Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Forschen und Fälschen

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Forschen und Fälschen
Datum: 12.05.2011, 14:13

Am 1. Mai hielt Ulrike Beisiegel auf dem Deutschen Internistenkongreß in Wiesbaden einen vielbeachteten, aber wahrscheinlich folgenlosen Vortrag über den „Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten“. Frau Beisiegel ist Biochemikerin und Humanbiologin, seit kurzem Präsidentin der Universität Göttingen und bekannt vor allem wegen ihrer Tätigkeit im Wissenschaftsrat und als Sprecherin des Ombudsmans der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG ). Manuela Lenzen-Schulte referiert und kommentiert diesen Vortrag in der FAZ vom 11. Mai 2011.

Zwei Kernaussagen sollten hervorgehoben werden. Echte vorsätzliche Fälschungen seien eher selten, dagegen sei das „Pfuschen“ in der medizinischen und biowissenschaftlichen Forschung sehr häufig (10% der jungen und 20% der arrivierten Forscher). - Dass das relativ geringe sachliche Konsequenzen hat, liegt daran, dass es sich meist um unwichtige Forschung handelt, die ohnehin keinen wissenschaftlichen Nutzen hat und mehr oder weniger „Füllsel“ ist, um Aktivität zu dokumentieren und Karriere zu machen. In Wirklichkeit interessieren diese Arbeiten inhaltlich niemanden.

Als Konsequenz favorisiert Frau Beisiegel den Grundsatz „Qualität vor Quantität“. Es ist allerdings sehr schwer, „einen Forschungsbeitrag“ zu leisten, „der das Fachgebiet wirklich weiterbringt.“ Frau Beisiegels Grundsatz bleibt daher bei der heutigen Universitäts- und Wissenschaftslandschaft ein frommer Wunsch. Kaum ein universitärer Klinikchef hätte nach diesem Kriterium seinen Posten verdient. Immer noch wird im Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung die Anzahl der Doktoranden bzw. Promotionen bewertet und nicht etwa die Qualität. Es muss sich also strukturell etwas ändern, damit das Kriterium der Qualität überhaupt zum Einsatz kommen kann. Das betrifft vor allem die Leitungsstruktur.

Frau Beisiegel „kritisierte die weitverbreitete Haltung, nur weil man Chef sei, oder zur Finanzierung eines Projektes verholfen habe, gehöre der eigene Name zwangsläufig auf die Veröffentlichung, auch wenn der inhaltliche Beitrag zum Ganzen marginal bis unerkennbar sei.“ - In der Medizin ist diese „Ehrenautorenschaft“ gängige Praxis der Chefs bis zur offenen Drohung bei Zuwiderhandlung. Das hat zur Konsequenz, dass zum Beispiel ein Klinikchef nur bei 10 von 134 in der Datenbank der U. S. National Library of Medicine gelisteten Publikationen als Erstautor fungiert, diese hoffentlich also auch selbst geschrieben hat. Aber auch das ist nicht sicher. Die Sitte der Doppel-Erstautorenschaft greift immer mehr um sich. Um nämlich auf eine größere Anzahl an Publikationen zu kommen, dürfen zwei Autoren angeben, zu gleichen Teilen Erstautor bei einer wissenschaftlichen Veröffentlichung zu sein. Besonders clever ist, wenn es dann noch der Seniorautor (also derjenige, der in der Autorenreihenfolge als Letzter angeführt ist) war, der den Artikel tatsächlich geschrieben hat. Dass die Zeitschriften dieser Unsitte immer noch Vorschub leisten, indem sie sie ermöglichen, ist mehr als bedauerlich.

Um wenigstens die physische Beteiligung von Autoren sicherzustellen, fordern manche Zeitschriften, dass alle Autoren auf einem Formular unterschreiben. Nicht selten werden, wenn die Co-Autoren nicht greifbar sind, diese Unterschriften gefälscht. Wird diese Urkundenfälschung aufgedeckt, kann folgendes geschehen: Der Chef des Fälschers teilt dem, der die Sache aufgedeckt hat, mit, er kenne erstens den Herausgeber der Zeitschrift persönlich und zweitens habe diese Zeitschrift kein solches Formular. Der Chef des Ruhestörers wird natürlich auch verständigt, worauf jener nicht etwa zu diesem sagt: „Prima, wir wollen mit solchen Sachen nichts zu tun haben“, sondern darauf hinweist, dass der Chef des Fälschers doch beste Chancen habe, Ärztlicher Direktor zu werden, da müsse man sich gut stellen, und er nun seinen Mitarbeiter für die Aufdeckung der Fälschung bestrafen müsse.

Die aktuelle Praxis hat auch erheiternde Aspekte. Bei einer chirurgischen Technik hat der Seniorautor es versäumt, die Technik zu publizieren, dann aber, Jahre später, jemanden gefunden, der den Artikel für ihn geschrieben und bei der Gelegenheit natürlich auch noch andere mit ins Boot genommen hat. So kam es zu der lustigen Konsequenz, dass von den sieben angegebenen Autoren des Artikels sechs diese chirurgische Technik nicht nur nie angewandt, sondern diese überhaupt nie gesehen haben.

 

Manuela Lenzen-Schulte: Forschen, fehlen und fälschen in der Medizin, FAZ vom 11.05.2011, Nr. 109, Seite N5

Sven von Storch

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