“.
Geistigkeit, Subjektivität, Ganzheitlichkeit, Autonomie, Läuterung und Demut sind einige solcher Axiome, ohne die es nur zu einem Surrogat der Religiosität kommen kann.
Die Kapitel des Buchs haben folgende Überschriften: Über die
Subjektivität der religiösen Erfahrung; Über die Geistigkeit der religiösen Erfahrung; Über die religiöse Autonomie; Über die religiöse Heteronomie; Über die Annahme durch das Herz; Die Gegenständlichkeit der religiösen Erfahrung; Der Glaubensakt und sein Inhalt; Die Unmittelbarkeit der religiösen Erfahrung; Über die religiöse Methode; Über das Wunderbare und das Mystische; Das sich öffnende Auge; Über den religiösen
Zweifel; Der religiöse Sinn der Vulgarität; Über den Verfall der
religiösen Erfahrung; Über die religiöse Läuterung; Die Feuer des individuellen Lebens; Die Gaben der Kirche; Über die religiöse Ganzheitlichkeit; Über die religiöse Aufrichtigkeit; Über die Lüge und den Verrat; Über die Sünde und das Leiden; Über das Gebet; Über die
Vereinigung; Über die Demut und Nüchternheit; Über die Teilhabe am Licht; Über die Macht des Geistes; Über die tragischen Probleme der religiösen Erfahrung.
Ein Schlüsselbegriff Iljins ist der Begriff „Religiosität“. Seiner Ansicht nach kann „Religiosität“ nicht auf den Begriff „Religion“ im traditionellen Sinne reduziert werden. Religiosität kann als das Ergebnis der Interaktion mit dem Gegenstand betrachtet werden, der bei einer Person ein Gefühl der geistigen Erhebung, des Glücks und der Ehrfurcht hervorruft. Es gibt keine unreligiösen Menschen, alle Menschen sind religiös, aber der Gegenstand ihrer Religiosität kann sich sehr vom Glauben an Gott unterscheiden. Die Religiosität, die durch etwas viel Niedrigeres als die Spiegelungen des Göttlichen in einer wahrhaft gläubigen Seele verursacht wird, nennt Iljin „nicht geistig“. Der Durst nach Vollkommenheit (Gott) und
Vervollkommnung (Frömmigkeit) ist nach Iljin die wesentliche Quelle der geistigen Religiosität, und „die nicht geistige Religiosität hat immer andere, weniger hohe und edle Quellen gehabt und wird immer andere haben.“
Mit Vulgarität, nicht im abgedroschenen Sinne des Wortes, meinte der Philosoph jenen Zustand, in dem der Mensch sich bewusst von Gott entfernt und das Göttliche nicht mehr wahrnimmt, die Möglichkeit der Existenz von etwas Vollkommenerem ignoriert und ablehnt. Wir können sagen, dass das Abgleiten in den Zustand der Vulgarität im direkten
Zusammenhang mit dem Verlust des sakralen Kerns im geistigen Leben des Menschen steht. Anders ausgedrückt: Wenn ein gläubiger Mensch dazu neigt, Wunder und Geheimnisse selbst in den einfachen Dingen der ihn umgebenden Welt zu entdecken, leugnet ein religiös toter Mensch diese Spuren des Göttlichen in der Welt, indem er eine bequeme Erklärung für sie findet.
Der Begriff des „geistigen Ranges“ stellt die Grundlage der Religiosität dar und impliziert, dass der Mensch das verehrt, was vollkommener ist und über seinen natürlichen Begrenzungen im geistigen Sinne steht – er wird dem höchsten Gegenstand, Gott, unterworfen. Ausgehend von dieser Erkenntnis der eigenen Unbedeutsamkeit in der Welt kann der Weg zum Erwerb religiöser Erfahrungen erst beginnen, der den individuellen Geist entzündet und den Menschen auf den Weg der ständigen Selbstvervollkommnung führt. So entfalten sich nach Iljin die Axiome der
religiösen Erfahrung auf einer sozio-historischen Ebene.
Besonderes Augenmerk legt Iljin auf den Begriff „Erfahrung“, der im Zeitalter der Dominanz des Positivismus in der Philosophie in der Regel nur mit empirischer Erfahrung in Verbindung gebracht wurde. Die Kategorie „individuelle geistige Erfahrung“, die uns auf den Seiten der Axiome immer wieder begegnet, impliziert dagegen sowohl den Prozess als auch das Ergebnis der menschlichen Erkenntnis von nicht-materiellen, übersinnlichen Dingen, Gegenständen.
Niemand kann jemals einem anderen genau seine eigenen „geistigen Erfahrungen“ vermitteln, daher sind sie immer zutiefst persönlich und subjektiv. Doch das bedeutet keineswegs „unobjektiv“ im Sinne von „nur meine Meinung“, sondern sie haben einen Zugang zur Wahrheit.
Iljins im Wesentlichen christliche Anthropologie ist durch dasselbe gekennzeichnet wie die orthodoxe Askese – Iljin verweist auf die dreiteilige Zusammensetzung des menschlichen
Wesens: Körper, Seele, Geist – und jede dieser drei Komponenten impliziert eine entsprechende
Art von Erfahrung. Wir können materielle oder immaterielle (geistige) Gegenstände aufgrund
der Tatsache erkennen, dass wir ein entsprechendes „Erkenntnisorgan“ besitzen, das eine vorherige „Einstimmung“ erfordert. In einem frühen Artikel „Philosophie als geistiges
Schaffen“ versucht Iljin, die Methode der Philosophie zu rechtfertigen und darauf hinzuweisen, dass Philosophie zu betreiben bedeutet, die eigene geistige Erfahrung zu kultivieren und ihr einen Sinn zu geben, indem man den blinden Instinkt, das psychische „Mein Weg“, „Ich will“ und „das Angenehme“ reduziert. Schon der Vergleich der Philosophie mit „geistigem Schaffen“ verweist uns auf die asketische Tradition der Orthodoxie, in der das „geistige Schaffen“ als eine besondere Methode der Gotteserkenntnis verstanden wird und die Erfahrung der Gotteserkenntnis für jeden Asketen oder Heiligen zutiefst persönlich ist.
