Neues Buch_ Anwendung der Code-Theorie auf den Koran
Neues Buch_ Anwendung der Code-Theorie auf den Koran
Datum: 14.12.2014, 00:38
In der Reihe „Studia Arabica“ eines renommierten französischen Wissenschaftsverlags sind vor kurzem die Ergebnisse einer Untersuchung des Korans mittels der ATD („Analysis of Text Data“) veröffentlicht worden (Jean-Jacques Walter: Le coran révélé par la Théorie des Codes, Éditions de Paris, Paris-Versailles 2014). Diese Untersuchung ist darum sensationell, weil in ihr etwas sehr Unwahrscheinliches erfolgte: Die hochspezialisierten Kenntnisse von Mathematikern und Informatikern konnten mit dem völlig andersartigen Wissen der Islamwissenschaft verbunden werden. Während sonst Arabisten ihre Texte aufgrund philologischer, linguistischer, historischer, theologischer oder sonstiger geisteswissenschaftlicher Kenntnisse analysieren, was immer subjektive Interpretation mit einschließt, beruht diese Analysemethode auf der sog. Code-Theorie, ist also unabhängig vom Untersucher und damit objektiv.
Die Code-Theorie ermöglicht das Funktionieren von Computern, des Internets, der Bildkompression für Digitalfotos, des Multi-Kanal-Fernsehempfangs und vieler anderer unverzichtbarer Technologien der modernen Welt. Sie kann auch auf Texte aller Art angewandt werden. Ein geschriebener Text ist eine mündliche Rede, die als eine Reihe von Buchstaben kodiert ist. Die Code-Theorie kann auf jede Sequenz von Symbolen angewandt werden. Durch die mathematische „Signatur“ des Autors eines geschriebenen Werks kann dieser Text unter sehr vielen Texten anderer Autoren als seiner identifiziert werden. Das funktioniert etwa wie die biologische DNA: Wenn man die DNA-Probe einer Person, aus ihrem Haar oder einem Blutstropfen, besitzt, kann festgestellt werden, ob irgendeine andere Probe auch von dieser Person stammt. Diese mathematisch-statistische Methode wird z. B. von Geheimdiensten angewandt, die damit unter Millionen von Telefonaten den Text einer verdächtigen Person herausfinden, von der sie bereits einen Text besitzen. Dies sei ohne Wertung festgestellt, um zu zeigen, dass diese Methode empirisch bestens überprüft ist und als äußerst robust bezeichnet werden kann. Andersherum kann man also bei einem Buch zwar nicht feststellen, wer es geschrieben hat, wenn man keinen weiteren Text dieses Autors zum Vergleich zur Verfügung hat, aber man kann sehr wohl sagen, ob dieses Buch nur einen oder eben mehrere Autoren hat, wenn sich unterschiedliche Signaturen finden.
Walter fasst die Ergebnisse seiner Untersuchung in sechs Punkten zusammen. Hier sei nur auf einen hingewiesen. Nach muslimischem Glauben ist der Koran das unerschaffene Wort Gottes, das schon vor Anbeginn der Welt bei Gott war und vom Engel Gabriel dem arabischen Propheten Muhammad geoffenbart wurde, der es unverfälscht wörtlich an seine Anhänger weitergab, die es schließlich als Koran niederschrieben. Dies wäre also, wissenschaftlich ausgedrückt, die islamische Hypothese. Demgegenüber hat die Untersuchung als Ergebnis, dass der Koran mindestens 30, maximal 100, am wahrscheinlichsten etwa 50 Autoren hat. Walter betont, dass es sich bei diesem Ergebnis nicht um eine Neuigkeit handele, denn philologische und theologische Untersuchungen hätten bereits früher immer wieder Zweifel an der Einzel-Autorenschaft des Textes geweckt. Gleichzeitig betont er jedoch, dass es sich jetzt um einen Beweis handele. Die Frage ist nun, wissenschaftlich gesprochen, ob es eine Hypothese gibt, die den einzelnen Autor der muslimischen Tradition mit den verschiedenen Signaturen des Textes versöhnen kann. In Zusammenschau mit den anderen Ergebnissen der Untersuchung darf behauptet werden, dass eine solche Hypothese extrem unwahrscheinlich ist. Damit muss das genannte Ergebnis einer Vielzahl von Autoren bis zu seiner Falsifikation als wahr angesehen werden.
Es bleibt aus verschiedenen Gründen zu wünschen, dass dieses Buch auch ins Deutsche übersetzt wird, doch wird sich hierzulande vermutlich kein Verlag dazu bereitfinden. Es geht vor allem auch um den methodischen Aspekt. Die Anwendung der ADT ist aufwendig. Nur wenige Menschen haben die Fähigkeit und die Kenntnisse für ihre Anwendung. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn diese Methode vermehrt verwendet würde; so könnte beispielsweise endlich geklärt werden, ob William Shakespeare tatsächlich der alleinige Autor all seiner Stücke sowie der Sonette war. Neben der Angst der Geisteswissenschaftler vor solchen technischen Analysemethoden dürfte im Falle Shakespeares auch der Nationalstolz einer solchen Untersuchung entgegenstehen; dennoch wird sie eines Tages kommen. Man darf auf das Ergebnis gespannt sein.
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