Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Ein Briefwechsel zur Abtreibung

Veröffentlicht:

Ein Briefwechsel zur Abtreibung
Datum: 11.08.2018, 08:15

Die Kommentare Herrn Wolfs beziehen sich auf meinen Beitrag „Abtreibung und Tötungshemmung“ vom 17.10.2014 (https://www.freiewelt.net/blog/abtreibung-und-toetungshemmung-10044903/). Herr Wolf folgt dabei im ersten Kommentar den Stellungnahmen der evangelischen Theologin Uta Ranke-Heinemann zur sog. „Sukzessivbeseelung“ des menschlichen Embryos sowie im zweiten Kommentar vulgär-materialistischen Theorien zum Eintritt des Lebens. Tenor ist die Behauptung, die Abtreibung stünde nicht im Gegensatz zum Christentum. Das erscheint sehr widersprüchlich, denn Herrn Wolf müsste aufgrund des materialistischen Teils seines Kommentars eine christliche Argumentation eigentlich egal sein.

In einer mir ebenfalls mitgeteilten Antwort auf eine Abtreibungsgegnerin forderte er sie (und implizit alle Abtreibungsgegner) auf, mit dem „Aufzwingen ihrer falschen Einsichten zur Abtreibung auf die Mehrheit der Bevölkerung“ aufzuhören, die „erbittert“ Widerstand unter anderem gegen eine neue Strafbarkeit und eine Abschaffung der Übernahme von Kosten durch die Krankenkassen leisten würde. Hier zeigt sich bei Herrn Wolf ein Realitätsverlust, denn aufgrund der sog. Reform des §218 sind in Deutschland ungestraft „auf Kasse“ schon Millionen Menschen im Mutterleib getötet worden, übrigens nur selten muslimische, was sich demographisch bereits deutlich auswirkt. 

Meine Antwort an Herrn Wolf lautet:

Besten Dank für Ihr Schreiben. Ich antworte meist auf Kommentare zu frischen Artikeln, aber nach vier Jahren (!!) schaue ich nur noch selten in meine alten Texte hinein. Nun habe ich mir Ihre Einlassungen angeschaut. Sie ändern nichts an meiner grundsätzlichen Ablehnung des Tötens von unschuldigen Menschen. Ausnahmen sind kriegerische Situationen unter bestimmten Bedingungen, die hier keine Rolle spielen.

Warum ändert es nichts? Weil Sie umständlich argumentieren, ohne die Substanz des Problems zu berühren. Genauer:

1. Der Philosoph Bolzano schreibt in seinem „Lehrbuch der Religionswissenschaft“ (Band 1, S. 120ff.) ganz richtig, dass Hauptgründe für die Ungläubigkeit (in diesem Fall für den Unglauben daran, dass Abtreibung schlecht ist) a) der Wille sei, weniger strafwürdig zu sein und ruhiger leben zu können sowie b) Nachahmungssucht und Rechthaberei seien. Es ist klar, dass es sich ohne schlechtes Gewissen ruhiger leben läßt, wenn man die Abtreibung für in Ordnung hält. Man muss auch keine Angst vor dies- oder jenseitiger Strafe haben, weil man für nichts verantwortlich ist. Man folgt der Mehrheit, was immer beruhigt, dem Zeitgeist, ist „modern“, „liberal“ und hebt sich scheinbar vorteilhaft von den dumpfen Katholiken ab, die noch an so etwas wie das Leben glauben. – Trotzdem hat man mit der Befürwortung der Abtreibung natürlich nicht recht, sondern man bemäntelt nur seine eigene Schlechtigkeit (Sündhaftigkeit) notdürftig. 

2. Sie berufen sich auf die sog. „Sukzessivbeseelung“. Hier missbrauchen Sie die subtilen Erörterungen der Scholastiker zur Frage der Beseelung des (nach heutigem Sprachgebrauch) Embryos, indem Sie behaupten, damit sei eine „verkappte Fristenlösung“ im Kirchenrecht verankert gewesen. Das ist falsch. Erstens gab es immer die Ansicht der Simultanbeseelung, auch wenn sie sich kirchenrechtlich lange nicht durchgesetzt hat. Zweitens handelt es sich aber auch bei Annahme der Sukzessivbeseelung ohne Zweifel, und Sie bestätigen das auch selbst, nach Ansicht der Kirche im Fall der Abtreibung IMMER um eine Sünde. Ob es sich bei dieser Sünde um einen (natürlich unerlaubten) Mord oder eine (natürlich auch unerlaubte, weil sündige) Tötung handelt, ist irrelevant, weil der Mensch grundsätzlich nicht sündigen soll.

