Die Pervertierung der christlichen Lehre
Die Pervertierung der christlichen Lehre
Datum: 21.09.2015, 13:04
Predigttext war die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus aus dem Johannesevangelium, die wohl auch im heutigen Deutschland noch einigermaßen bekannt sein dürfte. Die Pfarrerin referierte also die Geschichte und betonte eingangs den Vorwurf Marthas an Jesus, warum er nicht früher ins nahe Bethanien gekommen sei, wo er doch von der Erkrankung wußte: "Herr, wärest du hie gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben". Die Pfarrerin wollte auf die Verzweiflung abheben, die einen überkommt, wenn man um Hilfe ruft und keine erhält: Lazarus war ja schon vier Tage tot. Dann hob sie Marthas Antwort auf Jesu Aussage ("Dein Bruder soll auferstehen") hervor: "Ich weiß wohl, daß er auferstehen wird in der Auferstehung am jüngsten Tage". Ja, das wisse Martha wohl, sagte die Pfarrerin, sie wolle aber ihren Bruder jetzt, in diesem Leben wiederhaben.
Dann wurde ihre Stimme ganz weich und sie rief das Bild des kleinen Ailan ins Gedächtnis, der ertrunken an den türkischen Strand gespült worden ist. Die Parallele war klar: Auch dort ist jemand zu spät gekommen, auch dort würde man gerne glauben wollen, dass der Tote sich erhebt wie Lazarus und lebt. Leise Orgelmusik untermalt die Predigtpause.
Doch Frau Oetken ging weiter, indem sie weiters die Leiden der Flüchtlinge beschrieb, die ein besseres Leben haben wollten und daher nach ihm suchen würden. Dieses materielle Leben im Hier und Jetzt, dieses "Streben nach Glück" setzte sie gleich mit Jesu Anspruch: "Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe". Ich meinte meinen Ohren nicht trauen zu können, dass sie gewissermaßen den Anspruch auf Arbeit, Sozialversicherung, Häuschen und Auto mit dem gleichsetzte, was in der Lazarusgeschichte "das Leben" genannt wird; als ob Jesus zu Lazarus nicht nur gesagt hätte: "Komm heraus", sondern: "Jetzt sollst du es aber auch besser haben, wenn ich dich schon auferwecke - hier sind schon mal ein paar Denare".
Kein Wort davon, dass Jesus bewußt gewartet hatte, da für ihn Lazarus´ Krankheit "nicht zum Tode [war], sondern zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehret werde", nämlich um "den Jüngern" und "dem Volk" ein Zeichen zu geben, "auf daß ihr glaubet". Gerade diese Zumutung, dass Jesus den geliebten Lazarus sterben läßt, um ihn erwecken zu können, ist weit weg von der Kuscheltheologie der Bremer Pfarrerin und zeigt, worum es in dieser Geschichte wirklich geht. Freilich müssen wir diese Welt zu einem besseren Ort zu machen versuchen, doch letztlich ist uns allen auf Erden nicht zu helfen und das Leiden unausrottbar. Klar ist ja, dass der auferweckte Lazarus noch einmal sterben wird. Entscheidend wird sein: "Wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben." Darum geht es Jesus.
So wie Pfarrerin Oetken vom Tod und vom Leben gepredigt hat, bin ich nicht mehr sicher, ob die frohe Botschaft in der evangelischen Kirche noch eine starke Vertretung hat. Jesus wirbt durch das Zeichen an Lazarus für das ewige Leben mit einem göttlichen Selbstbewußtsein, dessen diese Kirche vollkommen entbehrt. Wer glaubt schon, diese verweltlichte Pfarrerin würde vor Muslime hintreten (in Deutschland kann sie es noch tun) und ihnen sagen: "Christus ist der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist. Niemand kommt zum Vater, denn durch ihn." Diese kryptomarxistische Predigt hat mich tief erschüttert, aber sicher nicht so, wie Frau Oetken das wollte.
Ihnen hat der Artikel gefallen?
Bitte unterstützen Sie mit einer Spende unsere unabhängige Berichterstattung.
Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.


Add new comment