MeTwo can do
MeTwo can do
Datum: 01.08.2018, 12:15
Jetzt endlich also darf so ungefiltert wie unverbindlich gegen den in Deutschland wild und wütend, krass und krank um sich greifenden Alltagsrassimus zu Felde gezogen werden. Mittels Schimpf und Schande. Jetzt kommt mal richtig raus, was die ohnehin Richtigen schon immer gewusst haben, was im Grunde schon seit Jahren jeder weiß, nein – zu wissen hat: In Deutschland wirst du von den Deutschen täglich fertig gemacht. Im Kleinen wie im Großen. Empört euch! Ab sofort können auf MeTwo frei erfundene oder tatsächlich erlebte bzw. erlittene, am besten erbärmliche bis peinliche, auf jeden Fall sowas von bezeichnende Fälle praktizierter Fremdenhatz rauf und runter erzählt werden, bis auch das dann, sagen wir nach einem Monat, keinen mehr kratzt; und folglich kaum einer mehr tut. Dann hat das Kesseltreiben hoffentlich all jene zu Duckmäusern degradiert, die ehedem noch kesse Lippen riskierten. Mucken sie immer noch auf, wird man sie mittels anderer Formate Mores lehren.
Es liegt in der Natur der Sache selbst, das Projekte wie diese eine ganz eigene Hetze entfachen: immer forscher, krasser und kaltblütiger gegen all jene, die man der Diskriminierung bezichtigt. Nicht zuletzt gilt, die bereits gesammelten ´Erfahrungsberichte´ noch zu übertrumpfen, und mittels passender Wendungen wird immer trickreich angereichert, was ansonsten allzu fade wirkt; sonst liest das ja keiner mehr. Es herrscht eine Art Quotenzwang, von echtem Leistungsdruck beflügelt: Immer schlimmer, immer schändlicher müssen sich die ´Fälle´ ausnehmen, damit der begleitende Voyeurismus überhaupt noch bedient werden kann. Schauen sie ruhig selbst mal rein. Es geht, wohlgemerkt, nicht um Tatsächliches oder Vermeintliches. Es geht ab sofort nur noch um das Eigentliche, nicht länger zu Hinterfragende: Da darf nicht mehr gezweifelt, nur noch festgestellt werden. Immer breiter spannt sich der Bogen, der Kreis der Verdächtigungen nimmt zu, und die möglichen Fluchtpunkte schrumpfen im selben Tempo: Dieser Bannmeile entgeht keiner, den man einmal dort verortet hat. Großzügig in der Wahl möglicher Themen, kommen entsprechende Einwände nicht mehr zu ihrem Recht. Und natürlich wird bis dahin auch die Mehrzahl der Beiträge von den Mitbürger*Innen muslimischen Glaubens gestemmt worden sein, denen also, wo immer voll fies fertig gemacht wurden, schon klar; und das muss, noch klarer, endlich Folgen haben in diesem Land, das so beschämend vorgestrig geblieben ist, so kollektiv fremdenfeindlich, so notorisch blind auf seinen rechten Augen. Das auf MeTwo in Wahrheit schon das nächste Kollektiv entsteht, eine ´Volksgemeinschaft´ der Aufrechten, deren Mitglieder über vermeintliche oder tatsächliche Benachteiligungen Sprachregelungen und Verhaltensvorschriften erzwingen, darf nicht einmal vermutet werden: Das markierte dann schon eine weitere alltagsrassistische Entgleisung. Nietzsche sprach von der ´Rache der Zukurzgekommenen´: Ihre Taktik bleibt die des üblen Nachtretens.
In Wahrheit kommt also das Ressentiment chronisch Beleidigter zu seinem Recht, die immer dann mit der Jammerkeule hausieren gehen, wenn es mit den eigenen Projekten nicht genügend weit (oder gar nicht) vorangehen will, wenn also dementsprechend Schuldige gesucht und gefunden werden müssen. Statt der richtigen lieber die passenden. MeTwo hilft mit und wird ganz von selbst einen ganz eigenen Alltagsrassismus erzeugen: den, der über bloße Häufungen haarsträubender Details die gärende Dünnsuppe ankocht. Auslöffeln müssen sie all jene, die nach den weniger abgesprochenen, mehr unter der Hand vereinbarten ´Rassegesetzen´ zu den Volksschädlingen zählen. Hellhäutig von Geburt, nicht links sondern eher rechts stehend, gar noch Islamkritisch eingestellt: geht gar nicht. So jemand darf auch gar nicht mitreden, denn seine Identität entlarvt ihn bereits. Schuldig im Sinne der Anklage. So einer kann auch keine Erfahrungen in puncto Ausgrenzung gesammelt haben, und war er als Schüler zufällig an einer Brennpunktschule mit über 90 % Anteil Migranten gewesen, dann hat er einfach nur Pech gehabt – hat er sich nicht entsprechend angepasst oder arrangiert.
