Ein guter Tag für die Demokratie
Ein guter Tag für die Demokratie
Datum: 24.06.2016, 08:33
Alle Unkenrufe, alle mediale Propaganda gegen den Austritt haben nichts geholfen. Vor allem die Engländer haben für den sog. Brexit gestimmt. Egal, wie man zu Volksabstimmungen steht, so muss man doch zugestehen, dass sie eine hohe demokratische Legitimation geben, besonders dann, wenn, wie in diesem Fall, eine hohe Wahlbeteiligung vorliegt. Das Volk hat entschieden. In Deutschland, das ein gestörtes Verhältnis zum "Volk" hat, wird das nicht gern gesehen.
Die deutschen Trauerbekundungen sind außerdem Krokodilstränen. Seine Wirtschaft erhofft sich in Wirklichkeit einen Vorteil aus dem Brexit. Auch Frankfurt am Main hofft letztlich, die City of London zu beerben. Diese unverhohlene Freude über den Austritt äußert sich schon in den Worten Lambsdorffs, es dürfe keinen Bonus für Britannien bei den Austrittsverhandlungen geben. Manche sprechen davon, Britannien zu bestrafen. Man bedenke: zu bestrafen für einen demokratischen Akt!!
Selbst wenn Großbritannien einen Nachteil in wirtschaftlicher Hinsicht erfahren sollte, so lehrt die Entscheidung für den Brexit doch eins: Es gibt noch andere als ökonomische Kriterien. So ist es zum Beispiel ein Unding, aus einem Club, in den man einmal eingetreten ist, kaum mehr herauszukommen. Das ist dann eher ein, vielleicht bequemes, Gefängnis, aber auf jeden Fall ein Zwangsverein.
Für die Unabhängigkeit, ja, Freiheit ist immer ein Preis zu zahlen. Wer will ihn bezahlen? Gerade Deutschland sollte sich in seiner heutigen Situation fragen, ob es zu einer ökonomisch riskanten, aber freien Entscheidung überhaupt noch fähig ist.
Der ungarische Dichter Sándor Petőfi hat das Dilemma 1847 drastisch so beschrieben:
Lied der Hunde
Die finstren Wolken jagen,
Jetzt naht des Winters Weh
Mit allen seinen Plagen,
Mit Hagel, Eis und Schnee.
Was tut’s! Uns braven Hunden
Ist großes Glück beschert:
Uns gab der Herr ein Eckchen
Am warmen Küchenherd.
Wir sorgen nicht ums Fressen,
Bei jeder Mahlzeit läßt
Der Herr barmherzig fallen
Für uns manch fetten Rest.
Zwar pfeift uns um die Ohren
Und zischt uns übers Fell
Oft grausam seine Peitsche,
Doch Hundehaut heilt schnell.
Es winkt uns gnädig wieder,
Sobald verraucht sein Zorn,
Wir lecken ihm die Stiefel
Von hinten und von vorn.
Lied der Wölfe
Die finstren Wolken jagen,
Jetzt naht des Winters Weh
Mit allen seinen Plagen,
Mit Hagel, Eis und Schnee.
Sturm peitscht die kahle Steppe,
Hier hausen, streunen wir.
Kein Busch, sich zu verkriechen,
Kein Baum, kein Strauch wächst hier.
Die Kälte macht uns zittern,
Im Bauch der Hunger brennt.
Vielfach sind wir gepeinigt,
Von aller Welt verpönt.
Der Mensch zielt mit der Büchse
Auf uns voll Haß und Wut
Und auf die weiße Steppe
Tropft unser rotes Blut.
Durchschossen sind die Flanken,
So elend lebt kein Tier…
Verhungert, halb erfroren!
Doch frei, doch frei sind wir!
(Übersetzung: Martin Remané)
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