Ein deutscher Linker IV

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Ein deutscher Linker IV
Datum: 02.10.2013, 18:46

Im Jahr 1928 veröffentlichte der Musikkritiker Bernhard Diebold eine Broschüre, die den Titel von Nietzsches Streitschrift „Der Fall Wagner“ übernahm und mit dem Zusatz „Eine Revision“ versah. „Unglaubliches ist geschehen!“, notierte Diebold. „Das politisch rechts stehende Bildungspublikum hat seit dem Kriege Richard Wagner zu seinem speziellen Kunst- und Kulturgott erhoben. In Ermangelung eigener schöpferischer Kulturgeister erwählten die Mannen von rechts den Revolutionär, den Flüchtling und jahrzehntelang Verbannten von 1848/49 zum Erfüller ihrer nationalistischen Bedürfnisse.“ Dagegen habe die Linke eine „fatale Gedankenlosigkeit bewiesen“, indem sie „auf den ungeheueren Kultur-Kredit dieses weltberühmten Namens“ und „den mächtigen Propagandawert des größten Kunst-Revolutionärs“ verzichtete, der zugleich ein „Märtyrer des liberalen Gedankens“ gewesen sei. Dessen Nürnberg-Oper, die fünf Jahre später als musikalischer Höhepunkt des ersten NSDAP-Parteitages im Dritten Reich herhalten musste, nannte Diebold das „singende Lust- und Festspiel der Demokratie“.

Diebolds Ruf blieb nicht nur bei seinen Zeitgenossen ohne Widerhall – nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Schwierigkeiten der Fortschrittsparteiler mit ihrem 80-Prozent-Gesinnungsgenossen erst richtig krude Formen an. Politisch eher links stehende Autoren, Journalisten und Regisseure führen seither die Nazifizierung Wagners unter umgekehrtem Vorzeichen mit wachsendem Ingrimm zu Ende. Besonders frivol daran ist, dass diese staatlich subventionierten Kulissenumstürzler, die zeitlebens nie etwas riskiert haben, dem originären Revolutionär und Exilanten vorwerfen, er habe sich mit seinem Werk dem deutschen Machtstaat angedient. Der deutsche Gute umtanzt heute die Totempfähle der Vorfahrenschmähung mit derselben Inbrunst wie zuvor der gute Deutsche jene der Ahnenglorifizierung; neuerdings wedelt auch Hügelchefin Katharina Wagner beflissen mit dem Urgroßvaterskalp.

Aber wie konnte ein sozialistischer Revolutionär und komponierender Anarchist überhaupt in das Lager der Kulturkonservativen und Deutschnationalen geraten? Zunächst einmal wurde Wagner nach seinem Tode zügig entpolitisiert und kunstreligiös verklärt. Da nicht Siegfried die Gesellschaft umgestürzt, sondern Bismarck das Deutsche Kaiserreich errichtet hatte (und auch der zunehmend zivilisierter agierende Alberich keinerlei Anstalten machte, die Bühne zu räumen), sank der politische Kurswert Wagners mit einer gewissen Zwangsläufigkeit – während der künstlerische gewaltig stieg. Um dieses unbestritten glanzvolle Werk der politischen Lage anzupassen, verlegte sich die wachsende Schar der Anhänger um den harten Bayreuther Exegeten-Kern darauf, den linken Revolutionär einfach zu vergessen. Dass diese Titanenschöpfungen von einem Deutschen stammte, passte wiederum sehr gut zur Aufbruchstimmung und Größenrhetorik des Kaiserreichs.

Schon bei den ersten Festspielen 1876 gab ein pikierter Nietzsche nach dem „Rheingold“ die Karten für die übrigen Vorstellungen zurück, weil das Publikum, in dem er sich fand, exakt jene Gesellschaft war, die Wagner ursprünglich hatte stürzen wollen. Überdies vermisste er den Kosmopolitismus, der dem Wagnerschen Werk von Anbeginn eingeschrieben war und sich beispielsweise in der Wagner-Schwärmerei eines Charles Baudelaire offerierte. „Man hatte Wagner ins Deutsche übersetzt!“, zürnte der Philosoph. „Die deutsche Kunst! Der deutsche Meister! Das deutsche Bier!“

