Man höre auch die andere Seite! Beruhigend ist es aber nicht
Man höre auch die andere Seite! Beruhigend ist es aber nicht
Datum: 11.01.2015, 19:15
Medial wird auch in diesen Tagen zu viel über den Islam und die Muslime geredet als mit ihnen. Abseits der Islamverbände, die ja mit ihren offiziellen Verlautbarungen nicht repräsentativ sind, hat das endlich einmal die FAS in Berlin getan ("Und schon keimt der Glaube an ein Komplott"). Sie titelt heute nach einer spontanen Umfrage, dass Verschwörungstheorien unter den Muslimen blühen. Das ist jedoch überhaupt nichts Neues. Jeder, der sich beim Einkauf in den Geschäften, bei Demonstrationen auf den Straßen, beim Plausch im Café und anderswo die ehrliche Mühe gibt, mit hart arbeitenden, unbescholtenen in Deutschland lebenden Muslimen ins Gespräch zu kommen, wie das in Frankfurt sehr gut möglich ist, wird seit Jahren Ähnliches hören. Auch im Freundes- und Bekanntenkreis, unter Ex- oder gläubigen Muslimen findet man diese Überzeugungen weit verbreitet. Es lohnt sich immer, die “andere Seite” zu hören. Ein ungefähres, aber gegenüber den Stereotypen der Islamverbände möglicherweise repräsentativeres Gesamtbild stellt sich folgendermaßen dar.
Das Mitgefühl mit den Opfern von Paris ist allgemein eher gering, denn diese seien letztlich gegen die Opfer in Syrien, dem Irak und Afghanistan aufzuwiegen. Der Krieg in diesen Ländern werde „vom Westen“ betrieben, der den gesamten Nahen Osten ins Chaos stürzen wolle, daran verdiene und dem dabei jedes Mittel recht sei. Die Attentäter von Paris seien entsprechend Büttel der westlichen Geheimdienste, möglicherweise des Mossad, um durch Terror einen Keil zwischen die Muslime zu treiben. Antisemitische, eher noch antiisraelische Affekte kommen im Gespräch nach kurzer Zeit an die Oberfläche. Es wird suggeriert, dass mit dem Verschwinden Israels aus dem Nahen Osten alle Probleme gelöst wären.
Auch offensichtlich gut integrierte Muslime reagieren auf die Feststellung, man müsse in unserer Zivilisation so frei sein können, Gott und Propheten zu lästern, zornig bis zur Aggression: „Sie beleidigen mich!“ Den Hinweis, man habe doch nicht sie persönlich gemeint, verstehen sie nicht. Hier besteht ein tiefer Graben zur westlichen Auffassung der „freedom of speech“.
Es ist kaum zu leugnen (und diese Meinung wird in westlichen Publikationen auch breit vertreten), dass es ein westliches, besonders amerikanisches Interesse an Destabilität im Nahen Osten gibt, wie auch kaum geleugnet werden kann, dass der Grund für den Dritten Golfkrieg nichts weniger als überzeugend war. Saudi-Arabien und Quatar werden von Muslimen in diesem Zusammenhang jedoch nicht als islamische Akteure, sondern als westliche Marionetten wahrgenommen. Dass das wegen deren Islamisierungspolitik zu kurz greift, wird von Muslimen meist einfach negiert, ebenso die dubiose Rolle der Türkei. Dahinter steht sehr häufig die naive, aber laut vertretene Ansicht, dass echte Muslime so schlimme Dinge nicht tun. Die Opferrolle ist praktisch vollkommen verinnerlicht.
Schließlich kommt das Argument, dass die Menschen hier im Westen niemals so in Saus und Braus leben könnten, wenn die Weltwirtschaft gerecht geführt würde. Das ist der ewige und immer einseitige Imperialismus- und Kolonialismusvorwurf. Den kennt man aus der „Aktuellen Kamera“. Auch dieses alte Argument findet heute z. B. bei der deutschen Linken Verständnis, denn wie so oft ist am Vorwurf auch etwas dran. Vergessen wird dabei, dass Terror gegen Zeichner oder Supermarktbesucher so wenig zur Lösung der Verteilungsprobleme beiträgt wie das früher die Planwirtschaft vermocht hat.
