Der Lackmustest
Der Lackmustest
Datum: 01.08.2011, 20:02
Die Islamkritik, die ja, wie unschwer überall nachgeprüft werden kann, wesentlich moderater betrieben wird als es die Kirchen- und Religionskritik seit der Aufklärung je wurde und wird, ist seit den Morden Anders Breiviks (hoffentlich nur metaphorisch) in die Schusslinie geraten. Im Grunde wird von der Linken, aber auch von bürgerlichen Medien zur Einschränkung der Meinungsfreiheit aufgerufen. Die Autoren Kamann und Peters in der WELT raten am 30. Juli zur "Selbstprüfung bei all denen, deren Gedanken der Mörder zur Bestätigung seines Islamhasses zitierte, auch wenn dies gegen ihre Intentionen geschah." Da freut man sich schon, wenn Herr Klingelschmitt in der TAZ von heute schreibt, "der eigentliche Feind der Menschheit sei die Religion an und für sich", und man müsse auf alle Religionen gleich hart mit der Keule der Aufklärung einschlagen. Ach, würde das doch nur getan... Ich freue mich immer noch und immer vergeblich auf ein Titelbild der TITANIC, das demjenigen entspricht, das einen Priester und den Gekreuzigten in (un)zweideutiger Stellung zeigte ("Kirche heute") - nur auf den Islam gemünzt. Die Karikatur wurde damals vom Presserat nicht für problematisch gehalten - ob Muslime solchen subtilen (und wie ich finde, diskutablen) Begründungen folgen würden? Und wenn ja, wie viele?
Wie immer, wird vor allem vor undifferenzierten Beurteilungen "des" Islams gewarnt - sicher richtig. Ähnlich wurde in den 70er und 80er Jahren gegenüber dem Kommunismus und dem real existierenden Sozialismus gegenüber differenziert – es gab ja unterschiedliche Kommunismen. Die Meinung von Menschen, die vor einem zu großen Einfluß, erst recht vor einer Machtübernahme selbst eurokommunistischer Parteien warnten, auch wenn dies nach freien Wahlen erfolgen würde, wurde für undifferenziert erklärt, weil doch diese Parteien, so wurde argumentiert, die demokratischen Spielregeln anerkannt hätten. Wer Kritik am Kommunismus übte, wurde für reaktionär erklärt, selbst wenn dies von einer linken Position aus erfolgte. In intellektuellen Kreisen war man unten durch. Dennoch war der mediale Druck nie so stark wie heute auf die Islamkritik.
Der Lackmustest für solche „differenzierenden“ Aussagen blieb immer die historische Tatsache, dass nirgendwo, wo eine kommunistische Partei je die Macht ergriffen hat, sie diese wieder freiwillig abgegeben hätte. In keinem kommunistisch beherrschten Land hatte eine andere Partei oder politische Richtung je einen tatsächlichen Einfluss. Menschen, die eine kommunistische Machtübernahme erlebt haben und diesem Machtbereich entkommen sind, schüttelten meist verzweifelt den Kopf, wenn sie die naiven und gutgläubigen Differenzierer im Westen hörten, die wie, dies nur als Beispiel, Uta Ranke-Heinemann meinten, der vietnamesische Kommunismus würde sich, anders als der russische, gut mit dem Christentum vertragen.
Natürlich muss bei „dem“ Islam differenziert werden. Aber es gibt kein einziges islamisch beherrschtes Land, die Türkei eingeschlossen, in dem nicht andere Religionen ganz klar nur geduldet, ihre Anhänger letztlich nur Bürger zweiter Klasse sind. In vielen islamisch beherrschten Staaten ist der Islam Staatsreligion, in jedem ist er dies de facto. Es gibt keine Ausnahme. Denn dies widerspräche seinem Selbstverständnis, das keine Trennung von Religion und Staat kennt, ebenso wie eine Teilung der Macht in der Diktatur des Proletariats dem Selbstverständnis eines Kommunisten zuwiderliefe. Pluralismus? Ein Fremdwort.
Die aktuellen Diskussionen in Ägypten zeigen, dass zumindest in dieser Sache eine übertriebene Differenzierung beim Islam an der Realität vorbeizielt. Ich prophezeie, dass auch ein Sieg der oppositionellen Kräfte in Syrien, leider!, zur vermehrten Unterdrückung von Menschen nichtislamischen Glaubens führen wird. In der Türkei hat die, an sich wünschenswerte, Entmachtung des Militärs nicht zu mehr Toleranz, sondern schon zu einer merklichen Islamisierung geführt. Und so weiter.
Der Lackmustest auf Pluralismus ist im islamischen Herrschaftsbereich noch nicht "bestanden" worden. Es gibt noch keine Ausnahme. Solange (unter anderem) das so ist, wird auch Islamkritik ihre Berechtigung behalten.
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