Bemerkenswerter- und auch kurioserweise waren es drei Ausländer, die den Komponisten postum aufs deutschnational-protovölkische Gleis schoben. Ehefrau Cosima, die Tochter Franz Liszts, war französisch-ungarischen Geblüts und kam in der Lombardei zur Welt; Cosimas Schwiegersohn, der Privatgelehrte und Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain, war Engländer, ebenso wie Schwiegertochter Winifred Wagner, geborene Marjorie Williams, die nach dem Tode ihres Gatten Siegfried Wagner von 1930 bis 1944 die Bayreuher Festspiele leitete. „Die gesellschaftliche Oberschicht, die sich zu Nietzsches Ekel und teilweise Wagners Verachtung für den ‚Ring’ versammelte, war ein Milieu, in dem sich Cosima ganz zu Hause fühlte“, erläutert Familien-Biograph Jonathan Carr; Cosima und Chamberlain, beide „im Wagner-Land als selbstgewähltem Exil“ lebend, „vertrugen sich augenblicklich prächtig“.

Cosima verfügte übrigens auch den bis heute unveränderten Bayreuther Aufführungs-Kanon, womit die Festspiele im Laufe der Zeit zwangsläufig etwas Starres und Rituelles bekamen. Der Meister selbst hatte keine konkreten Weisungen zum Bayreuther Menü hinterlassen, aber immerhin geäußert, im Rahmen der Festspiele regelmäßig eine Preisauschreibung für ein neues Werk veranstalten zu wollen. Als Witwe und Oberpriesterin in Personalunion hatte Cosima daran wenig Interesse.

Ihr Schwiegersohn Chamberlain wiederum fungierte als Spin-Doktor, der den politischen Revolutionär in einen ausschließlich künstlerischen umwandelte. Chamberlains Wagner-Biographie von 1895 ist, bei aller Tendenziösität, mit Souveränität und erheblichem Können geschrieben. „Eigentlich sollte man Kunstwerke nur sehen und hören – sie erleben – nicht sie besprechen“, schreibt er, „hierin wird mir jeder echte Künstler beipflichten. Kunstwerke des Genies sind nur mit Offenbarungen zu vergleichen; ihr Geheimnis können wir nie ergründen, und es erfordert unendlich viel Takt, dasjenige herauszufinden, worüber mit Nutzen gesprochen werden kann. Ein Schritt zu nahe an das Kunstwerk heran – und schon streifen wir den zartesten Reif ab; bald bleibt ein bloßes anatomisches Gerüst in unseren Händen.“ Wagners theoretische Schriften charakterisiert er so: „Der Künstler findet sie zu philosophisch, der Philosoph zu künstlerisch; der Historiker begreift nicht, dass die Einsichten eines großen Dichters ‚verdichtete Tatsachen’ sind, er verachtet sie als Träumereien; der ästhetisch gebildete Träumer weicht erschrocken zurück vor dem energischen Wollen des Revolutionärs, der mit Hilfe der Kunst die ganze Welt umzugestalten hofft. Kurz, diese Schriften verdienen in etwa die Bezeichnung Nietzsches: ‚für alle und keinen’.“

Der größte Verehrer Chamberlains war Kaiser Wilhelm II., der den Verfasser der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ mit großem Pomp empfing und dessen Buch stapelweise verschenkte. Winifred ihrerseits nahm etwas später regelmäßig Handküsse des Bayreuth-Pilgerers Adolf Hitler entgegen, wobei sie sich etwas weniger züchtige wünschte. Daraus, dass sie den Führer nicht nur verehrt, sondern geliebt hatte, machte die alte Dame auch nach 1945 als wohl einziger Mensch innerhalb des geschlagenen Reiches keinerlei Hehl. Zu Winifreds Ehren muss gesagt werden, dass sie vielen vom Regime verfolgten Künstlern geholfen hat. Zu Ehren des Hausorgans „Bayreuther Blätter“ wiederum sei festgehalten, dass das Periodikum, bei aller nationalsozialistischen Indienstnahme, dem Meister in einem Punkt getreulich folgte: Man blieb stets pazifistisch. Nach dem Tod des Chefredakteurs Hans von Wolzogen 1938 machten die Nazis den Laden dicht. Ein bisschen Blechbläser-Zinnober ausgenommen, konnten sie Wagner bei dem, was jetzt folgte, nicht mehr gebrauchen. –

Gegenwärtig ist unser Attac-Komponist, der sein Kreuz, lebte er heute, wahrscheinlich bei den Grünen oder der Linkspartei machen würde, auf den Bühnen und in den Medien einer zunehmenden Anbräunung ausgesetzt. Im Grunde ist das egal; dies Werk ist so bedeutend, dass es auch dann nicht an Strahlkraft verlöre, wenn sein Schöpfer Kommandant von Dachau gewesen wäre. Aber als Kuriosum darf doch festgehalten werden, dass in Sachen Wagner-Interpretation bis heute der Führer das letzte Wort zu haben scheint.