Vergessen wird auch, dass es feige und nicht besonders ehrenhaft ist, einen Krieg, sollte er auch seine Berechtigung als Verteidigungskrieg haben, nicht gegen Kombattanten, sondern terroristisch zu führen; doch sind ja von den Auftraggebern der Attentäter die Pariser Journalisten nicht als Zivilisten, sondern als „Ziele“ definiert worden, wie das von einem der führenden Lehrbücher, „Das Korankonzept des Krieges“ von S. K. Malik (1979), unter Berufung auf den islamischen Propheten auch theoretisch abgesegnet wird. Kaum ein Muslim in Deutschland kennt dieses Buch, was ihn aber häufig nicht an der Relativierung hindert, die unvermeidlichen zivilen Opfer eines Krieges mit den Opfern eines Terroranschlags aufzurechnen. Motivation und Ergebnis werden vermengt.
Stellt man nach alldem die entscheidende Frage, warum man denn noch immer in Deutschland lebe, wenn Deutschland und der Westen so völlig verkommen und schlecht seien, herrscht betretenes Schweigen. Fragt man, ob man denn nicht notgedrungen mitschuldig werde als Teil dieser Gesellschaft (und das wollen Muslime ja wohl sein), deren Vorzüge vor allem materieller, aber auch ideeller Art man gerne in Anspruch nimmt, ist plötzlich totale Funkstille. Die Illusion, der man erlegen ist, wird erkannt: Man kann sich den Pelz nicht waschen, ohne ihn nass zu machen.
Man muss nun wirklich nicht die Politik der Bundesregierung und der westlichen Staaten in allen Punkten gutheißen. Schon gar nicht ihre Außenpolitik und die Praxis der Waffenlieferungen. Aber es gibt Möglichkeiten des Widerstands mit den Mitteln der Verfassungen, unter deren Schirm man sich entschlossen hat zu leben. Der Muslim, der hier lebt, arbeitet und Steuern zahlt, kann nicht so tun, als sei er nicht Teil des Westens, ob ihm das nun gefällt oder nicht. Er kann mehr Geld verdienen als es ihm oder seinen Eltern im Herkunftsland je möglich gewesen wäre, muss sich aber im Klaren sein, dass er eventuell von einer ungerechten Weltwirtschaft profitiert. Er kann (trotz big data) in immer noch großer Freiheit die wildesten Verschwörungstheorien verkünden und auf die Regierung schimpfen wie er es umgekehrt in seinem früheren Land oder dem seiner Vorfahren nie hätte tun können, muss aber wissen, auf welcher Seite des Umgangs mit der Meinungsfreiheit er damit steht. Er hat völlige Reisefreiheit und ist nicht gezwungen hier zu leben. Natürlich ist er auch mitverantwortlich für negative Aspekte, die er aber, offenbar um der genannten Vorteile willen, mitträgt. Er kann jedoch sein Nicht-Einverstandensein z. B. bei Wahlen oder durch die Gründung einer oppositionellen Partei bekunden. Die politische Beteiligung von Muslimen an unterschiedlichen Parteien innerhalb der freiheitlich demokratischen Grundordnung ist wichtig.
Muslimsein per se darf nicht ausreichen, um automatisch fundamentaloppositionell zu sein. Betrachtet man jedoch das oben geschilderte Meinungsbild,vorausgesetzt, es ist halbwegs richtig, ist man geneigt zu glauben, viele Muslime denken genau das. Dann stellt sich natürlich die Frage der Loyalität und das Problem der fünften Kolonne kommt auf, dessen Realität eine Katastrophe wäre. So wenig wünschenswert das ist: Der deutsche Staat wird leider nicht umhin können, dem mit dosierten, auch autoritären Massnahmen hinsichtlich der Definition, welcher Islam in Deutschland akzeptiert wird, entgegenzuwirken. Ob hierzu Lehrstühle für Islamkunde ausreichen, sei dahingestellt.
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