Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Hirsi Ali_ Islam und Kommunismus

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Hirsi Ali_ Islam und Kommunismus
Datum: 30.03.2015, 18:59

Auf diesen Seiten haben wir schon oft auf die Ähnlichkeit zwischen den Konzepten des „Eurokommunismus“ und des „Euroislam“ hingewiesen. Beide Konzepte waren und sind illusionär, denn sie gehen von einer Insel namens Europa aus, die von viel stärkeren Playern unbeeinflusst existiert und zudem so einflussreich ist, dass sie genau diesen Playern ihre Vorstellungen aufzwingen kann. So war es rührend zu sehen, wie italienische oder französische Kommunisten glaubten, gegenüber der Sowjetunion eine eigenständige, vielleicht sogar demokratische Rolle spielen zu können. Glücklicherweise wurde in Westeuropa nie ausprobiert, ob eine legal an die Macht gewählte kommunistische Partei sich auch wieder hätte abwählen lassen. Ebenso fragwürdig ist die Annahme, ein von einigen hochbezahlten Professoren an europäischen (und amerikanischen) Universitäten propagierter Wunschislam habe gegenüber der Realität des von Imamen gepredigten und über einer Milliarde Muslimen und ihren Politikern gelebten Islam, so viele Schattierungen er auch haben möge, eine Chance.

Umgekehrt haben wir oft darauf hingewiesen, dass man es ideologiekritisch gesehen beim Kommunismus wie beim Islam mit totalitären Weltanschauungen zu tun hat, egal was der einzelne Anhänger daraus macht, die seitens der westlichen Demokratien eine ganz ähnliche Behandlung erfordern. So führten westliche Politiker zwar Verhandlungen mit kommunistischen Staaten und schlossen Verträge mit ihnen, doch war ihnen jederzeit klar, dass für Kommunisten Verträge mit kapitalistischen Staaten bei Änderung der Kräfteverhältnisse grundsätzlich null und nichtig waren. Entsprechend wurden die Verträge von den westlichen Demokratien nur unter einem Vorbehalt der Vorsicht eingehalten und insgesamt auf eine Position der Stärke geachtet. Gleichzeitig wurde mit allen Mitteln der Gegenpropaganda versucht, auf die gehirngewaschene Bevölkerung jenseits des eisernen Vorhangs Einfluss zu nehmen. Nach innen trat man Anhängern des Kommunismus robust entgegen, was sich u. a. in Partei- und Berufsverboten äußerte. Auch für das islamische Recht sind Verträge mit nichtislamischen Staaten grundsätzlich zweitklassig. Insbesondere gibt es keine Friedensverträge, sondern nur Waffenstillstände mit Staaten ausserhalb des „Hauses des Friedens“. Ob dies ausser dem Staat Israel noch weiteren Protagonisten im Westen bekannt ist, zeigt sich zumindest öffentlich nicht. In allen islamischen Staaten ist der Islam de facto Staatsreligion, dies weltweit durchzusetzen ist das Ziel. Es ist also kein theologisches Ziel, denn die Bekehrung ist zweitrangig („Kein Zwang im Glauben“), sondern ein politisches. Auch der milliardenschweren Förderung der Islamisierung Europas durch Saudi-Arabien und Qatar wird politisch wenig entgegengesetzt, wohl weil neben der Abhängigkeit vom Öl bereits eine erhebliche wirtschaftliche Verfilzung mit diesen Staaten besteht.

