Die Freiheit als höchstes Gut

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Die Freiheit als höchstes Gut
Datum: 13.11.2009, 11:31

Die Freiheit vor Gott und den Menschen ist der Exportschlager des Christentums und der abendländischen Kultur. Das sagen alle. Doch wie steht es um die Bereitschaft, sie gegen freiheitsfeindliche Ideologien zu verteidigen?

 

Am 9. November 1989 erkämpften sich die Bürger der ehemaligen DDR ihre Freiheit. Durch ihren Protest unter Druck geraten, ließ eine verwirrte Staatsführung die Schlagbäume hoch und leitete damit ihr eigenes Ende ein. Die Geschehnisse dokumentierten: Nichts ist so stark wie der Freiheitsdrang des Menschen, selbst Staatsgrenzen halten ihm nicht stand. Die Freiheit wurde bejubelt, beschworen und besiegelt.

 

Zwanzig Jahre ist das her. Viele Menschen glauben, der Sieg des Westens über den kommunistischen Osten habe der Freiheit zum endgültigen Durchbruch verholfen. Doch ein Blick in die Zeitungen verrät, wo unsere Freiheit heute bedroht ist. Roland Emmerich, Regisseur und Produzent zahlreicher Untergangsfilme, gibt am 9. November 2009 im Interview mit der Süddeutschen Zeitung freimütig zu, in seinem neuesten Werk alles zusammen fallen zu lassen außer die Kaaba, das Heiligtum der Muslime in Mekka. Sollte er das tun, müsse man mit großem Ärger rechnen. In dieser Äußerung eines gestandenen Künstlers zeigen sich die Spätfolgen der Affäre rund um die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten im September 2005. Die Führer freiheitlicher Staaten waren damals reihenweise eingeknickt vor der organisierten Empörung der Straße in einigen islamistisch regierten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Wütende Muslime verbrannten vor den Kameras Dänemark-Fahnen, schworen Rache und stürmten Botschaften. Das Ergebnis des Furors: Alles, was als kritisch gegenüber dem Islam verstanden werden könnte, darf nicht sein, findet schlicht nicht statt. Selbst das Zusammenfallen eines Heiligtums im Rahmen eines Untergangsfilms und damit nicht einmal kritisch gegenüber dem muslimischen Glauben intendiert, ist nicht mehr durch die Kunstfreiheit gedeckt. Der Petersdom in Rom, die Akropolis in Athen, das Weiße Haus in Washington DC, sie alle fallen wie Kartenhäuser zusammen, während die Kaaba stehen bleibt. Emmerich macht damit eine Aussage – ganz gleich, ob das seinem Willen ent- oder widersprechend ist.

 

Gegen die Selbstaufgabe des Westens beim Streit um die Karikaturen in einer bis dato unbekannten dänischen Zeitung hatte sich wenigstens noch der SPIEGEL-Autor und Publizist Henryk M. Broder mit seinem Buch „Hurra, wir kapitulieren!“ zu Wort gemeldet. In diesen Tagen ist man mit Feierlichkeiten zur Wende und Einheit in Freiheit viel zu beschäftigt, um öffentlich Protest einzulegen. Auch von kirchlichen Verantwortungsträgern ist nichts zu hören, dort arbeitet man noch an den verspäteten Reaktionen auf das ähnlich gefährliche Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Die Feigheit und Verantwortungslosigkeit der politischen und kirchlichen Entscheidungsträger werden als Klugheit und Freiheitsbewusstsein dargestellt. Doch eine solche Darstellung überzeugt nicht, erst recht junge Menschen nicht. Wenn die Freiheit wirklich so zentral ist – und das ist sie – dann muss sie auch zu Ende dekliniert und verteidigt werden. Selbstzensur ist auch Zensur. Der freiheitsbewegte „Westen“ – so er denn noch existiert -  gibt ein zunehmend bedenklich stimmendes Bild des Selbstzweifels ab. Werte sind in der Politik nur so wertvoll, wie Politiker und Bürger zu ihrer Verteidigung entschlossen sind. Wenn Gesellschaft und Eliten im Westen nicht bald aus ihrem harmoniebedürftigen Dornröschenschlaf aufwachen, regiert künftig wieder das Recht des Stärkeren. Der Fortschritt von Jahrhunderten wäre dann verloren.

Sven von Storch

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