Wenn am Sonntag die Olympischen Spiele in London zu Ende gehen, dann ist es fast genau 40 Jahre her, dass in München (September 1972) arabische Terroristen ein Blutbad unter israelischen Sportlern anrichteten, bei dem 17 Menschen zu Tode kam.
Das zeitliche Zusammentreffen der Spiele und des runden Jahrestages war freilich für das „Internationale Olympische Komitee“ (IOK) und dessen Präsidenten, Jaques Rogge, noch lange kein Grund, die Erfordernisse menschlichen Anstandes und Taktgefühls einzuhalten und der Toten von München mittels einer kurzen Trauerminute im Rahmen der Eröffnungszeremonie zu gedenken; stattdessen wurde das Gedenken in eine eigene – durchaus gelungene – Veranstaltung outgesourct wie ein Callcenter nach Indien. Dass der Deutsche Bundestag, das Kanadische Parlament und die Knesset, Präsident Obama und der belgische Sportminister um eine symbolische Geste gebeten hatten, ließ den Belgier Rogge unbeeindruckt.
Noch unguter als diese posthume Missachtung der Opfer des Anschlages von München ist freilich der tiefere Grund dieser Fehlentscheidung. Denn als ruchbar geworden war, dass deutsche und israelische Parlamentarier eine derartige Schweigeminute monieren würden, drohten mehrere arabische Staaten und das „Palästinensische Olympische Komitee“ (ja, so was gibt es tatsächlich) mit einem Boykott der Spiele von London. Nicht sehr glaubwürdig – den Palästinensern war extrem wichtig, ihre Fahne in London wehen zu sehen –, aber der Belgier knickte wie gewünscht ein und untersagte das Gedenken für die Toten im Rahmen der Eröffnung.
Es ist dies eine Form des mutlos-opportunistischen vorbeugenden Nachgebens, die seit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Tageszeitung im Westen immer wieder zu beobachten ist: im Zweifelsfall die eigenen zentralen Werte zur Disposition zu stellen, um Ärger mit übellaunigen und leicht erregbaren Gegnern dieser Werte zu vermeiden. Genau das machte auch der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees: Um Ärger mit der arabischen Welt, der noch dazu höchstwahrscheinlich eh ausgeblieben wäre, ja nicht zu riskieren, opferte Rogge die angemessenere Form des Totengedenkens. Das ist nicht gerade sehr anständig.
Leider wissen wir nicht, ob Rogge wenigstens ein wenig peinlich war, dass Jibril Rajoub, Chef des Palästinensischen Olympischen Komitees, diese Unanständigkeit in einem persönlichen Brief an ihn überschwänglich gelobt hat. Sport, schrieb der Palästinenser da, sei „...eine Brücke der Liebe und dazu da, Frieden zwischen den Nationen“ zu befördern.
Mit Brücken der Liebe und Frieden zwischen den Nationen dürfte sich Rogges neuer Bewunderer Rajoub ganz gut auskennen: israelischen Medienberichten zufolge ging der palästinensische Olympia-Funktionär in seiner Jugend dem in diesem Milieu beliebten Beruf des Terroristen nach. Offenbar nicht ganz erfolglos, denn dafür verknackten ihn die Israelis zu insgesamt 20 Jahren Knast.
Dass Herr Rajoub angesichts dieser Biografie kein überbordendes Interesse hatte, dass im Rahmen einer Schweigeminute auch nur indirekt an die Schweinereien seiner (früheren?) Gesinnungsgenossen erinnert wird, ist nachvollziehbar. Dass jedoch der Präsident des IOC dem nachgegeben hat, spricht nicht für ihn.
Beitrag erschien zuerst auf diepresse.com


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