Jakob Augstein warf nun, im Blick auf die MeTwo-Debatte, den Islamkritikern vor, sie ethnisierten die Religionszugehörigkeit ihrer ´Opfer´. Augstein tauscht hier aber nur Ursache und Wirkung gegeneinander aus. Hinter seiner Schelte lauert in Wahrheit der Anspruch auf Alleingültigkeit, dem so zum Durchbruch verholfen wird: Kritisierst du meine Religion – soll heißen: meinen Universalismus – bist du eben ein Rassist. Nicht der Kritiker, der Kritisierte selbst versiegelt seine Identität (Me one and only, sozusagen) und verunmöglicht damit jeden Diskurs. Aber der ist auf MeTwo auch gar nicht vorgesehen. Jakob Augstein mag ihn sich wünschen, aber mit Aussagen wie der nämlichen degradiert er sich selbst nur zum nützlichen Idioten derer die ihn dauernd verhindern.
Die unvermeidlichen Generalverdachte, als Vorurteile eigener Art, werden in die Nähe des Verbrechens rücken, was auch nur verdächtig klingt bzw. riecht. Da wird jetzt mal so richtig aufgeräumt. Und all jene, die ihrerseits kein Problem damit haben dürften, geringschätzig auf das Heer Ungläubiger in diesem Land herabzuschauen (und nicht nur zu schauen, wohlgemerkt!), räumen munter mit. Die auf MeTwo gesammelte ´Prosa´ selbst bleibt multiresistent, lupenrein sozusagen. Und sie funktioniert, das merkt man schnell, über die üblichen, zumeist betroffenheitsrhetorischen Allgemeinplätze: die sollen mundtot, also: gefügig machen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Im alten China hat man solcherart sogar gefoltert.
Nun hätte auch ich allen Grund bei dem Verein mitzumachen. Ältere Kollegen rufen mich noch immer, seltsam zeitversetzt, ´Jugo´ oder ´Balkankrieger´. Klarer Fall von Ausgrenzung. Denen könnt ich´s jetzt aber so richtig zeigen. Günstige Gelegenheit. Zusammen mit denen, die auf MeTwo ständig um die Wette keifen oder nölen? Munter mitmachen bei solchen, die mittels selektiver Zugriffe all das aussortieren und an den langen Pranger stellen, was ihren Dogmen widersteht? Auch wenn es ein wenig blasiert klingen mag: in dieser Stickluft kann man, an frische Luft gewöhnt, kaum atmen ohne zu keuchen.
In meiner heimischen Zappelbude waren und sind es türkisch – oder arabisch-stämmige Türsteher, die peinlich darauf achtgeben, dass bestimmte Leute schön draußen bleiben. Mit den Worten ´Wir kennen dich nicht´ machen sie denen schnell klar, wie gut sie die wirklich kennen und wie wenig sie dem Stammpublikum zumuten wollen, sie auch noch kennen zu lernen müssen. Die da nicht rein dürfen, das sind fast immer Museln. Die können jetzt also auch auf MeTwo auspacken und wahrheitsgemäß festhalten, dass man Ihnen ob ihrer Herkunft in Deutschland den Einlass in eine Discothek verwehrt. Wen interessieren schon diverse lästige Zusammenhänge, wenn der Hashtag vor allem eines will: ein unmissverständliches Zeichen setzen. Immer wieder. Gegen krasse Diskriminierung, üble Hetze – dauernden Rassismus.
