Onkel Pfeiffers Weihnachtsmärchen

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„Niedersachsens Gefängnisse sind unterbelegt“, meldete der NDR am 2. Dezember mit vorfestlich-frohem Unterton. Derzeit seien sie nur zu 76 Prozent ausgelastet. Der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen Christian Pfeiffer, als Theoretiker abenteuerlicher Kriminalitätskausalitäten bundesweit zu Hohn und Spott gekommen („Töpfchen-Pfeiffer“), führt das gegenüber dem Sender darauf zurück, dass „die Menschen seltener als früher straffällig“ würden. Diese Entwicklung habe mit der Alterung der Gesellschaft, gewaltfreieren Erziehungsmethoden und einer gestiegenen Aufklärungsquote zu tun, welche potenzielle Täter abschrecke.

Auf die einfachste Erklärung kommt Pfeiffer nicht.

Sie lautet: Wenn mehr Knastzellen leer stehen, muss das nicht darin liegen, dass weniger Straftaten verübt werden. Es hängt eher damit zusammen, dass deutsche Gerichte Gefängnisstrafen immer öfter zur Bewährung aussetzen – selbst bei schweren Straftaten und sogar dann, wenn die Täter vorher schon x-mal vor Gericht gestanden haben. Am 4. Dezember erschien in der niedersächsischen „Niederelbe-Zeitung“ – als handele es sich um einen Kommentar zu Pfeiffers Erzählungen - der Bericht über einen Prozess in Otterndorf.

Ein 19jähriger ohne festen Wohnsitz, der die gerichtliche Ladung vorher bereits zweimal ignoriert hatte, war angeklagt, im März zusammen mit seinem Kumpel eine Tankstellenverkäuferin mit einer täuschend scharf aussehenden Softair-Waffe bedroht und die Tanke beraubt zu haben. Seine allfällige Erklärung, die auf der Festplatte von Strafverteidigern als Textbaustein steht („Es war wohl eine Mischung aus Alkohol und Langeweile“) kaufte ihm die Richterin ab. Dies, obwohl sie Mühe hatte, vom „eher beteiligungslos wirkenden Angeklagten“ irgendetwas Erhellendes über den Überfall zu erfahren. Dies, obschon eine Jugendgerichtshelferin dem Kapuzen-Burschen „keine günstige Sozialprognose“ (so die NEZ) ausstellte. Was beim gegenwärtigen Stand der Jugendgerichtshilfe im Klartext wohl bedeutet, dass die Prognose miserabel ist. Trotz alledem wurde der Täter, der die Tankstellen-Verkäuferin schwer geschockt hatte, nach Jugendstrafrecht zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung verurteilt.

Wer die Faust des Rechtsstaates dermaßen unter die Nase gerieben bekommt, kann sicherlich gar nicht anders, als in Bälde wieder vor dem Kadi zu landen. Dass er dann endlich einfahren wird, ist aber beileibe nicht ausgemacht. Dafür braucht es bei so genannten Jugendlichen in der Regel vier bis acht sich in puncto Gewalttätigkeit steigernde Delikte.

Sicher ist bloß: die altbekannten Friseure der Kriminalitätsstatistik würden uns auch noch dann noch Märchen von sinkender Kriminalität vertellen, wenn es auf den Straßen aussähe wie in John Carpenters Kinoklassiker „Die Klapperschlange“.

Beitrag erschien zuerst auf: achgut.com

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