3. Sie verkennen, weil offensichtlich aus in Punkt 1 genannten Gründen nicht religiös, die Entstehung von Dogmen. Das Christentum ist ein Glaube, der eigentlich keine Dogmen braucht. Diese sind immer nur definiert worden, um von Un- und Irrgläubigen formulierte Häresien zu korrigieren. Gleichzeitig handelt es sich bei der Erkenntnis der Offenbarung Jesu Christi um einen Prozess, bei dem der einzelne Gläubige in seinem Leben ebenso wie die Kirche insgesamt in ihrer Pilgerschaft sich dieser Erkenntnis immer mehr, immer genauer annähert. Deshalb ist die Konsequenz aus dem Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariä, dass es sich bei der befruchteten Eizelle um einen beseelten Menschen handelt, eine (negativ gesehen) Definition gegen die nun definitiv als falsch erkannte Sukzessivbeseelung sowie eine (positiv gesehen) Annäherung an die Wahrheit der Offenbarung.

4. Die katastrophalen Sophismen einer künstlichen Unterscheidung von „Zellklumpen“ und „Mensch“, von „menschlichem Gewebe“ und „Mensch“, von selbständig lebensfähig oder nicht sind wirklich peinlich. Mir sind die neuesten Entdeckungen bekannt, die besagen, dass sogar die Vereinigung des männlichen und weiblichen genetischen Materials nicht sofort nach der Befruchtung der Eizelle eintritt. Das könnte (natürlich nur für atheistische Sophisten) zur Folge haben, dass Embryonen zu Versuchszwecken herangezogen werden. Ebenso sei an sog. Philosophen wie Singer erinnert, die den Menschen erst ab dem erwachenden Selbstbewußtsein als solchen definieren wollen, also erst ab dem 3. Lebensjahr. Vorher sei es kein Mensch. Wer kleine Kinder tötet, mordet laut Singer also nicht. Die Absicht bei all diesen konstruierten Definitionen ist klar erkennbar: Der Mensch soll verfügbares Material sein. Das wird leider, auch durch solche relativistischen Leute wie Sie, Herr Wolf, in Zukunft der Fall sein. – Trotzdem ist es falsch. Nur wer die befruchtete Eizelle als Mensch anerkennt, handelt logisch. Alle anderen Konstruktionen verkennen, dass mit der Befruchtung der Eizelle eine Entwicklung eingetreten ist, die zu einem individuellen Menschen führt. Wer Entwicklung leugnet, leugnet auch den Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem (siehe oben). Auch ein Säugling ist übrigens nicht lebensfähig, auch ein Kind ist nicht so reif wie ein Erwachsener, ein Mensch mit Downsyndrom ist intellektuell limitiert, usw.

5. In Konsequenz dieses Irrglaubens sind Abtreibungsbefürworter meist auch Befürworter des sog. assistierten Suizids, also der Ermordung von alten und kranken Menschen, die lebensmüde sind. Diese Menschen sind für Atheisten natürlich auch keine Menschen mehr, die „vollwertig“ sind, sondern irgendwie weniger vollwertige Menschen, über die verfügt werden kann. Man könnte sagen, diese Abtreibungs- und Suizidbefürworter sind Freunde nicht des Lebens, sondern des Todes. Gerne verweise ich hier auf einen grundlegenden Artikel des Philosophen Thomas Sören Hoffmann („Lasst die Finger davon!“, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/bundestag-entscheidet-ueber-suizidbeihilfe-in-deutschland-13891691.html). Die Nähe dieser „progressiv-linken“ Ansichten zum Nationalsozialismus soll hier nur angedeutet werden. Dass es sich bei all diesen Handlungen nicht einmal mehr um „Töten“ handeln soll, weil „Zellklumpen“, „Gewebe“ und möglicherweise sogar Kranke kein richtiges Leben genannt werden könnten, befremdet in einer Welt, in der zunehmend über Tierrechte nachgedacht und das Schlachten von Tieren als Mord bezeichnet wird. 

