Die theologisch dominierte Universität
Die theologisch dominierte Universität
Datum: 06.09.2014, 12:23
Ein bekannter islamischer Theologe aus Cambridge sagte freiheraus, dass die Humboldtsche Auffassung von der Universität etwas einseitig säkular ausgerichtet gewesen sei und darum für die Theologie wenig Sinn gehabt habe. (Dass die Kritik der Theologie auch etwas Gutes hatte, übrigens auch für sie selbst, unterließ er zu erwähnen.) Jedenfalls lobte er als Gast eines Frankfurter Kongresses mit dem Titel „Horizonte der islamischen Theologie“ die Entwicklung hin zu einer Universität, die rational weniger vermittelbaren Wahrheiten wieder mehr Raum gibt.
Am 1. September besuchte ich die Eröffnungsfeier dieser akademischen Veranstaltung, die ein von der hessischen, ja deutschen politischen Klasse und der Leitung der Frankfurter Universität lautstark gefeiertes Unterfangen darstellt. Mit einem neu eingerichteten universitären Fachinstitut (Zentrum für islamische Studien) soll der Islam, der ja laut Aussage eines ehemaligen Bundespräsidenten zu Deutschland gehört, eine akademische Heimstatt bekommen, von der aus er dann, gewissermaßen durch die Institution gebändigt, in Person von gleichsam staatlich approbierten Religionslehrern und -lehrerinnen in die deutsche Gesellschaft geschickt werden soll. Doch ist das Konstrukt durchaus widersprüchlich, wie gezeigt wird.
Die Selbstbeschreibung des neuen Fachs ist dabei mit der Hoffnung der Politiker und Akademiker identisch: Es sei ein offenes Fach, das freie Wissenschaft betreibe und so einen „deutschen Islam“ etabliere. Dabei wurde im Grundsatzreferat eines Berner Professors deutlich, wie unklar das Fach eigentlich definiert ist. Früher noch als „Orientalistik“ zuständig für alle Religionen und Sprachen des Nahen ( und ferneren) Ostens, ist heute der Fokus fast nur noch auf den Islam gelenkt, was eigentlich schon eine unzulässige Einengung darstellt. Doch mag damit die Realität in Deutschland widergespiegelt sein: Hierzulande sind die Muslime die bemerkbarste Minorität. Für den Nahen Osten wird vorauseilend sogar die Zukunft antizipiert: Dort ist die religiös-ethnische Säuberung bald erfolgreich und nur noch der Islam präsent. (Nur die Juden stören noch.)
Das Zentrum ist ein Zusammenschluss von Fächern an zwei Universitäten (neben Frankfurt noch Gießen) und umfasst islamische Religionspädagogik und Didaktik, Studien der Kultur und Religion, Koranexegese, Gesellschaft und Kultur in Geschichte und Gegenwart, Ideengeschichte und islamische Theologie. Von einem solchen institutionellen Monstrum können Christen, Juden, Buddhisten oder Hindus nur träumen. Das ist geradezu ein Geschenk für die Muslime in diesem Land, zumindest eine gewaltige Vorleistung der deutschen Gesellschaft. Was wird das Fach aus dieser Vorleistung machen?
Nicht nur um Theologie soll es gehen, sondern um Gesellschaft, Sprachen, Kultur und Geschichte. Und schliesslich soll das Fach auch von Religion handeln. Es ist also ein Konglomerat aus Theologie, Linguistik, Soziologie, Kultur-, historischer und Religionswissenschaft. Das überfordert das Fach, ist aber auf der anderen Seite ein treuer Spiegel der Tatsache, dass Politik und Religion im Islam nicht voneinander zu trennen sind, ja die ganze Lebensführung einer Gesellschaft und ihrer Kultur vom Islam, dort wo er herrscht, bestimmt wird. (Man könnte auch Gleichschaltung sagen.) Insofern kann hier von hegemonialem oder postkolonialem Einfluss der deutschen Gesellschaft nicht gesprochen werden, wie ihn in der Eröffnungsveranstaltung ein südafrikanischer Islamtheologe vehement monierte (und seine Kritik an der westlichen Gesellschaft gleich mit einer Papstbeschimpfung verband). Der Islam hat im Gegenteil die Deutungshoheit nicht nur über seine Theologie, was ja in Ordnung ist, sondern auch über all die anderen Fächer innerhalb des Zentrums erkämpft. Hier hat sich also die deutsche Universität an die Gegebenheiten des Islam angepasst, nicht etwa das neue Fach an die Gepflogenheiten an einer deutschen Universität. Aber soviel Entgegenkommen, um nicht zu sagen: Selbstaufgabe ist man schon gewohnt. Anders gesagt: In Frankfurt/Gießen haben wir neuerdings Verhältnisse wie an der Azhar in Kairo oder wie an der Sorbonne im 13. Jahrhundert. Warum?