Wir erinnern uns: MeToo, das nicht ohne Grund als assoziative Steilvorlage dient, hat seinerzeit (solange noch nicht her) eine wahre Hype verursacht. Eine Lawine wurde damit losgetreten, die etliche Hauptverdächtige und Mitläufer, Dutzendfieslinge und Fast-Vergewaltiger unter sich begrub. Mancherlei Karrieren sind so beendet oder in psychiatrische Seiteneinstiege umgewandelt worden, es hat endlose Prozesse gezeitigt, deren etliche noch immer, im Brackwasser versiegender Schlammschlachten, vor sich hin gären. Was so ein unverbindlich scheinendes, locker zu handhabendes Format im Zeitalter digitaler Totaldurchdringung binnen kurzem vermag – anzurichten oder auszurichten, je nachdem: Wir haben es erlebt. Und werden es immer wieder erleben.
Tarnen tut man das Ganze auch jetzt wieder mittels der üblichen, so unverdächtig wie lauter tönenden Beteuerungen. So ginge es, wie´s der Name schon andeute, um zwei Identitäten statt nur um die eine einzige (was ist mit den dritten oder vierten, mit Gender oder so?). Probleme würden nicht einzig benannt sondern auch diskutiert (faustdick gelogen). Und so weiter. Und übrigens: Die verdächtige Politprominenz hashtagt heißen Herzen bereits mit.
So berichtet etwa Cem Özdemir davon, wie er früher in der Schule ausgelacht wurde: „In der 4. Klasse fragte der Lehrer, auf welche weiterführende Schule wir gehen wollten. Ich hob den Arm beim Gymnasium. Der Lehrer lachte, dann stimmte die ganze Klasse mit ein. Mein Wunsch war das eine, meine Noten das andere. In der 5. kam ich auf die Hauptschule.“ Ja, so viel Rassismus jenseits schlechter Noten verlangt einfach nach später Rache, das kann und darf nie verjähren, wo kämen wir denn hin: schaut mal, was aus dem Cem geworden ist!
Bundesaußenminister Heiko Maas zeigt sich gar erschüttert. „Wer glaubt, Rassismus in Deutschland sei kein Problem mehr, dem empfehle ich, sich sämtliche #MeTwo-Tweets durchzulesen. Es ist beeindruckend und schmerzhaft, wie viele Menschen hier ihre Stimme erheben“, erklärte er. Daher: „Erheben wir unsere Stimme mit ihnen: gegen Rassismus, jederzeit, überall.“ Wenn es wirklich so viele Beleidigte und Verteufelte auf einmal sind, denen man bereits applaudiert – 50.000 Postings innerhalb von nur zwei Tagen! – dann erübrigt sich auch jeder Verdacht, etwa der, das hier womöglich jede Menge Trittbrettroller und Berufszerknirschis am Werke gewesen sein könnten, aber das zu mutmaßen unterstreicht von allein wieder den eigentlich Verdacht – den des richtigen Anfangs. Das der vom beleidigten Özil gesetzt wurde, mag man als Zeichen werten: Gut und richtig hat´s zu bleiben.
Endlich: Im Zweifel für den Angeklagten? Auf MeTwo immer erst mal für die Armee der Ankläger. Standrecht vor Zivilschutz. Beweise werden nicht verlangt. Wer wollte die auch einzeln prüfen?
Genug. Kampagnen wie diese öffnen im Ergebnis einem recht unbekömmlichen Denunziantentum Tür und Tor. Sie schüren Hysterien, rasend schnell und noch rasender vor (Ver)Geltungsdrang, der sich bei der Gelegenheit so selbstgerecht wie selbstsicher austoben darf. Vermeintlich egalitär ausgerichtet, im Grunde aber autoritär gestimmt, träumt auch MeTwo von totaler Kontrolle, und bleibt als Zweck, der alle Mittel heiligt, äußerst dubios. Es bleibt auch bequem, solcherart recht unverbindlich drauflos zu twittern. Man ist und bleibt auf der moralisch richtigen Seite. Die entsprechenden Reizworte wiederholt man am besten bis zum Erbrechen, das bereitet von allein ein passendes Klima vor, in welchem nur noch geschwitzt werden kann und darf, und die sich verewigenden Verdächtigungen und Brandmarkungen sorgen dann so recht dafür, das sich in Zukunft jeder dreimal überlegt, was er sagt oder mauschelt – denken darf er´s noch.
Big Ali Can is watching – me and you.
MeTwo can do.
Shanto Trdic, 31.07.2018
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