Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Journalisten in der Zirkuskuppel_ Ratlos

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Journalisten in der Zirkuskuppel_ Ratlos
Datum: 04.04.2014, 11:02

Hat das Schlachten von Akif Pirinçci begonnen? Bei der Art, wie Ijoma Mangold in der gestrigen Ausgabe der  "Zeit" das Buch "Deutschland von Sinnen" gewissermassen "besprochen"  hat (denn er geht überhaupt nicht auf  seine Thesen ein), muss man das befürchten. Nun ist Pirinçci wirklich selber in der Lage, sich zu verteidigen. Schauen wir also nach den Motiven Mangolds.

Zunächst ist da das Lob, das vergiftet sein soll. Es handelt sich jedoch um die faktisch wohl oder übel unvermeidliche Reverenz vor einem guten Autor: Sein Buch lege "eine Rauhbeinigkeit an den Tag, die auch für das Genre des Pamphlets Neuland betritt." Gratulation. Danach folgen nur noch hilflose Beschimpfungen, die zusammengefasst werden im provozierten Vergleich des Autors mit Sarrazin ("Pirinçci ist ein verschärfter Sarrazin.") sowie dem erwarteten Vergleich seines Buchs mit Adolf Hitlers "Mein Kampf". Es ist der Sprachgestus des Ertappten, der sich an jeder Ecke von Mangolds Text zeigt. Er ist ratlos.

Worin denn der "Hass" und die "Menschenverachtung" bestehen sollen, die im Buch Pirinçcis sichtbar würden, erschließt sich mir nicht. Mangold kann das auch nicht sagen. Er urteilt nur summarisch: Das Buch rechne "mit aller progressiv-emanzipatorischen Gesellschaftspolitik" ab, "wie sie die Gegenwart [...] prägt." Dass "Gender-Mainstreaming, Homo-Ehe, Frauenquote und Einwanderungspolitik" grundsätzlich progressiv und emanzipatorisch sein sollen, wird von Mangold, der offenbar gar nicht mehr anders denken kann, schon vorausgesetzt. Dass jemand das anders sehen könnte, dass es, wie Pirinçci im Buch ständig schreibt und auch im Interview des ZDF-Mittagsmagazins sagte, um "Auswüchse" dieser Politik geht, das will Mangold nicht wahrhaben. Alles oder nichts, so lautet seine Parole. DAS ist intolerant. Es handelt sich also, wie man schon immer richtig vermutete, um linkes Gesellschafts-Engineering, das um jeden Preis durchgesetzt werden soll. Und Leute wie Mangold machen den Propagandisten.

Man soll nicht ad personam urteilen, sondern sachlich. Gut, Mangold macht das auch nicht. Vielleicht ist das, so denkt er, dem Buch Pirinçcis angemessen. Interessant ist nämlich, dass Mangold selbst vom gesellschaftlichen Fortschritt in Deutschland profitiert hat: Als Sohn eines Nigerianers hat er sich in Deutschland eine leitende Position erarbeitet. Nirgendwo bestreitet Pirinçci , der ja auch Kind eingewanderter Eltern ist, das Recht von "Menschen mit Migrationshintergrund", die sich integriert haben, gut deutsch sprechen und hart arbeiten, es in diesem Land zu etwas bringen zu können. Das ist doch gerade der Witz seines Buchs: Es ist nicht "xenophob", nicht "homophob'", nicht "misogyn" und was es sonst noch an pathologisierenden Begriffen gibt.  Pirinçci will den gesellschaftlichen Fortschritt nicht rückgängig machen, er will die Bremse treten, bevor hemmungslose Gesellschaftsingenieure durchdrehen und überziehen.

Mangold kritisiert ihn als "wild gewordenen Autodidakten" und ruft nach wissenschaftlich unterfütterten Thesen. Ach du heilige Einfalt! Wer den staatlich beauftragten Gesellschaftswissenschaftlern alles glaubt, der muss ein kindliches Vertrauen in die Wissenschaft haben. Schon in der Medizin dürften etwa 70 % der veröffentlichten Laborergebnisse kaum reproduzierbar sein. Wie ist es da wohl um durch tendenziöse Umfragen erzielte Resultate bestellt? Es ist zudem immer mager, als Journalist zu argumentieren, es dürfe sich nur äußern, wer ein Problem jahrzehntelang studiert hat - dann dürfte wohl kein einziger Journalist über irgendetwas schreiben.

Nein, es ist ja nicht so, dass Pirinçci so völlig aus dem hohlen Bauch heraus schreibt, wie Mangold ihm das unterstellt. Wenn er mit dem Baldwin-Effekt argumentiert, wenn er die  unterschiedlichen Intelligenzquotienten im Ländervergleich der Weltgesundheitsorganisation erwähnt, dann muss man schon fragen dürfen, warum es nicht erlaubt sein soll, mit diesen Theorien und Zahlen zu hantieren? Stimmen plötzlich nur diese wissenschaftlichen Ergebnisse nicht? Oder darf man nur politisch korrekte Forschungs- und Messergebnisse benutzen? Pirinçci nennt sich den "Vereinfacher par excellence"; man wird den Eindruck nicht los, dass er sich über die pseudointellektuelle Angewohnheit lustig macht, sich statt des eigenen Verstandes nur durchaus dubioser wissenschaftlicher Vorgaben beim Denken zu bedienen.

Am erschreckendsten fand ich bei der Lektüre Pirinçcis übrigens das, was er über die Öffentlich-Rechtlichen schreibt. Das kann kaum bestritten werden. Die Beschreibung dieses Monopols ist treffend, seine Struktur muss zu einem Meinungskartell führen. Die Gesellschaft als Zirkus, in dem "links-grüne" Dompteure ihre Opfer durch Dauerberieselung dressieren. Oben sitzt Mangold und schweigt jetzt dazu, wo er sonst doch den Claqueur gibt. Ein ganz lautes Schweigen. In aller Bescheidenheit: Ich habe, wie eine Reihe anderer Autoren auch, in der Sache schon vor Jahren ganz ähnlich wie Pirinçci geschrieben (siehe mein Buch "Deutsche Befindlichkeiten"). Aber es muss wohl in der rabiaten Weise gemacht werden wie dies Pirinçci getan hat, sonst reagiert keiner.

Dass Pirinçci sich hier Gewalt angetan hat, daran besteht für mich kein Zweifel. Mangold attestiert ihm "Rohheit und Brutalität", die gleichsam aus dem Herzen kämen. Verleumdung ist das und weit gefehlt. Pirinçci zeigt im Kapitel über die Frauen, dass er im Grunde ein heilloser Romantiker ist. Aber er wollte gehört werden, auch gegen die lärmende Brandung der Staatsmedien. Er wollte einer routinierten medialen Entsorgung vorbeugen. Darum dieser Furor, der beispiellos ist. Eine bewusste schriftstellerische Entscheidung. Viel Glück, Akif Pirinçci!

 

 

 

 

 

 

Sven von Storch

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