Gesetze helfen nicht mehr

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Gesetze helfen nicht mehr
Datum: 31.03.2015, 08:58

Wie bereits hinlänglich bekannt sein dürfte, ist in der aktuellen Printausgabe von Christ und Welt die Tötung einer Frau unter dem Deckmantel des humanen Sterbens und der Leidensverhinderung abgedruckt. Es sollte eine Debatte ausgelöst werden, wie wir als Christen mit der Sterbehilfefrage, die immer virulenter wird umgehen sollen.

Was ich von der Veröffentlichung einer solchen Straftat halte, habe ich bereits deutlich gesagt. Es gibt moralische Fragen, die schlicht und ergreifend nicht offen sind. Einer Debatte hingegen ist das offene Ende und jedes nur denkbare mögliche Ergebnis zu eigen. Einer Kultur des Todes können Christen nur eine Absage erteilen. Ende der Debatte.

Doch wir leben in einer sich immer weiter säkularisierenden Welt, die sich von den 10 Geboten ebenso verabschiedet, wie vom Naturrecht. Die Dammbrüche in bioethischen Fragen erfolgenden mit zunehmender Geschwindigkeit. Der Beginn des Lebens soll ebenso designt werden, wie das Ende. Kinder werden im Reagenzglas hergestellt, genetisch untersucht und bei Eignung in den Uterus eingepflanzt. Überzählige Embryonen werden vernichtet oder zur Forschung eingesetzt. Überzählige Mehrlinge werden reduziert und am Ende steht das perfekte Designerkind zur perfekten Zeit. Nach einem idealerweise perfekten Leben erfolgt dann das ebenso perfekt designte sozialverträgliche Ableben per Euthanasie. So stellt man sich das vor, idealtypisch überzeichnet natürlich nur.

Der Gegenentwurf der Christen lautet, daß eine Leben von Anfang bis Ende, von der Zeugung bis zum natürlichen Tod, ganz und gar in den Händen Gottes liegt. Eheleute versprechen bei der Tauung die Kinder anzunehmen, die Gott ihnen schenken will. Sie versprechen nicht, sich um eine planvoll festgelegte Zahl ideal designter Kinder aus dem Labor eines namhaften Humangenetikspezialisten zu bemühen. Da fängt es schon an. Leben hat mit Vertrauen in Gott zu tun. Es ist eben von Beginn an keine technisierte Verfahrensweise. Der Beginn des Lebens ist immer die Liebe. Das ist Schöpfungsprinzip, denn die Erschaffung der ganzen Welt, so auch des Menschen ist eine logische Folge der innertrinitarischen Liebe Gottes, die aus sich heraus geht, d.h. zur Selbtmitteilung neigt. Leben ist nichts anderes als die logische Folge der Liebe. Das bildet sich auch beim Menschen ab. Zwar können Menschen auch aus mißbrauchter Liebe entstehen, doch das ist genau der Mißbrauch der Schöpfung, der eine Folge des Sündenfalls ist. Eine solche Folge ist auch die Unkultur des Todes, die ein Geschöpf der Liebe, jeder Mensch ist zumindest ein Geschöpf der Liebe Gottes, der giftigen Abtreibungspille oder dem tödlichen Absaugrohr preisgibt.

Neben vielen anderen Merkmalen der Christen im antiken römischen Reich war ein Merkmal eben, daß die Christen nicht abtrieben und keine Kinder aussetzten. In der immer dekadenter werdenden Endphase des römischen Reiches, das ähnliche demografische Probleme hatte, wie wir derzeit, war das bemerkbar und bemerkenswert. Es bedurfte keiner Gesetzgebung. Die Christen taten es einfach nicht.

Spiegelgleich zur willkürlichen Verfügbarkeit am Beginn des menschlichen Lebens zeichnet sich die Verfügbarkeit am Ende des Lebens ab. Schon in 70er Jahren wiesen Lebensrechtler darauf hin, daß die logische Konsequenz aus der Legalisierung der Abtreibung die Legalisierung der Euthanasie sein wird. Sie haben Recht behalten. Zwar gibt es in Deutschland immer noch Widerstände gegen eine völlige Freigabe der Tötung oder assistierten Selbsttötung am Ende des Lebens, doch die Länder Belgien, Holland und die Schweiz gehen uns mit deutlich schlechtem Beispiel voran. Nicht nur die Tötung am Ende (oder was man dafür hält) des Lebens, vielmehr auch die Tötung behinderter und schwerstkranker Menschen wird diskutiert oder z.T. praktiziert. Dabei wird immer der Wille des Menschen oder was man eben dafür hält als Kriterium für die Tötung herangezogen. Fakt aber ist die grundsätzliche Nichtakzeptanz eines natürlichen Sterbens. Das kann nicht hingenommen werden.

Leben, das glauben wir Christen, ist ein für uns unverfügbares Geschenk Gottes. Das gilt für das Leben insgesamt und zwar seinem natürlichen Beginn bis zu seinem natürlichen Ende. Was wir derzeit mit der immer weiter sich ausbreitenden Unkultur des Todes erleben, ist wie Echo der Urversuchung: Ihr werdet sein wie Gott. Beginn, Verlauf und Ende des Lebens nicht mehr aus Gottes Hand, sondern nur noch aus der eigenen Hand zu akzeptieren, ist eben diese Versuchung, selber wie Gott zu sein.

