Wagner und der Zeitgeist

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Wagner und der Zeitgeist
Datum: 05.11.2013, 08:31

Angelegentlich der Verfertigung einer kurzen Rückschau auf das Wagner-Jahr stoße ich auf einen Spiegel online-Kommentar zum  sog. Düsseldorfer "Tannhäuser-Skandal". Letzterer bestand darin, dass das Publikum sein womöglich sauer verdientes Geld nicht für einen von SS-Schergen besiedelten und nun endlich mit der bei Wagner schon lange fälligen Gaskammer ausgestatteten Venusberg hingeblättert haben wollte, wie es die Inszenierung von Burkhard C. Kosminski in wohlfeil-trendkonformer und skandaleinkalkulierender Gesinnungskasperei vorsah, sondern eine romantische Oper um Verdammnis und Liebeserlösung zu erleben gedachte. Besagter Kommentar lieferte in zwei Sätzen die zeitgeistkompatible und in ihrem Duktus einmal mehr die "Gnade der späten Geburt" exemplifizierende Definition, warum die Täternachkommen im Parkett darauf kein Recht hätten, nämlich: "Richard Wagner war ein ekelhafter Antisemit, seine Opern wurden von führenden Köpfen des nationalsozialistischen Politiker-Packs geliebt und zum Inbegriff deutscher Kultur-Wertarbeit verklärt. Deshalb liegt es ziemlich nahe, zwischen Wagners möglicherweise genialem musikalischem Werk und den Verbrechen der Nazis Verbindungen herzustellen."

Säße man mit dem Genossen Journalisten auf einem Podium, könnte man ihn schön vorführen mit der Bitte, er möge doch einmal Zeugnisse für seine Behauptung beibringen, führende Köpfe des Packs (was es nicht alles gibt!) hätten Wagner geliebt, ja, er möge nur die entsprechenden Namen nennen – den Einen, Einzigen einmal ausgenommen; der liebte Wagner tatsächlich und kannte ihn besser als Merkel, Stoiber, Gottschalk und er, Pressbengel, zusammen. Und um das betretene Schweigen, welches diese Aufforderung unweigerlich auslösen würde, gnädig abzubrechen, wäre als zweiter Einwand die Frage angezeigt, warum diesem als Reichskanzler schon lange und nicht ganz unverdient vorzeitig außer Dienst Gestellten heute noch die Dignität eignen sollte, diktieren zu dürfen, wie Wagners oder irgendjemandes Werke zu verstehen und zu interpretieren seien, ob er, Kommentator, sich nicht schäme, 60 Jahre nach Hitlers Hinscheiden immer noch dessen Nero-Befehle zu befolgen und "Führer befiehl, wir folgen!" zu plärren...

Beitrag erschien am 1. November auf: michael-klonovsky.de

Sven von Storch

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