Guten Tag wir möchten mal heiraten

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Guten Tag wir möchten mal heiraten
Datum: 09.10.2014, 12:43

Der Termin steht fest, das Restaurant ist gebucht, die Gäste womöglich schon eingeladen, das Brautkleid gekauft und nicht selten sogar der Tischschmuck bereits geplant. Was fehlt? Achja, den Pfarrer sollte man vielleicht auch mal informieren.

Der konkrete Anlaß war, daß er einen Hochzeitstermin platzen lassen mußte, weil – das war nun wirklich ein krasser Fall – die Brautleute acht Wochen vor der Trauung mal beim Pfarrer aufkreuzten. Selbst wenn er gewollte hätte, die Kirche hätte an diesem Tag nicht für eine Trauung zur Verfügung gestanden. Terminverschiebung nicht möglich (s.o.). Die Katastrophe war perfekt.

Hinter dieser Geschichte verbirgt sich viel mehr, als es der erste tragikomische Eindruck vermuten läßt. Schon damals war – und um wieviel mehr ist es heute – die Kenntnis dessen, was eine katholische Ehe ist, so gut wie gar nicht vorhanden. Ob das wirklich jemals besser oder tiefer war, läßt sich nur schwer sagen, denn die Unauflöslichkeit der Ehe war gesellschaftlich gesetzt. Bis weit in die 70er Jahre hinein war eine Scheidung ein Skandal. Ganz gleich, ob sich ein Arbeiter scheiden ließ oder ein Topmanager oder Spitzenpolitiker. Das bürgerliche “Das tut man nicht!” war eine extrem hohe Hürde. Mit der Liberalisierung der zivilen Scheidungsgesetze wurde die Ehescheidung zu einer Formalie. Gerade noch, daß ein Familienrichter noch aktiv werden mußte. Mir erschließt sich bis heute nicht, warum man eine zivile Ehe nicht auf Antrag beim Standesamt beenden kann, da doch der Akt der Eheschließung nichts anderes als ein standesrechtlicher Verwaltungsakt ist, könnte die Beendigung dieses Rechtsverhältnisses bei Konsens und so keine streitigen Rechtsgüter zu verhandeln sind, ebenso auf dem Verwaltungswege erfolgen. Zumal sich das staatliche Verständnis von Ehe als einer (Ver-)Bindung in beliebiger Konstellation immer weiter vom kirchlichen Verständnis entfernt, ist es hoch an der Zeit, staatliche und kirchliche Eheschließung weitaus deutlicher voneinander abzugrenzen.

Hier vermag man zu erkennen, wie groß der Unterschied zwischen einer Zivilehe, die ja nun wirklich ein weltlich Ding ist und durch nichts anderes als einen Verwaltungsakt zustande kommt, gegenüber der kirchlichen Ehe ist. Letztere ist ein Sakrament. Sakrament bedeutet übersetzt ein Zeichen des Heils. Damit ist die Ehe, obwohl sie in der Zeit passiert, weit über die zeitliche Ebene hinaus genommen. Sakramente prägen auf existentieller Ebene unauslöschliche Siegel ein und sind dadurch nicht auflösbar. Auch wenn Atheistenverbände Enttaufungsrituale versuchen, was in sich einfach nur lächerlich, jedoch keinesfalls harmlos ist, so sind sie nicht in der Lage, das Sakrament an sich unwirksam zu machen. Ebenso wird ein Ehesakrament nicht durch eine weltliche Gerichtsinstanz unwirksam.

Das Drama liegt genau hier, in eben jenem Unverständnis gegenüber dem, was denn eine katholische Ehe ist. Dabei ist das weder eine Geheimlehre, noch ist es sonderlich schwer zu verstehen. Die Ehelehre der Kirche ist in drei bis sieben Sätzen erklärt und erschließt sich der Ratio – selbst der ungläubigen – binnen kürzester Zeit.  Ob man dies dann im Glauben annimmt und bereit ist, das mit allen zu erwartenden Brüchen und Hürden in reales Leben umsetzt, ist noch einmal eine andere Frage. Eine so tief greifende existenzielle Veränderung sollte man auch nicht leichtfertig en passant erledigen, sie ist auch völlig untauglich als romantisches Beiwerk zu einem rauschenden Fest.