Dass diese unselige Verquickung von Fächern, ja Lähmung des Zentrums durch Überforderung nicht dazu beitragen wird, zu neuen theologischen Horizonten aufzubrechen, wurde bei der Jubelfeier natürlich nicht vermerkt. Zwar wurde Säkularität erwähnt, doch steht dieser schon die Struktur des Zentrums entgegen. Denn es handelt sich zwar um Interdisziplinarität, doch ist diese nur scheinbar, denn alles ist auf den Islam bezogen bzw. kommt von ihm her. Nur drei Beispiele: Die religionswissenschaftliche Seite des Fachs, die objektiv und kritisch, ja recht eigentlich säkular sein müsste, wird schon aufgrund der institutionellen Beschaffenheit im Brei der gläubigen Gotteslehre dümpeln. Die historische Seite des Fachs, die Herkunft und Entstehung des Islam anhand von harten materialen Fakten untersuchen müsste, wird von der kulturell vermittelten Traditionslehre, die quasi zu einem Implantat im kulturellen Bewußtsein der Muslime geworden ist, überwölbt werden, denn sie ist schon strukturell mit ihr verbunden. Die Sprachforschung z. B. am Koran sollte Aspekte verschiedener Sprachen vergleichend berücksichtigen, wird aber durch die dogmatische Fixierung auf die Vorherrschaft des Arabischen nicht weit kommen. Da werden insgesamt nur äußerst traditionelle Überzeugungen an die künftigen Islamlehrer und -lehrerinnen vermittelt werden.
Und was ist denn an dieser Neuausrichtung der Universität auch so schlimm, die man nur böswillig als Rückausrichtung bezeichnen kann? Waren die Zeiten, als Albertus Magnus, Bonaventura und Thomas von Aquin an der Sobonne unterrichteten, nicht glorreiche Zeiten der abendländischen Theologie? Ja, sie waren es! Was macht es, dass damals Philosophie letztlich nur Theologie sein konnte, weil nichts Anderes erlaubt war? Wen kümmern schon die paar Tausend Häretiker, die ihr Leben lassen mussten? Der schweigenden Mehrheit ging es doch gut, sie kannte nichts Anderes und vermisste also auch nichts. Der technische Fortschritt hingegen, den die geistige Öffnung der Universität hervorgebracht hat, kehrt sich schon seit längerem in sein Gegenteil - also ist sie nicht unverzichtbar. Man sieht, wohin das geführt hat! Und Erkenntnisse, die sich nur dem freien Spiel der Neugier verdanken, aber niemandem nutzen, mögen nun wirklich entbehrlich sein. Grundlagenforschung - pah! Herrn Winters Vision einer theologisch dominierten Universität kann kommen.
Wie heute schon an einer deutschen Universität gedacht wird, sei an einem letzten Beispiel demonstriert. Natürlich wurde zum Kongress eine „Stellungnahme“ verfasst zu den Gräueltaten der Glaubensgenossen vom „Islamischen Staat“, die sich von dessen „archaischer Ideologie“ distanzierte. Gleichzeitig jedoch lautet der Titel eines der Abschnitte des Kongresses: „Der Prophet als schönes Vorbild”. Da wird denn allen Ernstes gefragt, ob es auch Handlungen des Propheten geben könne, die nicht vorbildhaft seinen. Dies ist natürlich darum merkwürdig, weil die Taten des „Islamischen Staates“ hundertprozentig durch Taten des Propheten, jedenfalls wie sie die islamische Tradition berichtet, gedeckt sind. Die Muslime des IS sind sicher davon überzeugt, hier dem schönen Vorbild zu folgen. Diese Widersprüche des Kongresses lassen die „Stellungnahme“ doch nicht ganz überzeugend, zumindest als nicht von dieser Welt erscheinen.
Für den Beobachter gab es aber noch eine winzige, doch sprechende Kleinigkeit, die mehr über Offenheit, Integration und Freiheit sagte als alle offiziellen Beteuerungen. Beim abschliessenden kleinen Imbiss und Umtrunk gab es nur orientalische Speisen und keinen Alkohol. Das Fach will offen sein für alles und deutsch. Es will nicht nur gläubig theologisch sein, sondern auch wissenschaftlich kritisch. Es müsste bei einem Imbiss also, wie es der gute Gastgeber macht, nicht nur das geben, was dieser mag, sondern auch etwas von dem, was dem Gast schmeckt. Ganz offensichtlich wollen die „islamischen Studien“ aber unter sich bleiben; Gäste sollen sich gefälligst ihren Vorstellungen anpassen.
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