Nun hat die niederländisch-amerikanische Politologin Ayaan Hirsi Ali ein Buch geschrieben, in dem sie eine Reform des Islam fordert („Heretic: Why Islam Needs a Reformation Now“, HarperCollins). Dies bedürfe aber einer starken propagandistischen Unterstützung des Westens. Kriegerische Einmischung sei letztlich ineffektiv, wie die teuren und kontraproduktiven Irak- und Afghanistaneinsätze gezeigt hätten; der Konflikt mit dieser despotischen Welt müsse mit geistigen Mitteln gewonnen werden. Hirsi Ali zieht Parallelen zum Vorgehen des Westens im sog. Kalten Krieg. Auch dort seien zwar Stellvertreterkriege geführt, aber doch ein direkter Zusammenprall vermieden worden. Stattdessen habe man mit den Mitteln der Propaganda subversiv auf die kommunistischen Staaten eingewirkt. Voraussetzung war die feste Überzeugung, das bessere System zu haben, was durch die „Abstimmung mit den Füßen“ auch bestätigt wurde. Natürlich habe man sich der Dissidenten im Ostblock bedient, obwohl diese nicht immer identische Überzeugungen hatten. Aber, so Hirsi Ali, man habe im Westen diese Dissidenten, die ja alle ein hohes Risiko eingingen, immer als Vorbilder medial hochgehalten.

Genau die beiden letzten Bedingungen scheinen heute im (europäischen) Westen zu fehlen. Er ist mit Selbstanklage und Selbstzerfleischung so beschäftigt, dass er sich selbst kaum als vorbildlich hinzustellen vermag. Und dies, obwohl merkwürdigerweise praktisch alle Auswanderer und Flüchtlinge exakt in diese Staaten voller Selbsthass streben. Die „Abstimmung mit den Füßen“ erfolgt immer noch, doch verbietet das mangelnde Selbstbewusstsein des Westens nun offenbar, den Neubürgern klare Verhaltensvorschriften zu machen, die sich ja im Szenario Hirsi Alis mit der in die Herkunftsländer ausgestrahlten Propaganda decken würden. Dort nämlich gebe es durchaus viele mutige Leute, die den Islam reformieren wollten. Doch ließe der Westen, so Hirsi Ali, diese Menschen allein. Weil sie medial nicht als Vorbilder aufgebaut würden, würde niemand sie kennen. Und wenn doch, würden sie verunglimpft als Störenfriede einer multikulturellen Illusion. Natürlich ist der Sowjetkommunismus auch durch seine ökonomische Unattraktivität gescheitert, nicht nur durch seine Unfreiheit. Aber einen Zusammenhang zwischen dem Islam und der Rückständigkeit der von ihm beherrschten Länder herzustellen wird heute im Westen schon unter „Rassismus“ gehandelt.

Wie sich Hirsi Ali eine solche propagandistische Initiative also für Europa vorstellt, ist mir unklar. Dazu müssten u. a. die Universitäten eine vorurteilsfreie und wissenschaftliche Betrachtung des Islam ermöglichen; genau hier setzt aber saudisches Geld an. Hinzu kommt ein genereller Kulturrelativismus im Schlepptau der herrschenden Postmoderne, dem zufolge alles gleich viel wert ist und eine selbstbewusste Betonung der westlichen freiheitlichen Werte schon einer „hegemonialen“ und „postkolonialen“ Zumutung entspräche. Ferner müsste der Islam als ähnliche Bedrohung der Freiheit wie der Kommunismus erkannt werden; die heutige postsäkulare Erfüllungspolitik könnte nicht weiter davon entfernt sein, will sie doch eine potentielle neue Wählergruppe nicht verschrecken. Dem globalisierten Kapital endlich ist die Verfassung der Gesellschaften, in denen es agiert, egal, so auch interne Konflikte bis hin zum Bürgerkrieg, solange „der Rubel rollt“. Hier müsste sich also gegenüber der Ökonomie ein politischer Wille durchsetzen, der nirgendwo sichtbar ist. Vielleicht geht Hirsi Ali von den USA aus, in denen sie lebt (bekanntlich unfreiwillig, weil Europa sie fallengelassen hat), und sieht dort noch ein Potential für eine solche propagandistische Initiative. In Europa kann man sich das Szenario von Hirsi Ali nur schwer vorstellen.

 

Sven von Storch

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