Die Blase oder_ Der schalltote Raum
Die Blase oder_ Der schalltote Raum
Datum: 05.06.2022, 16:51
Nachdem ich ein ganze Menge an Artikeln für die „Freie Welt“ verfasst habe, ziemlich regelmäßig und beinahe von Anfang ihres Bestehens an, weil sie ein Medium der freien Meinungsäußerung war und ist, konnte ich mich im letzten halben Jahr nicht mehr dazu aufraffen. Warum? Die „Freie Welt“ ist doch so kritisch und vielfältig geblieben wie je, mit einigen Verschiebungen: Kulturelles kommt kaum noch vor, Wirtschaftliches ist in den Vordergrund getreten. Ältere Blogger haben aufgehört, neuere sind dazu gekommen. Auch dass die Herausgeber der „Freien Welt“ vermehrt sich auf diesem Portal äußern, ist neueren Datums. Jedenfalls hält sich die „Internet- und Blogzeitung für die Zivilgesellschaft“ wacker. Warum also hatte ich diesen Anflug von Sinnlosigkeit?
In meinem politischen Tagebuch (Der Preis des Phönix, erschienen 2020) schrieb ich: „Alternativlos rollt das Geschehen seit Jahren in eine einzige Richtung, abwärts, als folge es einem schlechten Drehbuch. Die Berliner Republik beantwortet die seit dem Anschluss des kommunistischen Mitteldeutschlands an die sozialdemokratisierte BRD immergleichen Probleme Islam, Migration und Globalisierung in einer Art »rasendem Stillstand« (Paul Virilio) mit den immergleichen Scheinlösungen einer unterwürfig geforderten Islamisierung, der Schaffung eines multikulturellen Vielvölkerstaats und dem Aufgehen im kapitalistisch-technokratischen Imperium der Vereinigten Staaten von Europa. Der Souverän, also das Volk, das schon länger hier wohnt, wird dieses Land und Europa bald nicht mehr wiedererkennen. Darin sind sich im Grunde alle einig, nur die Bewertung differiert. Gefragt wurde der Souverän nicht.“
Daran hat sich seitdem überhaupt nichts geändert. Und dass es den Deutschen dabei immer schlechter geht, wird ja sogar von den Politikern der regierenden so genannten „Ampel“ offen zugegeben. Aber schuld sind immer äußere Einflüsse: Finanzkrise, Eurokrise, Coronakrise, Ukrainekrise, nie aber die politischen Entscheidungen unter Merkel und Scholz. Diese Verantwortungsverweigerung gehörte bestraft, denn sie ist Zeichen autoritärer Systeme. Doch es ändert sich nichts. Die braven Deutschen wählen tapfer das „Weiter so!“.
Das ist Fakt – trotz der Bemühungen all der oppositionellen Autoren wie Gunnar Kaiser, Milena Preradovic, Roland Tichy und vieler Anderer. Auch der vielen Autoren dieses Blogs. Das liegt ohne Zweifel an der Reichweite. Die in aller Regel regierungstreuen Hauptstrom-Medien erreichen mit ihren regierungskonformen Nachrichten Hunderte von Millionen Menschen. Freilich findet sich bisweilen, einmal im Monat vielleicht, auf Seite 11 auch ein Artikel mit einer oppositionellen Meinung. Er dient als Feigenblatt zum Bedecken der Blöße der ansonsten einseitigen Berichterstattung und kann als angeblicher „Beweis“ von Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit jederzeit vorgezeigt werden. Aber gepusht und bis zum Erbrechen wiederholt wird nur die „richtige“, also regierungstreue Meinung. Dem kann sich niemand ganz entziehen.
Dies gilt besonders für Deutschland, weil hier seit 1998 keine Regierung mehr an der Macht war, die nicht den politmedialen Komplex vertrat. In den USA konnte man beobachten, was passiert, wenn eine Regierung an die Macht kommt, die nicht die „richtige“ Meinung vertritt. In den vier Jahren der Präsidentschaft Donald Trumps waren zwischen 90 und 98% der leitmedialen Nachrichten über ihn negativ, was sachlich natürlich vollkommen ausgeschlossen ist, aber den gewünschten propagandistischen Effekt hatte.