Der Komponist werfe einen Schatten, „in dem sich Musik und Holocaust verbinden“, metaphert der „Spiegel“ in seiner Titelgeschichte zum 200. Jubiläum und geht damit viel weiter, als unser seliger Adolf es je gewagt hätte. Die Wagnerfamilie sei „für Deutschland das, was die Atriden für die griechische Mythologie sind“, setzt das Magazin seine schiefen Gedanken in entlarvend schiefen Bildern fort; einer habe „schwer gesündigt, und dann liegt ein Fluch über allen Generationen“. Der mykenische König Atreus schlachtete die Kinder seines Bruders und setzte ihm das Fleisch als Mahl vor. Was mag der Schöpfer des „Tristan“ und Verfasser einer schäbigen Judenbroschüre Vergleichbares getan haben?

Musikern teilt sich dieser Fluch gemeinhin nicht mit. Die größten Komponisten nach Wagner – Bruckner, Mahler, Strauss, Puccini – hätten sich für ihn duelliert. Alban Berg beschied einem auf den Bayreuther Meister schimpfenden jüdischen Intellektuellen kühl: „Sie können so reden, Sie sind ja kein Musiker!“ „Ich hasse Wagner, aber auf den Knien“, brachte Leonard Bernstein die für den Kritiker angemessene Position auf den Punkt.

Für andere verbindet sich mit Wagners Werk eine Erinnerung daran, dass es einmal Zeiten gab, da sich die Assoziation „typisch deutsch“ mit der Auflösung aller Welträtsel in Musik und Dichtung verband, mit träumerischem Tiefsinn und mondbeschienener Realitätsflucht, mit der blauen Blume der Romantik, mit Feenreichen und Gegenwirklichkeiten, mit der Suche nach dem Ewigen und Überwirklichen, der Verachtung des schnöde-Materiellen und dem Streben nach höchster Erkenntnis, mit Kunst als Daseins-Letztbegründung und Gottesdienst. „Als deutsch im höchsten Sinne des Wortes“, schrieb Thomas Mann über Wagners Opern, dürfe man „ihre gewaltige Sinnigkeit, ihren mythischen Hang und metaphysischen Drang, vor allem schon ihr tief ernstes Selbstgefühl als Kunst ansprechen“, den „hohen und feierlichen Begriff der Kunst“, von dem sie erfüllt sei. „Bei alledem aber ist sie von einer Weltgerechtigkeit, Weltgenießbarkeit, wie sie keiner deutschen Kunst dieses Ranges je mitgegeben wurde.“

Aber man vergesse nie: Wagner war ein Modernisierer durch und durch. „Kinder, schafft Neues“, lautete seine Maxime. Erst das Bayreuth nach seinem Tod wurde zum Ort der Erstarrung und des Opportunismus. Bislang haben sich die Festspiele noch mit jedem politischen System arrangiert. Das Angepasststein an den Zeitgeist ist bis heute der Markenkern Bayreuths. Von den standardisierten Provokationen und gutgeölten gegen-den-Strich-Bürstereien der „noch immer ganz ernsthaft so genannten Opernregisseure“ (Eckhard Henscheid) über den Vergangenheitsbewältigungs-Exhibitionismus bis zum „public viewing": Die Festspielverantwortlichen haben gelernt, was man dem Feuilleton und den Chattering Classes vorsetzen muss – wobei vermutlich sämtliche in diesem Jahr auf den Grünen Hügel gänsemarschierenden Prominenten zusammen von Wagner nicht so viel verstehen wie der zumindest in diesem Punkte überaus kundige Führer. Da die Hakenkreuzfahnen draußen nicht mehr wehen dürfen, hat man sie auf die Bühne geholt, neben allerlei anderem Tinneff; die sogenannte „Entrümpelung“ der Klassiker ist ohne Gerümpel offenbar nicht zu haben. Die Werke werden zu Bayreuth heute betont unelitär, unschön, unpathetisch und zwanghaft politisiert dargeboten, fern aller Mysterien und auch noch im Klamauk unter der großen historischen Schuld ächzend. Urenkelin Katharina hat die Festpiele zu einer Veranstaltung gemacht, wo der Geist, der deutsche allzumal, höchstens noch spuken darf. Ein Vers von Kurt Tucholsky auf Friedrich den Großen, leicht abgewandelt, fügt sich hier gut: „Dreh still dich im Grabe,/ verbirg dein Gesicht,/ sie haben dein Festspielhaus,/ deinen Geist haben sie nicht.“

