Gestern Treffen mit Jörg Friedrich,

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Gestern Treffen mit Jörg Friedrich,
Datum: 17.04.2014, 11:45

...der soeben sein Buch über den Ersten Weltkrieg abgeschlossen hat, nach „Der Brand“ (Bombenkrieg), „Yalu“ (Koreakrieg) und „Das Gesetz des Krieges“ (Russlandfeldzug) die vierte Monumentaldarstellung eines militärischen Großkonflikts von seiner Hand. Friedrich sitzt in einer seiner beiden großzügigen Charlottenburger Altbauwohnungen inmitten eines Schlachtfeldes aus Weltkriegsliteratur, um ihn reihen und türmen sich Gesamtdarstellungen, Biographien, Dokumentensammlungen, Memoiren aus hundert Jahren und aller kriegsbeteiligter Herren Länder, immer wieder pittoresk unterbrochen von Schallplatten- und CD-Stapeln (in den Regalen ist kein Zentimeter Platz mehr). Er konfrontiere neuerdings seine Bekannten mit der Frage, ob sie mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges eigentlich zufrieden seien, und amüsiere sich über die irritierten Antworten, erklärt Friedrich. Mit der Niederlage des Kaiserreichs hätten sie meist weniger Probleme als mit dem Sieg der anderen, der Länderaufteiler und Kolonialherren. Ob ich mir übrigens erklären könne, warum inzwischen alle Welt mit den Worten George F. Kennans von der „Urkatastrophe“ Erster Weltkrieg spreche? Nach kanonischer Lesart habe damals schließlich das Gute gesiegt, Deutschland sei demokratisiert und ein Stück verwestlicht worden, habe später noch einmal stur dagegen aufbegehrt, um dann endgültig bekehrt im Westen anzukommen und den Weg zur europäischen Union einzuschlagen. Was suche der Begriff „Urkatastrophe“ in dieser Heilsgeschichte?

Ich schlage eine Art Freud’scher Fehlleistung als Erklärung vor. Offiziell gelte die Heilsgeschichts-Version, aber jeder wisse, dass aus dem dreißigjährigen Krieg von 1914 bis 1945 weniger ein geläutertes und geeinigtes, als vielmehr ein ermattetes, überlebtes, von den neuen Großmächten kolonialisiertes, als Mittelpunkt der Welt nicht mehr infrage kommendes Europa hervorgegangen sei, dessen vor allem demografische Erschöpfung immer mehr zutage trete und das in zwei, drei Generationen nicht mehr jenes Europa sein werde, das wir kennten, sondern ein Ableger des Orients, günstigerenfalls Asiens, schlimmstenfalls Schwarzafrikas und naheliegenderweise alles zusammen. Das meine der Terminus „Urkatastrophe“ viertel- oder unterbewusst. In den beiden selbstmörderischen Kriegen seien nicht nur der europäische Geist und die europäische Kultur demoliert worden, der kollektive Amoklauf habe zudem das Leben so vieler junger Männer gekostet – also jenen Teil der Gesellschaft empfindlich reduziert, der zur materiellen und kulturellen Selbstbehauptung am unverzichtbarsten sei –, dass man durchaus von einer tödlichen Verwundung sprechen könne. Die Epoche der EU sei, verglichen mit den Weltkriegen, universalgeschichtlich betrachtet ein völlig nebensächliches Spätzeitphänomen, ungefähr so bedeutend wie die theodosianische Dynastie für die Geschichte Roms. –  Ich sei ein Schwarzseher, sagt Friedrich. – Ich sähe gern rosig, aber was soll ich tun?

Als Historiker lässt er sich auf Prognosen nicht ein, weshalb wir noch die Kriegsschuldfrage durchhecheln, die er für überflüssig hält, ein zu Propagandazwecken erfundenes Wort, das der – den Begriff einmal wieder wörtlich genommen – tragischen Urgewalt des Krieges nicht im mindesten gerecht werde, auch wenn das Gros der deutschen Historikerschaft und insonderheit bundesdeutsche Politiker den Artikel 231 des Versailler „Vertrages“, im Gegensatz zu den deutschen Offiziellen weiland und zur nahezu kompletten angelsächsischen Historikerschaft heute, lange akzeptiert hätten. Aber der Kriegsausbruch sei ein ganz konventioneller Vorgang gewesen in einer Zeit, in der Staaten eben Kriege zur Durchsetzung ihrer Interessen führten. Der Skandal, die Verantwortung oder eben die „Schuld“ beginne später, in der bedingungslosen Fortführung des festgefahrenen Krieges, in der unausgesetzten Opferung von Hunderttausenden um ein paar Kilometer Raumgewinn, im verbissenen nicht-miteinander-Sprechen der Kontrahenten, im gewissenlosen Durchziehen des sich-gegenseitig-Massakrierens (mehr zum Buch ein andermal, wenn es erschienen ist).

Genug vom Krieg. Der Mann ist nicht nur Geschichtsschreiber, sondern ein Musikaliensammler sui generis, bei dem es immer neue Trouvaillen zu entdecken gibt. Für diesmal nehme ich aus den Schätzen in Friedrichs musikalischer Ali-Baba-Höhle die ungarische Violinistin Johanna Martzy mit („Sie spielt nicht auf einer Sehne, sondern auf einem Nerv“; eine Bach'sche Partita, der erste Satz von Schuberts C-Dur-Phantasie und der Beginn des Violinkonzerts von Dvořák genügen vollauf zur Bestätigung und Bekehrung), nachdem er mir beim letzten Mal die deutsche Cellistin Anja Thauer an mein kaltes Herz gelegt hatte. Es scheint, wenn wir noch Jacqueline du Pré dazu zählen, über den ganz großen Streicher-Virtuosinnen ein Fluch zu liegen: Die Thauer nahm sich 28jährig das Leben, Madame du Pré erkrankte mit 28 Jahren an multipler Sklerose (sie ging mit 42 dahin), und die Martzy starb nach einer kurzen, steilen Karriere vollkommen vergessen 54jährig an Krebs. Vielleicht ist es Einbildung, aber dem Spiel aller drei ist zuweilen eine so schmerzliche Innigkeit und tiefe Trauer eingewoben, als ahnten sie ihr Schicksal. Wenn ich Johanna Martzy höre und mir dazu vergegenwärtige, dass diese violinistische Jahrhundertbegabung heute außerhalb kleiner Kennerkreise nahezu unbekannt ist (ich kannte sie ja selber nicht), begreife ich die Welt noch weniger als ohnehin schon.

Beitrage erschien zuerst auf: michael-klonovsky.de

Sven von Storch

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