Hysterie und Grauen
Hysterie und Grauen
Datum: 03.02.2010, 12:26
Da hatte man sich Jahre lang beschwert, keinen richtigen Winter mehr zu erleben, und nun, wo er zurückkehrte, war es auch nicht recht. So überschlugen sich Hysterie, Horrormeldungen und Katastrophenwarnungen: 40 cm Neuschnee seien im Anflug. Oh Gott! Das hatte es in der Geschichte der Menschheit doch noch nie gegeben! Man riet zu Hamsterkäufen, und die Polizei bat gar die Menschen, möglichst nicht ihre Häuser zu verlassen. Und dann plötzlich: das Streusalz wurde knapp! Panik! Mir persönlich fehlte die Empfehlung, man solle vielleicht einen Pullover mehr anziehen, bevor man das Haus verlässt. Und möglichst nicht in Sandalen oder Sandaletten auf die Straße gehen. Vielleicht auch zu Handschuhen oder Pudelmütze zu greifen. Der Staat sollte dies dem Bürger eigentlich vorschreiben bei solchen Umweltkatastrophen. Denn alleine kommt der da kaum drauf.
Richtig, den Norden und Osten Deutschlands hatte es arg erwischt. Doch sonst: ein ganz normaler Winter in Deutschland. Keine Apokalypse, bei der sich die Erde auftat und Menschen und Häuser verschlang. Und Beeinträchtigungen des Straßen-, Schifffahrts- und Flugverkehrs, Rohrbrüche, Autounfälle und Schneeverwehungen bringen Eis und Schnee nun einmal mit sich.
Das war die eine Wirklichkeit. Doch es gab noch eine andere: Nachbarn, Kollegen und Freunde, die über die Medienhysterie spotteten. Fröhliche Schneeballschlachten auf den Straßen, glückliche Kinder mit roten Wangen und eiskalten Fingern, Rodelpartien, Loipen und Skigebiete, die Wintersportler phantastische Tage bereiteten. 10.000 Eisläufer auf der Hamburger Alster. Menschen, die vor den Häusern älterer Nachbarn mit großer Selbstverständlichkeit Schnee schippten. Verzauberte Landschaften, Eiszapfen an Felsüberhängen, bizarre entfremdete weiße Welten – wunderschön!
Einfach herrliche Zeiten für Kinder und Große, die nach Stunden dann bibbernd vor Kälte nach Hause kamen, um dort bei Glühwein oder heißem Kakao wieder aufzutauen. Viele spürten Dankbarkeit für den Segen der vier Jahreszeiten. Da war er wieder einmal greifbar, der Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Zwischen dem, was Medien und Staat schürt und dem, was der Mensch spürt.
Das echte Grauen spielte sich derweil am anderen Ende der Welt ab: in Haiti. Ein Land mit einer solch grauenvollen Geschichte, dass man annehmen könnte, Gott habe es vergessen. Hier, und nicht in Schneeverwehungen auf deutschen Landstraßen, war die Apokalypse tatsächlich spürbar. Tod, Elend, Hunger, Vergewaltigung, Plünderei, Seuchen. Warum vergisst hier die deutsche Bürokratie nicht einmal ihre Kopfstarre und schützt Waisenkinder vor Menschenhändlern, indem sie sie möglichst problemlos zur Adoption frei gibt? Tausende Kinder könnten vor der Sklaverei gerettet werden.
Hysterie in Deutschland, Grauen in Haiti. Zumindest die Koordinaten sollten nicht wackeln. Beten und spenden wir für Haiti. Ja, und kehren wir unsere Bürgersteige…
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