6. Dass die Behauptung, dass der Bauch der Frau ihr gehöre, absurd ist, sobald sich ein anderer Mensch in ihm befindet, ist eigentlich sonnenklar, und man fragt sich, wie dieser Blödsinn so erfolgreich sein konnte. Der Grund kann nur in der eigenen Entlastung (siehe Punkt 1) gefunden werden. Egal wie abhängig der Embryo oder Fetus auch ist, er ist ein eigener Mensch und nicht das Eigentum der Frau. Nicht einmal ihr Körper „gehört“ ihr, weil sie ihn nicht erworben hat. Auch den Embryo „macht“ sie nicht, er wächst nur mit ihrer Hilfe, hat aber seine eigenen Programme. Offensichtlich wird das u. A. dadurch, dass es Allergien der Mutter gegen das Kind gibt. Das allein schon zeigt, dass es sich beim Kind im Bauch der Mutter um einen fremden „Wirt“ handelt.

7. Der Gipfel der für Atheisten typischen Blasphemie ist es, eine Gleichwertigkeit menschlichen und göttlichen Handelns zu behaupten. Das ist falsch und lächerlich. Bedenken Sie: Sie reden vom Schöpfer Himmels und der Erde! Die Tatsache, dass es spontane Abgänge befruchteter Eizellen und von Embryonen gibt, haben Sie als „göttlichen Massenmord“ bezeichnet. Es handelt sich aber nicht einmal um ein moralisches Böses, sondern um ein sog. natürliches Übel. Über diese Problematik haben nun wirklich viele wesentlich klügere Menschen als wir es sind sich den Kopf zerbrochen; erinnert sei nur an die Theodizee von Leibniz. Warum es Übel und Leiden in der Welt gibt, scheint mir persönlich von Richard Swinburne am besten beantwortet worden zu sein. Aber es ist klar, dass Un- und Andersgläubige das nicht so akzeptieren wollen. Als Moslem zum Beispiel glaubt man, Allah wirke ununterbrochen und alles sei Folge seines wirkenden Willens. In diesem Fall, und Moslems glauben das, ist Allah unmoralisch, denn er kann machen, was er will, auch zum Bösen anleiten, lügen und sich selbst widersprechen. Ein (katholischer) Christ würde das nie akzeptieren. Der gute Gott hat die Welt erschaffen und erhält sie, aber wir Menschen haben in ihr doch eine Freiheit des Willens. Deshalb können wir gegen seinen Willen sündigen. Dieser gewaltige Vorteil, an den ein Christ glaubt (ein Atheist wie Sie ist nicht frei, er muss an den Determinismus durch Gene, Erziehung und Synapsen glauben, wenn er ehrlich ist), dieser Vorteil rechtfertigt das Böse in der Welt, sonst wären wir nur Tiere, die ja auch schon litten, als es noch keine Menschen gab, und niemanden, der darüber nachdenken konnte. Man kann den Menschen aber auch für ein Tier halten, das er rein biologisch auch ist, und daraus seine Konsequenzen ziehen, ihn also zum Beispiel nach dem Tod irgendwo anonym verscharren. Das wäre ein Rückfall hinter den Neanderthaler. Jede Gesellschaft ist für ihr Menschenbild verantwortlich.

8. Viele Atheisten behaupten, Christen wären geknechtet unter den Dogmen und Vorschriften ihrer Religion. Nichts könnte falscher sein. Ein Christ kann natürlich alles machen, was er will, auch abtreiben und alte Kranke ermorden. ABER er wird sich immer darüber klar sein, dass das Konsequenzen nach sich zieht, weil es Sünde ist. Deswegen sollte er es nicht tun. Am besten wäre freilich, er würde es nicht aus Furcht vor Strafe, sondern aus Liebe zu Gott unterlassen. Dagegen glaubt der Atheist, der sich selbst freispricht, er habe keine Verantwortung, weil es über dem Menschen keine Instanz mehr gibt. Deswegen wird sich der Atheist immer mehr erlauben und sich gut dabei fühlen. – Man wird sehen. Für jeden von uns dauert es nicht mehr allzu lange, dann werden wir „von Angesicht zu Angesicht sehen“, was richtig ist, und es besser wissen. Leider wird es dann für viele zu spät sein.

Ich hoffe, Ihre Kommentare beantwortet zu haben und wünsche Ihnen alles Gute!





 

 

Sven von Storch

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