Ein deutscher Linker
Ein deutscher Linker
Datum: 26.09.2013, 19:53
Zum 200. Geburtstag Richard Wagners ein paar Richtigstellungen über den Jubilar
I.
Die Strecke von London nach Bayreuth beträgt etwas über 1000 Kilometer, doch es sollte 78 Jahre dauern, bis eine Idee aus der Hauptstadt des britischen Empire in die oberfränkische Provinz gelangte. Der Verzug ist insofern noch besonders erstaunlich, als besagte Idee den Weg nach London einst von Deutschland aus genommen hatte. Ihre schließliche Rückkehr in das Richard-Wagner-Städtchen geschah unter dem Gejohle und Gebuhe des sich selber für wagnertreu haltenden Festpielhaus-Publikums, während der nach eigenem Dünken fortschrittliche Teil desselben begeistert applaudierte. Wagners Werk werde vergewaltigt, zeterten die Orthodoxen; es werde endlich entrümpelt, frohlockten die Progressisten. Beide Fraktionen saßen spiegelverkehrt demselben Irrtum auf: Sie glaubten, sie hätten der Geburt von etwas Neuem beigewohnt.
Die Rede ist vom Bayreuther „Ring des Nibelungen“ aus dem Jahr 1976, inszeniert von Patrice Chéreau und längst als sogenannter „Jahrhundertring“ kanonisiert bzw. bekakelt. Der Franzose hatte die Götter, Riesen und Zwerge der Textvorlage in Politiker, Kapitalisten und Proletarier verwandelt; im Rhein, darin die gleichnamigen Töchter sich neckisch tummeln, wuchtete ein Stauwehr; Nibelheim, wohin der arge Zwerg Alberich das geraubte Rheingold schleppte, präsentierte sich als ein düsteres Industriegebiet, geschaffen zur Akkumulation des gestohlenen Goldes unter der Herrschaft des nunmehrigen Kapitalisten Alberich; Siegfried schuf des Vaters zerbrochenes Schwert nicht mit dem Hammer neu, sondern mit einer gewaltigen Schmiedemaschine und so fort. Kurz, es fand auf der Bühne statt, was George Bernhard Shaw 1898 in seinem Buch „The perfect Wagnerite“ postuliert hatte, nämlich dass die Tetralogie „eigentlich moderne Kostüme erfordern würde, Zylinder statt Tarnhelmen, Fabriken statt Nibelheimen, herrschaftliche Villen statt Walhall“, denn das alte Nibelungen-Epos sei dem Komponisten nur „Vorwand und Namensverzeichnis“ gewesen.
Der „Ring“ als Drama mit sozialistischem Kern: Keine Kopf der deutschen Linken hat je eine Shaw vergleichbare These aufgestellt. Stattdessen wurde Wagner postum zum Mann der Rechten, der Bourgeois, der Nationalisten, schließlich der (gar nicht so rechten) Nationalsozialisten. 1933 wiesen die ultrakonservativen „Bayreuther Blätter“ Shaws Sicht der Dinge mit dem Bescheid zurück, Wagners Werk symbolisiere das Menschliche schlechthin und könne „niemals aber die kalte Wirklichkeit mit all ihren komplizierten Einrichtungen und sozialen Problemen“ darstellen.
Hier steht nun keineswegs das Postulat im Raum, dass die Shaw-Chéreausche-„Ring“-Deutung die „richtige“ sei – Wagners allegorisches Opus magnum bietet Raum für die vielfältigsten Interpretationen. Es muss allerdings gefragt werden, warum der Eindruck entstehen und jahrzehntelang auf den Bühnen vorherrschen konnte, Wagner habe dem Publikum tatsächlich germanische Götter, Helden und Fabelwesen vorführen wollen. Zwar ist auch diese Sicht der Dinge legitim, jeder Teenager, der erstmals in den Wagnerschen Kosmos gerät, nimmt die Figuren irgendwie eins zu eins (und ich werde in zehn Jahren wieder damit anfangen). Allerdings hätte all jenen auffallen müssen, die – gleichgültig ob begeistert oder indigniert – darauf bestanden, Wagner treibe Germanen- und Heroenkult, dass vom vermeintlich kultigen Personal am Ende niemand übrig bleibt.
