Prof. Dr. Adorján F. Kovács

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Das Spiel mit den „Flüchtlings-Zahlen

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Das Spiel mit den „Flüchtlings-Zahlen
Datum: 12.04.2016, 18:32

Sie erinnern sich? Letztes Jahr sagte Vizekanzler Gabriel, dass Deutschland 500.000 als „Zuwanderer“ bezeichnete Einwanderer pro Jahr ohne weiteres integrieren könne. Das ist eine Zahl, die man schon lange vor allem aus der ökonomischen Ecke hört. Über die Motive möchte ich nicht spekulieren. Hier sei nur ein Beispiel unter vielen angeführt.

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung („Zuwanderungsbedarf aus Drittstaaten in Deutschland bis 2050“) kommt zu folgendem Ergebnis: „Zuwanderung im »normalen« Umfang (ca. 200.000 Nettozuzüge pro Jahr) bremst den negativen Trend des Erwerbspersonenpotenzials, stoppt ihn aber nicht. Erst bei einer Nettozuwanderung, die im langjährigen Mittel 533.000 Personen umfasst, würde das Erwerbspersonenpotenzial in etwa auf dem heutigen Stand bleiben – unter Berücksichtigung normal steigender Erwerbsquoten.“

Bei solchen Berechnungen fällt immer auf, dass an eine Änderung des kapitalistischen Wirtschaftens überhaupt nicht gedacht wird. Es soll fantasielos so weitergehen wie bisher, mit dem Raubbau, dem Überfluss und so weiter. Nur bei dieser Voraussetzung macht die Forderung nach so viel Einwanderung in einem eigentlich zu dicht bevölkerten Land überhaupt Sinn. Doch dies nur nebenbei.

Dann kam 2015 eine ungeheure Zahl an Migranten über die offene Grenze; ihre genaue Zahl ist bis heute unbekannt. Es dürfte sich um etwa ein bis zwei Millionen Menschen handeln. Wohlgemerkt müssen diese Menschen zur „normalen Zuwanderung“ hinzugezählt werden. Es folgte die von der Bundesregierung heftig kritisierte (angeblich einseitige, in Wahrheit von einer ganzen Reihe von Westbalkanstaaten zusammen mit Österreich beschlossene) Schließung der Balkanroute. Wie der deutsche Innenminister nun zugab, ist der Rückgang der „Flüchtlings“-Zahlen im laufenden Jahr vor allem auf diese Maßnahme zurückzuführen.

Er verkündete stolz, dass im ersten Quartal „nur noch“ 170.000 Migranten nach Deutschland gekommen sind, davon im März „nur noch“ 20.000 Menschen. Wenn man die letzte Zahl als Maßstab nimmt, kämen auch dieses Jahr immer noch 350.000 und in den kommenden Jahren 240.000 Asylsuchende. (Von den an Afrikas Küsten auf die Überfahrt Wartenden sei abgesehen.) Ich muss wiederholen, dass zu dieser Zahl die „normalen“ Einwanderer, also 200.000 Menschen, hinzugezählt werden müssen. Das ist dann die von der Wirtschaft (und der sich in ihrem Schlepptau befindlichen Politik) geforderte Zahl. Von wegen Rückgang.

Man könnte meinen, dass die invasionsartigen chaotischen Zustände von 2015 nur dazu gedient haben, den Deutschen Sand in die Augen zu streuen und sie dazu zu bringen, sich über „nur noch“ eine halbe Million an schleichender Einwanderung pro Jahr zu freuen. Das wären im von der Bertelsmann-Stiftung anvisierten Zeitraum ja „nur“ etwa acht Millionen Menschen aus meist überaus sympathischen Drittstaaten. Es gibt ernstzunehmende Leute wie den französischen Philosophen Renaud Camus, die das als „großen Austausch“ bezeichnen.

 

 

Sven von Storch

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