In allen Opern Wagners gerät der Outlaw in Konflikt mit den starren Regeln der Gesellschaft – eine genuin linke Perspektive. Wie seine Opern-Helden ist Wagner niemals in der realen Gesellschaft angekommen, auch wenn er es fertigbrachte, seiner Kunst einen eigenen Tempel zu errichten, in welchem 130 Jahre nach seinem Tod noch regelmäßig die Opferfeuer entzündet werden. Sein Wunsch nach dem Umsturz aller Verhältnisse und seine Weltabkanzelei haben sich im Alter sogar noch verstärkt, nun wollte er nicht mehr nur eine andere Gesellschaft, sondern die Menschheit als ganze einer „Regeneration“ unterziehen. Diese Regeneration müsse aus dem „tiefen Boden einer wahrhaften Religion“ wachsen, postulierte er – in Kurzform: Christus plus Buddha minus Kirche. Die Künste wiederum könnten zu ihrer wahren Blüte erst in einer regenerierten Gesellschaft gelangen; diese sei jedoch ohne die Mitwirkung der Kunst unerreichbar. Die Richtung dorthin weist der „Parsifal“.

Die Spätschriften Wagners, aus welchen sich seine Regerenationslehre in vagen Umrissen destillieren lässt, lesen sich wie ein Querschnitt durch antikapitalistische, grüne, pazifistische und esoterische Befreiungslehren, für den heutigen Linken freilich verdorben durch die Zutat zeitgemäßer Rassenideologie, die heute unter Rassismus firmierte (und dies wohl auch ist). Die „Entartung des menschlichen Geschlechts“ sei „durch den Abfall von seiner natürlichen Nahrung bewirkt worden“, heißt es in „Religion und Kunst“. Ausgehend von der „Erkenntnis der Einheit alles Lebenden“ und der „brahmanische Lehre von der Sündhaftigkeit der Tötung des Lebendigen und der Verspeisung der Leichen ermordeter Tiere“ hält Wagner den Vegetarismus für den „Kernpunkt der Regenerationsfrage“.

Der Zivilisation sei freilich der „Tier- und Menschenmord geläufig geworden“. Bereits im Alten Testament werde beides gerechtfertigt; überhaupt enthalte der rein jüdische Teil der heiligen Schrift wenig von der Sanftmut und dem Mitleid, welche das Neue Testament auszeichne. Weshalb der „Verderb der christlichen Religion von der Herbeiziehung des Judentums zur Ausbildung ihrer Dogmen herzuleiten“ sei; „wo wir christliche Heere, selbst unter dem Zeichen des Kreuzes, zu Raub und Blutvergießen ausziehen sahen, war nicht der Alldulder anzurufen, sondern Moses, Joshua, Gideon“. Die Nationen stünden einander immer waffenstarrender gegenüber, während die Universitätshistoriker den „Eroberern ihr Lied singen, von den Leiden der Menschheit aber nichts wissen wollen“. Nur „die Erkenntnis der Notwendigkeit und Möglichkeit einer wahrhaften Regeneration des der Kriegs-Zivilisation verfallenen Menschengeschlechts“ könne die Gattung ihrem edelsten Ziele näherbringen: dem „Weltfrieden“.

Die Überzeugung, dass sich die Menschheit falsch ernähre, gewann Wagner schon früh; 1850 schreibt er in einem Brief: „Mangel an gesunder Nahrung auf der einen Seite, Übermaß üppigen Genusses auf der anderen Seite, vor allem aber eine gänzlich naturwidrige Lebensweise im allgemeinen haben uns in einen Zustand der Entartung gebracht, der nur durch eine gänzliche Erneuerung unseres entstellten Organismus gehoben werden kann.“ An Liszt schreibt er, beinahe schon nach Wilhelm Reich klingend: „Wahrlich, all’ unsere Politik, Diplomatie, Ehrsucht, Ohnmacht und Wissenschaft und – leider auch – unsere ganze moderne Kunst, wahrlich, diese ganzen Schmarotzergewächse unseres heutigen Lebens haben keinen anderen Grund und Boden, aus dem sie wachsen, als – unsere ruinierten Unterleibe! Ach, wollte und könnte mich jeder verstehen, dem ich dies – fast lächerlich klingende – und doch so entsetzlich wahre Wort zurufe!“