Für den Schöpfer von „Lohengrin“, „Siegfried“ und „Parsifal“ waren die nordischen Sagen nicht mehr und nicht weniger als ein unverbrauchter Stoff, den er nach seinen Bedürfnissen kneten und kompilieren konnte – er ließ ja keine einzige Vorlage unverändert. Im Kaiserreich gab es viele Untersuchungen zum sagengeschichtlichen Hintergrund seiner Opern, und man zollte den „echt germanischen“ Figuren samt der sie angeblich verherrlichenden Musik Begeisterung. Wagner sei der „Wiederentdecker und kraftvoller Bildner uralter tiefsinniger deutscher und deutsch gewordener Sagenstoffe“ gewesen, schrieb Ferdinand Pfohl in seiner 1911 erschienen Biographie, er habe „dem deutschen Volk geschenkt“, was zuvor nur „einer kleinen Gemeinde von Gelehrten und Literaturprofessoren geläufig war“. Schon richtig, doch wollten nur wenige sehen (und hören), dass Wagner das „Ring“-Personal keineswegs verherrlicht, sondern zum Untergang verurteilt. Liest man sein reiches Werkbegleitschrifttum, offenbart sich schnell, wessen Ende auf der Bühne tatsächlich dämmert und was vier Abende lang im Germanenkostüm diskreditiert, denunziert und schließlich vernichtet wird: nichts anderes als die bürgerliche Gesellschaft.
Wo immer sich heute in der westlichen Welt Menschen versammeln, um dem „Ring des Nibelungen“ beizuwohnen, sollten sie davon ausgehen, dass dieses Werk gegen das Gesellschaftssystem geschrieben wurde, in welchem sie leben. „Meine ganze Politik ist nichts weiter als der blutigste Haß unsrer ganzen Civilisation, Verachtung alles dessen, was ihr entsprießt, und Sehnsucht nach der Natur“, notierte der gescheiterte Umstürzler im Dezember 1851, „nur die furchtbarste und zerstörendste Revolution kann aus unsern civilsirten Bestien wieder ‚Menschen’ machen“.
In seiner Rede vor dem Vaterlandsverein anno 1848 („Wie verhalten sich die republikanischen Bestrebungen dem Königthume gegenüber?“) hatte der damals 35jährige königliche Hofkapellmeister gefordert, der König möge sich als „allechtester Republikaner“ präsentieren, und darüber hinaus folgendes: Schaffung eines Parlaments, soziale Reformen, die genossenschaftliche Organisation des Volkes, die Abschaffung des Adels und aller Titel, sowie – jetzt kommt’s – des Geldes. Der „Ring“, dessen Textbuch Wagner Anfang 1853 beendete, ist eine sechzehnstündige Moritat über den Fluch des Goldes (= des Geldes) mit dem schlussendlichen Untergang der vom Geld geschaffenen Verhältnisse. Säße Wagner heute in einer Talk-show, man würde ihn als „kapitalismuskritischen Künstler“ vorstellen.
Andere Komponisten schrieben Musik, um ihr Publikum zu unterhalten oder zu enthusiasmieren, Wagner schrieb Musik, weil er eine andere Gesellschaft wollte. Politisch interpretierbare Kompositionen gab es zu allen Zeiten, aber Wagner ist der einzige Weltverbesserer, „der sich zu seinen Vorstellungen die Begleitmusik selbst schreiben konnte“ (Jens Malte Fischer).
Allerdings nahm der Lauf der Welt eine ganz andere Richtung, als es sich der Dresdner Hofkapellmeister, der 1848 zu Dresden auf die Barrikaden stieg, vorgestellt hatte. Der Aufstand scheiterte, viele seiner Mitkämpfer landeten im Gefängnis, er selber musste als steckbrieflich gesuchter Aufrührer ins Schweizer Exil flüchten.
Seither lebte Wagner, wie man heute formulieren würde, im falschen Film. Seine Vorstellung von einer Kunstrevolution war von der stattgehabten wirklichen Revolution ausgegangen. In der Schrift „Die Kunst und die Revolution“ beklagte er die egoistische Zersplitterung der Künste als Spiegelbild der Gesellschaft und postulierte, die „große Menschheitsrevolution“ werde die Einheit der Künste, das Gesamtkunstwerk herstellen, wie sie auch die in Stände und Klassen zersplitterte Menschheit in brüderlicher Liebe wieder vereinen werde. Nie sollte er dieses Publikum vorfinden; sattdessen saßen und sitzen die Angehörigen der von ihm verachteten bürgerlichen Gesellschaft in seinen Opern.