„Geistige Nüchternheit“ bedeutet im weitesten Sinne des Wortes die Beherrschung von Einbildungskraft, Instinkt, Gefühl, Wille, die neben dem Verstand und dem Herzen ebenfalls in den Erkenntnisprozess einbezogen sind, aber geläutert werden müssen, um den Gegenstand richtig wahrnehmen zu können. Gleichzeitig unterscheidet sich der Begriff der „Vernunft“ von der separaten und neuzeitlich gehobenen menschlichen Eigenschaft des logisierenden Verstandes, indem die nicht säkular orientierte Vernunft „gegenständlich aus der geistigen Erfahrung heraus betrachtet“ wird.
Die Möglichkeit, Objektivität, Wahrheit durch persönliche Erfahrung zu erreichen, wird durch
Iljins philosophischen Begriff „Gegenständlichkeit“ bedingt, der durchaus mit E. Husserls Kategorie des „Intentionalität“ vergleichbar sein kann. Der Unterschied zwischen Iljins Konzept und Husserls phänomenologischer Position besteht jedoch darin, dass Iljin nicht nur an der intentionalen Ausrichtung und Konzentration des Bewusstseins auf den Gegenstand interessiert ist, sondern auch an der Fähigkeit, das Wichtigste und Wesentlichste im Gegenstand, sein Wesen, zu erkennen, wenn man sich an Gott und nicht an sein eigenes Ich wendet. Man kann sogar sagen, dass der Philosoph unter „Gegenständlichkeit“ die philosophische Operation der getreuen, angemessenen Entdeckung des göttlichen Plans des Gegenstands in sich selbst durch individuelle Prüfung, durch Aufnahme eben dieses Gegenstands in die eigene Seele versteht. Mit anderen Worten, es ist notwendig, ihn (den
Gegenstand) zu analysieren, geläutert von willkürlichen subjektiv-psychischen Zusätzen, d. h. von dem, was „ich gerne sehen würde“. Der in die „Seele“ (hier impliziert dieser Begriff neben dem Bewusstsein [der Vernunft] die Einbeziehung des Herzens, der Vorstellungskraft, des Willens und des Instinkts in den Prozess des Erkennens) aufgenommene Gegenstand muss „über sich selbst sprechen“. Philosophie und Religion, so der Denker, arbeiten mit dem, was er als „geistige Erfahrung“ bezeichnet. In dieser Hinsicht ist die wahre Philosophie in ihrem Wesen bereits Religion und umgekehrt.
In Bezug auf die Frage der religiösen Autonomie und Heteronomie, die Hegel seinerzeit Schwierigkeiten bereitete, betont Iljin, dass die Autonomie des Subjekts eine unverzichtbare Bedingung auf dem Weg des geistigen Wachstums ist, aber sie verhindert nicht die anfängliche Akzeptanz der Postulate der religiösen Autoritäten, die durch persönliche Erfahrung geprüft werden müssen. Gleichzeitig bedeutet die Autonomie keinen Bruch mit der Kirche, die ihre besonderen Gaben in das Leben des Suchenden nach wahrer religiöser Erfahrung einbringt, sondern jenes obligatorische Mindestmaß an Freiheit bietet, das für die Kultivierung eines geistigen Lebens, eines eigenen religiösen Inhalts, notwendig ist, der nach einer unmittelbaren Wahrnehmung des Gegenstands streben muss. „Subjektivität“ und „Autonomie“ sind die beiden Säulen der wahren Religiosität; die „religiöse Ganzheitlichheit“ der geistigen Erfahrung (einschließlich Herz, Instinkt, Gewissen, Wille), die „religiöse Aufrichtigkeit“, die die Herausbildung eines religiösen Charakters im Menschen voraussetzt, in dem das ganze Leben mit seinem Glauben in Einklang gebracht wird und der Mensch in jeder Schwierigkeit des Lebens „die Feuer des individuellen Lebens“ zu sehen lernt – dies alles zusammen bildet das, was man nach Iljin „die Axiome der religiösen Erfahrung“ oder „die Anthropologie des Glaubens“ nennen könnte.
Iljins Religionsphilosophie ist in ihrer Darlegung vernünftigen Glaubens und gläubiger
Vernunft eine Anwendung bzw. Zusammenfassung von Iljins Philosophie überhaupt. Neben Aspekten vergleichender Religionssystematik behandelt er unter anderem auch Themen wie das Problem von Subjektivität und Objektivität, die Religionsfreiheit, das kollektive Unbewusste, die Lüge, die Verborgenheit Gottes, den freien Willen, die Prädestination oder die Theosis (Vergöttlichung). Das Werk erscheint erstmals auf Deutsch und das zur rechten Zeit, in der neben einer säkularen, d. h. atheistischen Philosophie auch eine ungläubige Theologie
zum folgenreichen Verfall der religiösen Erfahrung in der westlichen Welt beigetragen hat.
Verlag Philosophia Eurasia, Wachtendonk, 2025, 784 Seiten, Fadenbindung, Hardcover, 15 x 22,5 cm, ISBN 978-3-96321-200-0; 40 Euro.
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