“Ob denn alle Priester immer ein gutes Gewissen haben, wenn sie ein Ehevorbereitungsprotokoll ausstellen?”, so fragte mal ein Bischof in einer Infoveranstaltung für Priester und ehrenamtliche Laien. Er erweiterte noch auf Taufe und Firmung. Und man muß sich wirklich fragen, warum die Pfarrer in unserem Land auf die Frage des Bischofs in der Firmliturgie nach der Vorbereitung der Firmlinge antworten, ohne auch nur im geringsten zu erröten oder zu stammeln.

Da liegt des Pudels Kern. Die auf ein Sakrament vorbereitende Katechese krankt bei uns in unerträglicher Weise. Wer allerdings darauf hinweist, bekommt die stereotype Antwort, man könne das doch personell gar nicht leisten. Aha!

Katechese, so der am häufigsten gehörte Einwand, generiert keinen Glauben. Das stimmt. Aber ohne Katechese gibt es nicht einmal ein Kennenlernen der Inhalte des Glaubens und das ist Voraussetzung, um überhaupt einen Zugang dazu zu bekommen. Wenn mir keiner von Jesus Christus erzählt, woher soll ich ihn kennen?

Es stimmt ja, wie soll ein Pfarrer mit zwei weiteren Priestern und eine Gemeindereferentin 150 Kommunionkinder mit deren Eltern und 100 Firmlinge und 50 Taufelternpaare und 25 Brautpaare auch nur näherungsweise angemessen auf den Empfang der Sakramente vorbereiten.

Wie soll das gehen? Es wird nicht gehen, wenn wir nicht (Achtung! Pastoralneusprech!) Ungleichzeitigkeiten (Ha! Ich kann das auch) akzeptieren. Egal um welches Sakrament es geht, es gibt immer die, die dem Pfarrer noch was beibringen könnten, die breite Masse, die so mehr oder weniger gutwillig aber unverschuldet ahnungslos ist und die wenigen, die sich eigentlich gar nicht interessieren, da sie völlig kirchen- und glaubensferne Motive für den Sakramentenempfang haben. Letzte sind die Firmlinge, die sich für ein Moped firmen lassen, die Brautleute, die wirklich nur(!) den romantischen Kick in Barock suchen oder die Taufeltern, die einen Event zur Geburt suchen.

Die letzte Gruppe ist eigentlich recht einfach zufrieden zu stellen, wenn man nur ein kleines bißchen Phantasie entwickelt. Zwei Varianten bieten sich an: rigorose Ablehnung oder eine nicht sakramentale Feier mit katechetischem Charakter. Letztere fände ich deutlich besser. Segnen, so sagte mir mal ein Priester, kann ich jeden, wirklich jeden. Warum nicht Segensgottesdienste anbieten, die einen feierlichen und katechetischen Charakter haben und alle dazu einladen, die im Grunde für den Sakramentenempfang nicht disponiert sind. Man kann das so machen, daß das auch unverwechselbar ist. Bei Paare jeglicher Art werden dann eben nicht die Paare (und damit die nach kirchlicher Lehre irreguläre Partnerschaft) sondern der einzelne Mensch gesegnet. Das geht und das könnte ein Eingangstor zur Kirche für gerade die sein, die sich selber eher draußen sehen.

Die erste Gruppe, leider ist sie wirklich sehr, sehr klein, ist auch locker zufrieden zu stellen. Unkomplizierte Sakramentenspendung und schauen, wie sie weiter begleitet werden können. Man kennt diese Ringeltauben eh, weil sie ohnehin ständig irgendwie in der Kirche rumhängen, beten, sich im Glauben, in der Lehre und im geistlichen Leben fortbilden. Aber bitte, man sollte sie nicht vergessen, denn auch diese haben Bedürfnisse.