Wer sich falsch ernährt, wirtschaftet auch falsch und treibt eine verderbliche Politik. Der „Raubmensch“, heißt es in „Religion und Kunst“, „bildet Staaten und richtet Zivilisationen ein, um seinen Raub in Ruhe zu genießen“, was sich dadurch nicht geändert habe, dass längst aus dem „reißenden“ ein „rechnendes Raubtier“ geworden sei. Für die Omnipräsenz der Berechnung macht er wieder zuerst das Judentum verantwortlich: In der „Kunst des Geldmachens aus Nichts“ seien die Juden „Virtuosen“, die Deutschen dagegen „Stümper“; unsere Zivilisation sei überhaupt keineswegs eine christliche, sondern im Gegenteil „ein Triumph der Feinde des christlichen Glaubens“, „ein barbarisch-judaistisches Gemisch“ in maximaler Heilandsferne. „Der verhängnisvolle Ring des Nibelungen als Börsen-Portefeuille dürfte das schauerliche Bild des gespenstischen Weltbeherrschers zur Vollendung bringen“, orakelt Wagner in der Spätschrift „Erkenne dich selbst“. Die Herrschaft des Geldes, des „bleichen Metalls, dem wir in knechtischer Leibeigenschaft untertänig sind“, überhaupt Eigentum als solches sowie dessen Vererbbarkeit gelten ihm als weitere Ursachen allgemeiner Entartung. Mit dem „Begriffe des Eigentums“, notiert er, sei „dem Leib der Menschheit ein Pfahl eingetrieben worden, an welchem sie in schmerzlicher Leidenskrankheit dahinsiechen muss.“

Dagegen liege „selbst dem Grollen des Arbeiters, der alles Nützliche schafft, um davon selber den verhältnismäßig geringsten Nutzen zu ziehen“, die Erkenntnis „der tiefen Unsittlichkeit unserer Zivilisation zum Grunde“. Dem „heutigen Sozialismus“ empfiehlt Wagner, er möge mit den „Verbindungen der Vegetarianer, der Thierschützer und der Mäßigkeitspfleger in eine wahrhaftige und innige Vereinigung“ treten. Dass bei ihm Schopenhauer immer subkutan mitspricht, demonstriert der Gedanke, die „in der Klage geeinigte Seele der Menschheit“ werde „durch diese Klage sich ihres hohen Amtes der Erlösung der ganzen mit-leidenden Natur bewußt“ und sei so imstande, den „rastlosen Willen“, der die Menschen zu blinder Zerstörung und sinnlosem Leiden treibe, von sich selbst zu befreien.

Im Gegensatz zu anderen Verkündern des „Neuen Menschen“ machte sich Wagner allerdings keine Illusion darüber, wie prekär die Lage der Gattung auch nach einer „Regeneration“ bleiben werde. Möge diese „sich noch so friedsam gestalten, stets und immer wird uns in der umgebenden Natur, in der Gewaltsamkeit der Urelemente, in den unabänderlich unter und neben uns sich geltend machenden niederen Willens-Manifestationen in Meer und Wüste, ja in dem Insekte, dem Wurme, den wir unachtsam zertreten, die ungeheure Tragik dieses Welten-Daseins zur Empfindung kommen, und täglich werden wir den Blick auf den Erlöser am Kreuz als letzte erhabene Zuflucht zu richten haben.“ –

Richard Wagner starb am 13. Februar 1883 in Venedig, an seinem Schreibtisch über einem Manuskript sitzend, dem der Titel „Über das Weibliche im Menschen“ vorangestellt war. Der letzte Satz, den er zu Papier brachte, lautete „Gleichwohl geht der Prozeß der Emanzipation des Weibes nur unter ekstatischen Zuckungen vor sich.“ Am Abend zuvor hatte er vor dem Schlafengehen auf dem Klavier die Klage der Rheintöchter gespielt: „Traulich und treu/ ist’s nur in der Tiefe:/ falsch und feig/ ist was dort oben sich freut!“ und mit den Worten kommentiert: „Ich bin ihnen gut, diesen untergeordneten Wesen der Tiefe, diesen sehnsüchtigen.“

Beitrag übernommen von: michael-klonovsky.de

Sven von Storch

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