Schon jetzt sind die Folgen zu erahnen, wenn man die Augen nicht verschließt. Eine Kultur, die sich zu einer Unkultur des Todes und der unbegrenzten Verfügbarkeit des Lebens entwickelt, ist dem Untergang geweiht. Schon heute sind unsere demografischen Probleme unlösbar geworden. Man vermag noch gar nicht zu ahnen, welche Folgen unserem Land und unserer Gesellschaft bevorstehen. Ein Blick in die letzten Jahrhunderte des römsichen Reiches vermögen vielleicht eine leichte Ahnung zu vermitteln. Man bedenke: Der Untergang einer Kultur geht nicht in Jahren oder Jahrzehnten sondern in Jahrhunderten über die Bühne. Die heranwachsende Unkultur des Todes oder besser gesagt der vollen Verfügbarkeit des Lebens ist nur eines der Merkmale des Verfalls.

Die Aufgabe der Christen in dieser Welt ist das lebendige und liebevolle Zeugnis für das Leben. Gesetze helfen uns nicht mehr, denn die bevorstehenden Gesetzgebungsverfahren können die Tendenz allenfalls noch retardieren. Gelingt es jetzt vielleicht noch einmal, die Legalisierung des organisierten assistierten Suizid abzuweden, so ist dennoch abzusehen, daß die nächste Runde in zehn Jahren bevor steht. Und dann wird es nicht mehr zu verhindern sein. Die Tendenz geht zur völligen Freigabe der Euthanasie. Mehr noch, langfristig geht der Trend zur Pflicht des sozialverträglichen Frühablebens derer, die sich aus eigener Kraft nicht mehr halten können.

Wir können nicht in die Zukunft sehen. Doch Trends sind klar erkennbar. Die wachsende Unkultur der Verfügbarkeit des Lebens in allen Phasen könnte endzeitfilmartige Konsequenzen haben. Bis hin zur Illegalität natürlich gezeugter Kinder und dem natürlichen Ableben alter Menschen. Mag das derzeit unvorstellbar klingen, so mache man sich bewußt, daß es vor 50 Jahren – nicht zuletzt unter dem Eindruck der damals jüngsten Geschichte – einen gesellschaftlichen Aufschrei gegeben hätte, hätte man Euthanasie auch nur diskutieren wollen. Heute redet man in dem Zusammenhang schon vom humanen Sterben. Was an der Tötung eines Menschen human sein soll, konnte mir bislang keiner erklären.

Christen sind gerufen, den Gegenentwurf zu leben. Sie sollen ihn auch dann leben, wenn die Gesellschaft sie dafür verleumdet, beschimpft, verfolgt oder sogar tötet. Das nämlich ist es, worauf wir uns immer mehr und immer stärker vorbereiten müssen. Christen töten Schwerkranken nicht. Christen zeugen ihre Kinder auf natürlichem Wege und treiben sie nicht ab. Christen lieben auch die Behinderten und die Kranken, sie bringen sie nicht um. Vielleicht, wir können ja nicht in die Zukunft sehen, ist das in hundert Jahren das Merkmal, an dem man die Christen in der Gesellschaft erkennt: An einer Kultur der Liebe und des Lebens. Doch niemals kann irgendein Mensch das aus sich selbst heraus bis in die letzte Konsequenz leben. Kaum etwas fordert einen Menschen so heraus wie das schwere Leiden eines sterbenden Menschen. Nur wenn es gelingt, in dem Menschen den leiden Christus zu erkennen und wenn es gelingt, den Blick auf Gott zu lenken, dann kann eine Kultur der Liebe und des Lebens gelingen.

Diese Kultur zu lernen, neu und immer wieder zu lernen, ist unsere Aufgabe. Wir brauchen Priester, Bischöfe, Eltern und viele andere Männer und Frauen eben dieser Nächstenliebe, die uns Lehrer darin sind. Christen müssen stark gemacht werden, für das Leben schwach zu sein. Dieser Aufgabe, gelebte Opposition zur Unkultur des Todes und der Verfügbarkeit des Lebens zu werden, müssen wir uns stellen. Der Glaube und der Blick aufs Kreuz, auf das wir mit Christus in dieser Woche zugehen, sind die Kraft, die das möglich machen kann. Das Zeugnis für eine Kultur der Liebe und des Lebens könnte es sein, daß in nicht allzu ferner Zeit auch in unserer Kirche die Spreu vom Weizen trennt.

Gegen den Trend zu leben und aus dem Glauben Zeugnis für das Leben zu geben, ist ein Kraftakt der Liebe.

Gesetze helfen uns dabei nicht.

Natürlich sollen wir weiterhin auch für Gesetze streiten und kämpfen, die das Leben der Menschen schützen.

Doch allein auf Gesetze verlassen sollten wir uns nicht mehr.

Zuerst erschienen auf katholon.de

Sven von Storch

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