Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Sándor Petőfi_ Das Land der Liebe

Veröffentlicht:

Sándor Petőfi_ Das Land der Liebe
Datum: 25.06.2024, 13:42

 

     Ich träumte dieser Tage…

     Ich weiß nicht mehr, ob wachend oder schlafend?

     Ich weiß nur, dass ich träumte.
     Ah, welch schöner Traum das war!
     Jetzt, wo ich ihn niederschreibe,
     Auch jetzt noch zittert meine Hand… vor Wonne! 
     Schlendernd ging ich langen Wegs,
     Das heißt, nicht schlendernd,
     Eher schnell sogar,
     Denn öde war die Landschaft, wo ich weilte,
     So öde, so prosaisch, 
     Es waren als diese Landschaft nur ihre Bewohner
     Noch prosaischer…
     So leidenschaftslose, ruhige Fratzen!
     Ich eilte weg, ich eilte weg,
     Dass ich umso rascher
     Hinter mir lasse diese
     Ärgerliche Landschaft und ärgerlicheren Gesichter.

     Schließlich gelangte ich an einen hohen Zaun,

     An dessen diamantenem Tor

     Dies aufgeschrieben war mit Regenbogen-Buchstaben:

     „Das Land der Liebe“.

     Sehnsuchtsdurstig
     Ergriff ich die Klinke

     Und öffnete,

     Und was sah ich! ein himmlischer Anblick!
     Vor mir stand die prächtigste Gegend,

     Welche die Maler und die Dichter

     In ihrem künstlerischen Rausch

     Zu schaffen nur in der Lage sind,

     Wie vielleicht nur das Paradies war.

     Ein blühendes breites langes Tal
     Mit tausend Blumen und so großen Rosenbäumen,

     Wie es anderswo die Eichen sind.

     Inmitten spazierte ein Fluß,

     Und zurück und wieder zurück wandte er sich

     Zu dem Ort, den er schon einmal verlassen hat,

     Als täte es ihm weh,

     Sich endgültig von ihm loszureißen.

     Der Saum des Horizonts

     Waren romantische Felsen,

     Auf deren Köpfen

     Goldene Wolken schwebten

     Als wie Locken.

     Erstaunend sah ich diese Gegend,

     Vergessend auch die Türe noch zu schließen,

     Durch die ich eintrat.

     Lange stand ich an der Schwelle,

     Bis endlich beinahe unbewusst mich

     Tiefer und tiefer zog der Zauber der Gegend.

     Fürs erste durch Blumenwiesen

     Ging ich. Junge Menschen

     Schritten um mich herum, jeder

     Mit gesenktem Haupt, als suche er eine Nadel.

     Ich wurde neugierig und fragte,

     Was sie so sorgsam suchen?

     Und es antwortete einer: Giftiges Gras.

     Giftiges Gras? Und warum?

     „Damit ich es auspresse und seinen Saft trinke.“

     Ich war bestürzt und strebte schnell weiter,

     Und müde gelangte ich

     Zum ersten Rosenbaum,

     Und ich setzte mich unter ihn, um dort auszuruhen,

     Aber wie ich mich niedergelassen hatte,

     Oh Grauen! über meinem Kopf

     Ein Jüngling hing erhängt.

     Ich rannte weg zum zweiten Baum

     Und zum dritten und zum vierten

     Und so weiter, immer weiter,

     Aber ich konnte nirgends ausruhen,

     Denn an jedem Baum

     Hing ein Mensch.

     Jenseits des Flusses, jenseits des Flusses!

     Dachte ich, dort ist die glückliche Liebe.

     Und ich lief zum Fluss,

     Saß in einem Boot und ruderte schnell,

     Aber mit geschlossenen Augen,

     Denn in den Wellen immer wieder ein Leichnam

     Emporschoss,

     Und vom Ufer, wie aufgeschreckte Frösche,

     Sprangen hinein Jünglinge und Mädchen.

     Ich gelangte übers Wasser,

     Und ah auch hier überall

     Der alte Anblick!

     Giftbecher, erhängte Menschen,

     Überall das, immer nur das,

     Und hinten von den Felsengraten

     Warfen sich Andere hinunter,

     Und unten an den spitzen Steinen des Tals

     Spritzte aus ihren Herzen das Blut

     Und aus ihren Köpfen das Hirn.

     Verzweifelt preschte ich

     Überallhin, überallhin,

     Doch überall der alte Anblick:

     Verzerrte Gesichter und Selbstmord!…

     Einzig nur die Landschaft und der Himmel lächelten.
 

     Koltó, Oktober 1847

 


Aus: Adorján Kovács, Sándor Petőfi – „Dichter sein oder nicht sein”: Dichtung und Deutung, Arnshaugk, Neustadt a. d. Orla, 2023, 303 Seiten, ISBN 3-95930-276-2, 34 €.

 

 

 

 



Sven von Storch

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