Die teuren Folgen der Verwandtenehen
Die teuren Folgen der Verwandtenehen
Datum: 05.06.2011, 13:56
In Erörterung der ethischen Vertretbarkeit der Selektion von Embryonen schrieb ich vor einiger Zeit über Umut-Talha, Kind türkischer Eltern in Frankreich, das nur geboren wurde, um seinen an der Erbkrankheit β-Thalassämie erkrankten Geschwistern Blut zu spenden. Ob die Eltern dieser Kinder miteinander verwandt waren, ist nicht bekannt; bekannt hingegen ist, dass bei blutsverwandten Eltern (Cousinenheirat) das Risiko, Kinder mit angeborenen Krankheiten zu bekommen, doppelt so hoch ist wie bei nicht verwandten Eltern.
Das Problem der Verwandtenehe ist kein spezifisch türkisches, aber aufgrund der weit überwiegenden Zahl von Türken unter den Migranten in Deutschland muss der Fokus der Aufmerksamkeit hierzulande doch auf diese Gruppe gelenkt werden. Warum? Schon in meiner Zeit an einer großen Universitätsklinik mit viel Kontakt zur kinderärztlichen Intensivstation war bei der Betrachtung der Belegung dieser Station unverkennbar, dass dort türkischstämmige Kinder über den statistischen Anteil an der Gesamtgeburtenzahl hinaus anzutreffen waren, mit Stoffwechsel- und anderen Krankheiten, die nach der teuren Initialbehandlung oft eine teure lebenslange Therapie benötigen würden. Gespräche mit den behandelnden Kinderärzten, warum das so sei, offenbarten neben der empirischen Feststellung, dass diese Fälle zugenommen hätten, sogleich auch die Ursache, die also bekannt war: die türkische Verwandtenehe.
Unter den behandelnden Ärzten bekannt heißt nicht unbedingt auch in der Politik bekannt. Es gibt Dinge, über die man in Deutschland nicht gern spricht. Besonders wenn es sich um Migranten handelt. Natürlich gibt es keine sogenannten gesicherten Zahlen, denn wie Antje Schmelcher in der FAS vom 5. Juni schreibt, ist in keinem europäischen Land die Hochzeit zwischen Vettern und Kusinen strafbar, demnach auch keine Statistik geführt wird. Dennoch gibt es Näherungen, die es erlauben, mit aussagekräftigem Material zu argumentieren. Eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung über Familienplanung und Migration im Lebenslauf von Frauen, vorgestellt im Oktober 2010 in Berlin, ergab die im Intro genannte Zahl. Ein Bericht des Robert-Koch-Instituts, wonach 20% eines pädiatrischen Stoffwechselzentrums in Düsseldorf 2004 von Kindern türkischer und kurdischer Herkunft gestellt wurden, weist in dieselbe Richtung, die meiner isolierten Erfahrung entspricht.
Diese Tatsachen haben natürlich etwas mit mangelnder Integration zu tun. Die Vermutung, dass in Deutschland lebende Türken und Türkinnen unter den zig Millionen potentiellen deutschen Heiratspartnern keinen Geeigneten und keine Geeignete finden, sondern glauben, zum Beispiel aus dem Heimatort unbedingt einen Verwandten oder eine Verwandte nach Deutschland einfliegen lassen müssen, um überhaupt heiraten zu können, dürfte richtig sein. Man kann nur hoffen, dass sich das mit der Zeit bessert, aber die Erfahrungen mit der zweiten und dritten Generationen von Einwanderern sind nicht immer ermutigend.
Ein klares Verbot von Cousinenehen für alle wäre eine drastische, aber vielleicht auch inhumane Möglichkeit. Von Verboten sollte auch darum nicht die Rede sein, weil das in unerträglicher Schnüffelei enden würde. Aber eine Aufklärungspflicht sollte bei den ständigen halbherzigen Versuchen, im Gesundheitswesen zu sparen, das Mindeste sein, eventuell auch eine genetische Untersuchung nach dem ersten kranken Kind. Durchstreift man das Internet, fällt auf, dass Berichte zu diesem Thema seit den 90er Jahren in Großbritannien und seit Anfang des 21. Jahrhunderts in Deutschland regelmäßig aufkommen, aber nichts geschieht. Es geht doch überhaupt nicht um ein isoliertes Herausheben von Minderheiten (Migranten); sondern um ein Einbetten auch dieser Gruppen in ein übergeordnetes Gesamtkonzept zur Sanierung des Gesundheitswesens. Es darf hierbei keine Tabus geben.
Eine Soziologin, Yasemin Yadigaroglu, versucht seit einigen Jahren, sich dieses Themas anzunehmen. Sie erfährt den erwarteten Gegenwind aus der einschlägig bekannten Ecke (Drohungen von Eltern und von muslimischen Gemeinden). Die Politik erstickt an der ihr eigenen Korrektheit, aus der es anscheinend kein Entkommen mehr gibt: Einen Vortrag auf einer Veranstaltung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durfte sie nicht "Verwandten-Ehe" nennen, sondern musste ihn zu "Eheschließung unter Migranten" umtaufen. Was aber die verrotteten geistigen Strukturen in Deutschland am besten zeigt, ist die Ablehnung ihres Vorhabens, über die Verwandten-Ehe zu promovieren: Frau Yadigaroglu findet keinen Doktorvater und keine Doktormutter. Auch die Gender-Lehrstühle, die ja zur Zeit hierzulande aus dem Boden spriessen, haben das Thema mit dem falschen Argument abgelehnt, es gäbe dazu keine Zahlen.
Links:
Verwandt, verlobt, verheiratet!
Die Cousine als Ehefrau - behinderte Kinder aus Verwandtenehen
Üble Folgen arabischer Verwandtenehen
Antje Schmelcher: Darüber spricht (und forscht) man nicht. FAS vom 5. Juni 2011, Nr.22, Politik S.9
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