„Wagner hat, sein halbes Leben lang, an die Revolution geglaubt, wie nur irgendein Franzose an sie geglaubt hat“, schrieb einer, der es wissen musste: Friedrich Nietzsche. Und was tat er in der anderen Hälfte seines Lebens? Hat er sich nicht dem Kaiserreich angedient? Ist er der nicht „neudeutsch-preußische Reichsmusikant“ geworden, wie Karl Marx spottete, der in seinem Bayreuther „Narrenfest“ dem so gutbetuchten wie daseinsgelangweilten konservativen Publikum allerneuesten Event-Kitzel bot? Hat er nicht den Sieg über Frankreich mit einem Kaisermarsch gefeiert? War er nicht ein Antisemit, Nationalist und irgendwie „geistiger Wegbereiter“ seines allergrößten Fans aus Braunau am Inn?
Um das Phänomen Wagner halbwegs zu verstehen, muss man sich drei Tatsachen vor Augen halten. Zunächst einmal war der kleinwüchsige, quirlige, unentwegt redende Sachse ein Schöpfer und Vollbringer himmelweit oberhalb normalen Menschenmaßes, „Der letzte der Titanen“, wie eine neuere Biographie betitelt ist. Sodann war er der größte Egozentriker der Kunstgeschichte. Und schließlich hat er nie aufgehört, in revolutionären Kategorien zu denken.
Alles was Wagner postulierte, stand in direkter Beziehung zu seinem gewaltigen Ego, das sich selbst immer eine Sonderrolle zuschrieb – man darf beispielsweise über die lebenslange Geldgeilheit des lebenslangen Geldschmähers getrost den Kopf schütteln. Wagner war königstreu, wenn damit Tantjemen verbunden waren, ob nun in Sachsen oder in Bayern, er war kaisertreu, solange die Hoffnung bestand, Wilhelm I. werde in Bayreuth aufkreuzen (was der Kaiser 1876 tat), aber er verachtete Preußen, was wiederum damit zu tun gehabt haben dürfte, dass Bismarck weder seine Opern hören noch Bayreuth Geld geben wollte. Er frohlockte über Frankreichs Niederlage 1871, und zwar nicht zuletzt weil Paris ein Ort des Misserfolgs und der Demütigung für ihn war, dort hatte er als junger Musiker zwei Jahre lang vergeblich antichambriert und gebettelt und obendrein mit der französischen „Tannhäuser“-Premiere 1861 das größe Fiasco seiner Karriere erlebt. Hätte Paris voller Wagnerianer gesteckt, Wagners patriotische Gefühle hätten sich wohl in Grenzen gehalten. Dieser Titanoid war imstande, Regierungschefs, Großstädte, ja ganze Länder einzig danach zu beurteilen, wie sie seine Werke aufnahmen. Und man muss ja immerhin die ungeheuerliche Tatsache konzedieren, dass dieses Werk womöglich ganze Länder, Städte und natürlich alle seinerzeit bedeutenden Regierungschefs überdauern wird.
Auch der Theoretiker Wagner hält unbeirrt an der weitmöglichsten Perpektive, am Blick aufs Großeganze fest. Er stellt die Diagnose eines allumfassenden gesellschaftlichen und kulturellen Verfalls, er verachtet die Politik und bleibt getrieben vom Wunsch nach Umstürzung aller Verhältnisse. Gegen Ende seines Lebens hat Wagner die Idee der Revolution noch überboten durch seine Vision einer „Regeneration“ des Menschengeschlechts, in welcher sich die Abschaffung des Staates, rigider Pazifismus, die Überwindung des Egoismus, eine grundlegende Reformation des Christentums inklusive der Übernahme buddhistischer Elemente, Vegetarismus, Alkoholabstinenz, Naturverbundenheit mit dem Gemeinschaftserlebnis seiner Kunst wunderlich vermengen. Dass die regenerierte Menschheit Schluss gemacht haben würde mit dem Kapitalismus, dem Fluch des Goldes, dem Typus Alberich, versteht sich.
Beitrag übernommen von: michael.klonovsky.de
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