Ein Nazi-Begriff und seine Verwendung
Ein Nazi-Begriff und seine Verwendung
Datum: 28.09.2016, 11:48
Die Leipziger Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla (CDU) hat letzten Samstag im Kurzbotschaftendienst Twitter zur Flüchtlingskrise geschrieben: „Die Umvolkung Deutschlands hat längst begonnen.“
Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) bezeichnete den Kommentar als „nicht akzeptabel“ und „unerträglich“. Warum? Weil die Nationalsozialisten den Begriff verwendet haben. Nun wird darüber diskutiert, ob Kudla aus der Partei ausgeschlossen werden soll, obwohl sie den Tweet gelöscht hat. Inhaltlich wird natürlich überhaupt nicht diskutiert.
Der Historiker Michael Fahlbusch definierte den Begriff in einem Vortrag mit dem Titel „Für Volk, Führer und Reich! Volkstumsforschung und Volkstumspolitik 1931-1945“, gehalten am 10. Mai 2000 an der Universität Konstanz, folgendermaßen: „Das Ziel des ethnopolitischen Ansatzes bezeichnete der Leiter der NOFG [Nord- und Ostdeutsche Forschungsgemeinschaft], Albert Brackmann, als »Umvolkung«. Umvolkung stand als Synonym für die Germanisierung deutschfreundlicher Bevölkerungsgruppen in den eroberten Gebieten und die Zuweisung von bestimmten Völkern in ihnen angemessene Siedlungsräume.“ (Ein wissenschaftlich klingendes Synonym für „Umvolkung“ ist Ethnomorphose.) Es handelt sich also um ein Wort, das deutsche Gewaltmaßnahmen zur ethnischen Säuberung eroberter Gebiete bezeichnet hat.
Ob der schon früher grassierende „Pangermanismus“ ein Vorläufer dieser nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik war und ob ähnliche Vorstellungen bei slawischen Denkern („Panslawismus“, u. a. Tomáš Masaryks Buch „Das neue Europa“), die die Vertreibung der Deutschen zur Schaffung ethnisch homogener slawischer Staaten forderten, auch „Umvolkung“ genannt werden könnten, ist umstritten. Tatsache ist, dass es den Tschechen, Slowaken, Polen und Russen gelungen ist, ethnische Säuberungen völkerrechtlich absichern zu lassen.
Wie ist es heute? Bemühen wir die Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“, die ja als links und insofern für die große Mehrheit der aktuellen Meinungsbildner als unbedenklich bezeichnet werden kann: „Der Begriff wird heute von rechtsextremen und rechtspopulistischen Gruppierungen in Kontinuität völkischer Denkmuster zur Kritik am Multikulturalismus und dem steigenden Anteil von Nicht-Deutschstämmigen (Ausländern und so genannten „Passdeutschen“) in der Bevölkerung verwendet. [...] Rechtsextreme und rechtspopulistische Gruppen und Personen benutzen den Begriff als Schlagwort, um ihren Überfremdungsängsten gegenüber Einwanderern etwa wegen deren höherer Geburtenrate oder zu vieler Einbürgerungen zum Ausdruck zu bringen. Aufgrund des als zu hoch angesehenen Einwandereranteils in ihrer Heimat sei Europa von Umvolkung bedroht.“
Man muss zunächst die heutige Verwendung des Wortes „Umvolkung“ betrachten, die rhetorisch gesehen „ironisch“ genannt werden könnte: Wenn „rechtsextreme“ und „rechtspopulistische“ Gruppen und Personen (eine demokratische „Rechte“ scheint es für Linke nicht mehr zu geben) den Begriff als gegen das deutsche Volk gerichtet verwenden, nutzen sie ihn natürlich nicht im traditionellen Sinn, sondern sehen ganz im Gegenteil eine Bevölkerungspolitik am Werk, die nationalsozialistische Methoden gegen das deutsche Volk anwendet, also gleichsam in Fortsetzung der Politik der osteuropäischen Völker nach dem 2. Weltkrieg. Da brutale Gewaltmaßnahmen gegen das deutsche Volk im Sinne einer „Umvolkung“ heute aber offensichtlich nicht stattfinden, ist die Verwendung des Begriffs polemisch. Das heißt aber nicht, dass der Sachverhalt, den er bezeichnen soll, nicht stimmen könnte.
Halten wir fest, was sachlich unstrittig zu sein scheint: Es gibt in Deutschland Multikulturalismus. Es gibt einen steigenden Anteil von Nicht-Deutschstämmigen. Es gibt eine höhere Geburtenrate von Einwanderern. Es gibt viele Einbürgerungen von Ausländern. Es gibt einen hohen Einwandereranteil. Es scheint nur darauf anzukommen, ob man das positiv oder negativ bewertet.
Für einen denkenden Menschen stellt sich jetzt die Frage, wie diese Sachverhalte, die eine Abnahme der deutschen und eine Zunahme der nicht-deutschen Bevölkerung in Deutschland umschreiben, mit einem einzigen Wort bezeichnet werden könnten. Man kann natürlich durch Unterlassung „völkischer Denkmuster“ Völker und insbesondere das deutsche Volk für „konstruiert“, also letztlich zu Erfindungen erklären. Dann ist es vollkommen egal, wer hier lebt; dann gäbe es aber auch keine „Türken“ oder „Araber“, womit diese vielleicht doch nicht einverstanden wären. Man kann „Überfremdungsängste gegenüber Einwanderern“ wegzaubern, indem man behauptet, alle Menschen der Welt seien in allem gleich und darum alle in Deutschland willkommen. Dann sind alle Menschen, die die deutsche Grenze überschreiten, sofort automatisch Deutsche. Das ist jedoch intellektuell unbefriedigend.
Man darf also vorsichtig fragen: Hätte die Leipziger Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla (CDU) zum Beispiel den unbelasteten, nicht „kontaminierten“ Begriff „Bevölkerungsaustausch“ verwendet, wäre das dann für Kauder &Co. besser „erträglich“ gewesen?
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