Wagner-Jahr, nächste Fortsetzung

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Wagner-Jahr, nächste Fortsetzung
Datum: 25.11.2013, 09:21

In der nur ihm und niemandem sonst in solchem Maße eignenden Fähigkeit zur Verschmelzung von Scherz, Satire und tieferer Bedeutung (i.e.: enormer Kennerschaft) hat Eckhard Henscheid das womöglich beste Buch zum Jubiläum vorgelegt. Es handelt sich um die ausführliche Dramatis personae vom Ring des Nibelungen, sprich um eine Vorstellung des gesamten Personals, welches in Wagners Opus magnum auftritt, unter dem belanglosen Titel „Menschen, Götter und sieben Tiere“. Wobei der Titel das einzig uninspirierte an diesem Buch ist. Man findet darin wundervolle Begriffsneuschöpfungen (die „waldwebenumwobenen Worte“), präzise Lakonismen („In gut zehn Minuten macht Fricka alles kaputt“) und Lästereien (Siegfried, „welcher wiederum auch nach Brünnhilde die erste Frau heiratet, die er trifft, Gutrune, und zwar sofort. Und ums Haar gleich drauf notfalls eine der Rheintöchter, wie’s kommt. Sieht so der Welterlöser aus? Genau.“)

Kundig, präzise und lakonisch beantwortet Henscheid auch die leidige Frage, ob das Wagnersche Personal judenkarikierend oder gar antisemitisch kontaminiert sei, die im Ring vor allem (bzw. einzig und allein) die Figur des Mime betrifft. Einen recht unverdächtigen Kronzeugen für diese Unterstellung hat der Mahler-Biograph und Opernkenner Jens Malte Fischer ausgegraben: 1898 dirigierte Mahler an der Wiener Hofoper den Siegfried und sagte danach im kleinen Kreis über den Sänger des Mime: „Das Ärgste an ihm ist das Mauscheln. Obwohl ich überzeugt bin, daß diese Gestalt die leibhaftige, von Wagner gewollte Persiflage eines Juden ist (in allen Zügen, mit denen er sie austattete: der kleinlichen Gescheitheit, Habsucht und dem ganzen musikalisch wie textlich vortrefflichen Jargon), so darf das hier um Gottes willen nicht übertrieben werden, wie Spielmann es tat.“

Also: Der Jude Gustav Mahler verstand Mime als von Wagner intendierte Juden-Persiflage, wobei Mahler damit kein Problem hatte, sondern nur mit der Übertreibung des Persiflierens. An der Figur selber hatte er offenbar nichts auszusetzen – warum auch? Mime ist eine interessante Gestalt mit großartigen Textpassagen („Einsam will ich/ und einzeln sein,/ Lungerern lass’ ich den Lauf“; „Ich weiß mir gerade genug;/ mir genügt mein Witz,/ ich will nicht mehr“), jedenfalls keineswegs ein schierer Unsympath und Bösebold, wie manche wähnen, sondern ein durchaus ambivalenter Charakter, ein Underdog zwar, aber ein seit je beim Publikum beliebter und in seiner Geplagt- und Geschlagenheit zur gelegentlichen Identifikation einladender. Das „in Haß, Gram und Aufruhr Brütende inmitten einer vermeintlich romantisch-idyllischen mythischen und Märchenwald-Welt“, notiert Henscheid, „macht den sozial tiefstehenden Gnom und Malocher und im Grunde doch Einzelgänger von der Artung Hagestolz noch inferiorer, depravierter, asozialer inmitten der Welt der Gewinner und Geldsäcke, der Siegfriede und sonstigen Rabauken und müßiggehenden Wandergötter – es stellt jedoch hier erstmals ein Gefühl sich ein, das wir vom Mime des Rheingoldher schon ein bißchen kennen: beklommene Sympathie.“ Und auf die Judenfrage eingehend, fährt Henscheid fort, „daß man, ob Jude oder nicht, Mime in seinem Haß auf den genuingenetischen Herrenmenschen, auf diese ‚blonde Bestie’ in statu nascendi“ – Siegfried also – „gut nachempfinden kann“.

Der im ästhetisch-dramaturgischen Sinne entscheidende Punkt aber ist, dass die Frage, „ob Jude oder nicht“, sich als vollkommen gleichgültig erweist, denn Wagner schafft bei seinen Gestalten, so Henscheid sehr in meinem Sinne, „fast immer und immer unabdingbar poetische Gerechtigkeit“. Und: „Die etwas gescheitere Frage, ob Wagner als Charakter latent oder gar offen antisemitisch ist oder nur im Sinne des Dramas, in dem sein Held eben u.a. bösartig zu sein hat: Auch sie ist im Grunde so platitüdenhaft langweilig, daß wir besser mit uns zurate gehen, wie anders denn der Komponist die Sache hätte angehen sollen.“

Damit ist im Grunde alles gesagt. Das Thema ist schlechterdings unwichtig; es zu traktieren, fruchtet im Hinblick sowohl auf die Darbietung der Werke als auch auf die sogenannte Auseindersetzung mit ihnen nichts. Die unentwegte Wiedervorlage hat andere Gründe. Henscheid dazu: Der „Wille, den Führer mit seinem zeitweisen bzw. angeblichen Lieblingskomponisten zu verschmelzen, er ist hier ein zählebiger und ganz besonders probater Quark. Und nimmt vielleicht sogar nochmals zu, zumal jetzt, wo, wie man liest, alles auf eine sogenannte Reductio ad Hitlerum hinausläuft, als Gemeinplatz für die Arbeitsplatzbeschaffung sonst unausgelasteter Forscher des neueren Akademikerproletariats.“

Beitrag erschien zuerst auf: michael-klonovsky.de 

Sven von Storch

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