Pazifist Wagner

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Pazifist Wagner
Datum: 27.01.2014, 13:35

Lektüre, zum ersten: Hilal Sezgin rechnet in ihrem Buch "Artgerecht ist nur die Freiheit" vor, dass jedes Jahr in Deutschland 600 Millionen Hühner ihr Leben verlieren und anno 2011 weltweit 65 525 000 000 Tiere geschlachtet wurden, wobei nur gezüchtete Landwirbeltiere in diese Zahl einflossen, es kommen noch die Fische und die Jägerei hinzu.Das ständige Wachsen der menschlichen Population wird auch diese Zahlen weiter steigen lassen. Dazu mag sich jetzt jeder verhalten, wie er will (vermutlich stammt das Fleisch demnächst ohnehin nicht mehr vom Tier, sondern wird in vielstöckigen Plantagen angebaut); ich nehme diese Horrorzahlen nur zum Anlass für die Frage: Wer war unter den bedeutenden Künstlern dieser Erde der entschiedenste Prediger des Vegetarismus? Es war Richard Wagner. Im Alter hielt er die vegetarische Ernährungsweise sogar für den Schlüssel zur Lösung sämtlicher Menschheitsprobleme. Überdies war Wagner ein radikaler Pazifist, "Menschenmord" und "Tiermord" hingen nach seiner Ansicht unmittelbar zusammen. Des Meisters Pazifismus haben die Bayreuther Blätter, so nationalistisch und völkisch sie sich später präsentierten, stets die Treue gehalten, auch im Dritten Reich, und während des Ersten Weltkriegs stimmten sie nicht in den Chor der Bellizisten ein, worüber man hierzulande aber wenig erfährt, und schriebe nicht der achtbare Udo Bermbach seine Bücher, ich wüsste es selber kaum. Auch über Wagners Pazifismus und Vegetarismus war im Jubiläumsjahr wenig zu lesen, denn man hatte zwanghaft den vermeintlichen Antisemiten herauszukehren, freilich ohne den Hinweis, dass Wagners Judenfeindschaft im Wesentlichen Antikapitalismus und Antimammonismus gewesen ist (inwieweit begründet, steht auf einem anderen Blatt; ich glaube inzwischen nicht einmal mehr, dass er im rassischen Sinne Antisemit war).

Und damit wären wir bei der nächsten Lektüre: Das FAZ-Feuilleton macht auf mit einem ganzseitigen Artikel zum Ablauf der Parsifal-Schutzfrist vor hundert Jahren, womit Bayreuth sein Exklusivrecht auf dieses Opus verlor. Der Verfasser kommt zu dem bemerkenswerten Schluss, das anno 1914 weltweit waltende "Parsifal-Fieber" habe nicht direkt, aber irgendwie mit "dem allgemeinen Kriegsfieber" und dem "kollektiven Begeisterungstaumel" korrespondiert, von dem Europa damals erfasst worden sei (dieser "kollektive Taumel" ist übrigens auch nur ein Klischee, niemals ergriff die Kriegsbegeisterung irgendwelche Großgruppen). Und ganz besonders sollen die Begeisterten, o Wunder, im Kaiserreich herumgetaumelt sein. Zwar sei nicht bekannt, wieviele Soldaten "eine Parsifal-Partitur im Tornister trugen" (nicht einer, wette ich, denn die ist viel zu schwer), aber: "Etliche Bewunderer des Werkes dürften etwas Immaterielles mitgenommen haben, nämlich den Gedanken der 'Weihe', von Segnung, Auserwähltheit und Opfer in einem, den dieses Werk so suggestiv zelebriert. (...) Der kultische Geist des 'Bühnenweihfestspiels' kreuzte sich mit den jugendbewegten Idealen einer Epoche, die Jüngertum, kollektive Hingabe an eine Sache und schließlich das bedingungslose Opfer für Volk und Vaterland bis zur Hysterie propagierte." Soweit der FAZ-Feuilletonist Christian Wildhagen, nebenher Jury-Mitglied beim Preis der deutschen Schallplattenkritik und Lehrbeauftragter an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater.

Der Parsifal? Die Mitleids-Apotheose schlechthin, die wohl pazifistischste und friedfertigste aller Opern, in der die Tötung eines Schwans als schweres Verbrechen geschildert wird? In der Gralsritter auftreten, die gemäß Textbuch und Partitur "des Heilands Werke" verrichten, Männer, "die ihr Karma abgetragen" (Stefan Mickisch) und sich verpflichtet haben, ausschließlich Gutes zu tun? Deren Titelheld nach der Rückgewinnung des heiligen Speers diese Waffe trotz aller Gefahren, in die er gerät, wie Textbuch und Musik verraten, nicht anwendet, also selber Pazifist wird? Das Werk, in dem Wagner Christentum und Buddhismus verbinden wollte, um auf eine friedliche "Regeneration" der gesamten Menschheit hinzuwirken? Die Oper, welche die Nazis am Vorabend des nächsten Weltkrieges aus ebendiesen Gründen von allen Spielplänen verbannen sollten? Mit diesem Werk wurde 1914 die Jugend, die es zu ca. 96,3 Prozent nie gehört hatte, für Krieg und Opfertod eingestimmt? Und nur die Bayreuther Blätter, deren Mitarbeiter es allesamt auswendig kannten, haben nichts mitbekommen?

Man muss schon verdammt lange die absonderliche öffentliche Meinung dieser Republik konsumiert haben und ansonsten buchstäblich nichts wissen, um dergleichen zu schreiben oder gar zu meinen. Dass der Autor am Ende des Artikels "Stefan Herheims grandiose Parsifal-Inszenierung" aus dem Jahr 2008 lobt, wo eingespielte Filmaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg den Anschein erweckten, "als zögen die Gralsgläubigen, frisch gestärkt durch die Feier des 'letzten Mahles' und mit Wagners Verklärungsklängen im Ohr, direkt aus dem Gralstempel in die Schützengräben", ist so folgerichtig wie eben dem Werk und der Intention Wagners gegenüber infam falsch – und vermutlich nicht einmal als historischer Vorgang zu halten. Es ist die schiere bundesrepublikanische Zeitgeistfolklore, ein Bratenriecher und Tendenzvollstrecker (oder vielleicht auch nur trendhöriger Einfaltspinsel; man soll ja nicht niedrig vom Menschen denken) lobt den anderen, es sind Kulturbeamte eines Landes, das in 60 Jahren kein einziges Kunstwerk erzeugt hat, welches zwanzig beliebige Takte des Dritten Parsifal-Aufzuges aufzuwiegen vermöchte, dafür aber unentwegt Spitzbuben, Schelme und Fatzkes produziert, die Werke wie dieses mit falschen Bedeutungen zumüllen.

Beitrag erschien zuerst auf: michael-klonovsky.de

Sven von Storch

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