Prof. Dr. Adorján F. Kovács

zu Person und Archiv

Hypersexualisierung und Provinzialität

Veröffentlicht:

Hypersexualisierung und Provinzialität
Datum: 05.02.2013, 13:37

Aber gut – die Bücher verkauften sich bestens, ob wegen des Hype oder aus anderen Gründen, dies sei dahingestellt, und könnten deshalb etwas aussagen über unsere Gesellschaft. Selbst wenn man konzediert, dass individuelle Neurosen dann relevant werden, wenn sie massenhaft auftreten und so einen interessanten psychologischen oder medizinischen Aspekt bekommen, darf gefragt werden, ob diese flotte Bearbeitung des Themas im kaum verhüllten Stil einer Ratgeberliteratur nicht aus einem anderen Grund so frenetisch besprochen wird.

Um bei Neurosen zu bleiben, sei kurz auf die aktuelle Sexismus-Debatte hingewiesen, die Deutschland als ein heillos hypersexualisiertes Land zeigen. Über Sex redet ja immer der am meisten, der wenig davon hat. Kann es das sein? Oder wird Sex bei uns politisch missbraucht? Kann es daran liegen, dass von deutschen Journalistinnen und Journalisten immer wieder Themen mit sexuellem Inhalt an die mediale Oberfläche gespült werden? Wenn es nämlich „passt“. Damit dann zum Beispiel gesagt werden kann, es ginge in Wirklichkeit nicht um Sex, sondern um Macht. Spätestens dann kommt der antikirchliche oder feministische Pferdefuß zum Vorschein.

Neurose einer meinungsbildenden Gruppe oder Zeichen einer Verspätung Deutschlands? Bleiben wir bei der literarischen Pornographie, so haben z. B. Charles Bukowski und Philip Roth schon vor langen Jahren einschlägige Kostproben geliefert, die durchaus Anspruch auf hohe Literatur erheben konnten. Und es ist in diesen Beispielen ja gerade die Sexualität des „Normalbürgers“, die pornographisch erzählt wird – alles schon da gewesen. Aber vielleicht ist es ja „der weibliche Blick“, der bei Roche das Besondere ausmachen soll.

Doch auch hier kommt sie zu spät. Wer Kathy Ackers schönen kleinen Roman „Kathy auf Haiti“ gelesen hat, fragt sich, was um alles in der Welt Frau Roche dem noch hinzuzufügen hat, von den Büchern französischer Autorinnen aus den letzten zwei Jahrzehnten ganz zu schweigen. Die Antwort lautet: Sie hat dem nichts hinzuzufügen. Es zeigt sich damit in gewisser Weise die Provinzialität deutscher Literatur und ihres Publikums heute. Der Anschluss an die internationale Entwicklung ist verloren, die Presse, mit wenig zufrieden, freut sich schon, wenn sie folgendermaßen urteilen kann: Immerhin, für Deutschland ist es ja noch neu. Diese Provinzialität zeigt sich auch anderswo. Die kindliche Freude der Deutschen darüber, dass David Bowie mal in Berlin (West) gelebt hat und gerade wieder einen Song über diese Stadt veröffentlicht hat, ist schon peinlich.

Ein Publikum, das offenbar in Unkenntnis der Weltliteratur ziemlich trübe Aufgüsse für originell hält und dafür Geld ausgibt, stellt sich kein gutes Zeugnis aus. Kann es auch etwas für die unselige Sexismusdebatte? Haben die Deutschen vielleicht die Medien, die sie verdienen? Für das „Feuchtgebiete“-Thema von Frau Roche gilt jene traurige Bilanz, dass ihm in den Staaten vor langer Zeit schon der interessante Beruf des „vaginal hygienist“ den Boden bereitet hat. Und heute lassen die „Shades of Grey“ grüßen. Die USA sind unser Vorbild in der Hypersexualisierung, der Sexismusbekämpfung und im Genderwahn. Wer dort als Mann Frauen auf den Po schaut, kann ernste Probleme bekommen. Wir machen das alles eben erst fünf Jahre später nach. Wir sind halt kulturell doch eine Kolonie der Vereinigten Staaten geworden (oder geblieben?). Mit den USA geht es allerdings auch schon rasend schnell bergab.

Sven von Storch

Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.

PayPal

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Add new comment

CAPTCHA
Enter the characters shown in the image.
This question is for testing whether or not you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.