Die mittlere Gruppe, die die größte ist, stellt die größte Herausforderung dar, weil sie ins sich sehr heterogen ist. Da braucht es eine katechetische Sakramentenpastoral der kleinen Schritte. Das heißt aber nichts anderes als Abschied von der Erstkommunion und Firmung im Klassen- oder Jahrgangsverband. Das heißt bei Eltern von Neugeborenen Taufaufschub und bei Brautleuten die klare Ansage, wer sich nicht mindestens ein Jahr vor der geplanten Hochzeit meldet, bekommt keine Trauung. Schon allein der Zeitfaktor und die Möglichkeit zu differenzieren bietet die Chance, sehr viel mehr in der Katechese zu erreichen. Firmvorbereitung muß mindestens 2 Jahre dauern, weil die Jugendlichen diese Zeit brauchen, um heraus zu finden, ob sie wirklich gefirmt werden möchten. In der Gegenwärtigen Konstellation ist die Firmung ein Ausstiegs”sakrament”, welches in den meisten Fällen Ungläubigen gespendet wird. Die Gültigkeitsfrage ist zulässig.

Die Erstkommunion wird in Massen Kindern gespendet, die nicht einmal näherungsweise eine Sozialisation im Glauben erfahren haben und deren Eltern nur zu oft erkennbar ablehnend der Kirche gegenüber stehen. Diese Haltung “das Kind muß mitgehen, weil ja seine Klassenkameraden gehen und wir ihm nicht zumuten können außen vor zu stehen”, muß weg! Elternkatechese zur Klärung, ob man ein Kind zur Erstkommunion zulassen kann ist eine dringende Notwendigkeit.

Ebenso verhält es sich bei der Taufe. Die Eltern versprechen bei der Taufe, ihr Kind im Glauben zu erziehen. In wievielen Fällen ist das eine glatte Lüge, weil überhaupt gar nicht die Absicht besteht? In wievielen Fällen ist es schlichte Hilflosigkeit. Wie soll man ein Kind in dem Glauben erziehen, den man selber nicht hat, nie gelernt hat.

Aber man sagt halt dem Pfarrer, was er hören will, weil sonst wird ja womöglich das Kind nicht getauft. Und was sollen die Nachbarn sagen? Wehe dem Pfarrer, der einmal genauer nachhakt und vielleicht wirklich einen Taufaufschub auch nur anregt.

Man sieht sehr deutlich, daß der einzelne Priester vor Ort hier machtlos ist. Wer sich auch nur etwas konsequenter zeigt, muß damit rechnen, daß der Nachbarpfarrer einem in den Rücken fällt. Die Solidarität unter Priestern ist geradzu erschreckend gering. Oft genug ist es zu erleben, daß ein Firmling, der wegen groben Mißverhaltens in Gemeinde A aus der Firmvorbereitung ausgeschlossen wird in Gemeinde B einfach mitgeschleift wird.

Es braucht, obwohl das eigentlich ärgerlich ist, Regeln für die Katechese vor dem Empfang der Sakramente. Es braucht hinreichend lange Vorlaufzeiten, um diese überhaupt durchführen zu können. Am Ende braucht es auch die Ausbildung von Katecheten, die diese Aufgabe übernehmen können. Mehr noch, es braucht den Mut bürgerliche Verkrustungen aufzubrechen. Die Kirche ist kein bürgerlicher Verein, der dazu dient die Bürger eines Ortes religiös zu bespaßen. Die Kirche ist auch kein Dienstleister für Feiern zu Lebenswendeereignissen. (Könnte ein Marktlücke sein … )

Alle Diskussionen, wie sie jetzt in Rom auf der Familiensynode geführt werden, werden unfruchtbar bleiben, wenn es nicht einen Paradigmenwechsel hin zu einer fundierten und ehrlichen Sakramentenkatechese gibt. Ohne eine solide katechetische Vorbereitung auf den Sakramentenempfang der Taufe (bei Säuglingstaufe die Eltern), der Erstkommunion (Kinder und Eltern), der Firmung, und der Ehe wird sich kein einziges der Probleme, die jetzt in Rom besprochen werden, lösen lassen. Alles, was nicht fundamental bei der Katechese vor dem Sakramentenempfang ansetzt, ist reines Herumdoktern an den Symptomen.

Beitrage erschien auch auf: katholon.de

Sven von Storch

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