Die oppositionelle Meinung wird von den Leitmedien niemals in dieser Weise gepusht. Sie ist ja „falsch“. Zu finden ist sie meist im Internet, denn oppositionelle Druckerzeugnisse gibt es wenige. Insofern ist das Netz (wie lange noch?) der Ort medialer Freiheit. Freilich kann man in Deutschland immer noch alles sagen und schreiben, aber an welchem Ort und zu welchem Preis, muss man seit einiger Zeit doch fragen. Keineswegs kann jeder Autor überall publizieren, was, wenn die behauptete „Falschheit“ und gestanzte Zensurbegründungen wie „Hass ist keine Meinung“ im konkreten Fall nicht ziehen sollten, bequem mit dem Hausrecht des jeweiligen Verlags begründet werden kann. Er wird also kaum Reichweite erzielen; offiziell heißt es, man dürfe ihm „keine Bühne geben“.
Erreicht ein oppositioneller Autor zufällig doch einige Millionen Menschen, dann kann das entweder negiert werden, wenn zu erwarten ist, dass diese Meinung in kürzester Zeit in der erdrückenden Flut regierungskonformer Nachrichten (flooding, „Fakten-Checks“) untergeht und verschwindet, oder der Autor wird in einer konzertierten medialen Aktion fertiggemacht (wie exemplarisch an Thilo Sarrazin, Akif Pirinçci und soeben Ulrike Guérot vorgeführt), oder der Autor unterliegt (offiziell natürlich politisch neutral, zum Beispiel steuerlich, begründet) direkter Repression (wie dies bei den Ärzten Hockertz, Bhakdi, Brandenburg der Fall war und ist).
Im Grunde ist es unmöglich geworden, über diese Blase hinauszukommen. Man schreibt für Menschen, die ohnehin schon die gleiche Einstellung, die gleiche Meinung haben, aus welchem Grund auch immer. Der Publizist Frank Böckelmann sagte mir einmal, das sei vorsprachlich bedingt. Wahrscheinlich ist es so. Die Resistenz gegen Propaganda muss angeboren oder frühkindlich anerzogen sein. Jedenfalls ist die Mehrheit der gehirngewaschenen Konsumenten der Hauptstrom-Medien im übertragenen Sinne nicht erreichbar. Und sollten sie doch noch ansprechbar sein, so sind sie im physikalischen Sinne nicht erreichbar. Oppositionelles Reden verlischt im schalltoten Raum. Also warum noch schreiben? Warum anschreiben gegen die gewaltige Übermacht? Viele kritische Autoren sind wegen dieser Ausweglosigkeit auch verstummt.
Im erwähnten Buch schrieb ich: „Dieses Tagebuch wurde geschrieben, um auf einem Flohmarkt der Zukunft davon Zeugnis zu geben, dass nicht alle zu den Gleichen gehören wollten und schon gar nicht zu deren ungleichen (kommunistischen oder islamischen) Gleichheitswärtern.“ Man schreibt also für die Zukunft, nicht mehr für die Gegenwart... Aber vielleicht ist das doch zu kleingläubig. Nur: Erzwingen wird man nichts können. Es muss zusätzlich etwas von außen hinzukommen.
An Pfingsten kam der Heilige Geist über eine kleine Gruppe von Menschen, die sich daraufhin einer großen Zahl anderer Menschen aus aller Herren Länder verständlich machen konnten. Die Apostelgeschichte zeigt die Gegenseitigkeit: Der Geist kam zwar nur über die kleine Gemeinde der Jünger, aber er wirkte auch auf die vielen Gäste, die gerade in Jerusalem versammelt waren. Nachdem Petrus eine große Rede gehalten hatte, waren ganz unerwartet 3000 Menschen überzeugt worden. Ich weiß, dass viele Leser der „Freien Welt“ Menschen von säkularen Überzeugungen sind. Aber was da „von außen“ kommt, muss nicht als der Heilige Geist erkannt werden. Es kann der Einbruch des Unerwarteten sein, wie Böckelmann sagt. Es kann die Überwältigung durch Empirie sein, durch die Kraft des Faktischen, wie ein befreundeter Philosoph es ausdrückt. Hoffen wir also auf das Unerwartete und seien wir darauf vorbereitet, dass es kommen kann. Dass die Welt nicht alternativlos ist, dass „das Andere“ möglich ist, davon müssen auch weiterhin wenigstens ein paar Menschen schreiben, damit es weiterhin Menschen gibt, die damit rechnen.
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